Die üblichen Verdächtigen

Sowohl die Amerikaner als auch die Terroristen von al-Qa’ida haben den Irak zum „Frontstaat“ ihres Krieges erklärt. Die einheimische Bevölkerung fühlt sich zwischen diesen Fronten zusehends verheizt.

Aus der Sicht der Amerikaner war die Sache schnell klar, und der Feind hatte einen Namen: al-Qa’ida. Al-Qa’ida war immer verantwortlich, wenn in den vergangenen Monaten auf der Welt Unheil geschah, und so sollte es auch jetzt sein, bei den Blutbädern von Kerbala und Kadhimiya.

Es war ein archaisches Ritual, mit dem diesmal alles begonnen hatte. Tausende Männer in weißen Gewändern hatten sich im Wallfahrtsort Kerbala und vor dem Schrein von Kadhimiya in Bagdad in Ekstase getanzt, gesungen und gebetet. Ihre scharfen Schwerter blitzten im Licht der Scheinwerferlampen. Im Morgengrauen schlugen sie sich mit dem flachen Schwertblatt auf den Kopf, bis sie fast betäubt waren, um sich dann mit der Schneide Stirn und Kopfhaut aufzuschlitzen. Das Blut färbte ihre Gewänder tiefrot.

Sprengwesten. Vergangenen Dienstag feierte Iraks schiitische Bevölkerungsmehrheit Aschura, das Märtyrerfest. Im Jahr 680 hatte sich der Propheten-Enkel Hussein bei Kerbala mit einem Häuflein Getreuer dem mächtigen Omajaden-Heer gestellt, war unterlegen und umgekommen. Sein Märtyrertod symbolisiert für die Schiiten die heroische Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und Tyrannei. Das blutige Stirnschlitzen soll das 1300 Jahre zurückliegende Ereignis nacherlebbar machen. Unter Saddam waren diese Feierlichkeiten als Ausdruck schiitischer Identität verboten gewesen.

Nun, nach Saddams Sturz, hatten sich hunderttausende Pilger in Bewegung gesetzt, und die Sorge war groß – wie immer bei derartigen Menschenansammlungen. Immer wieder hatten Terroristen in den vergangenen Wochen das Gedränge bei Feiern oder in Warteschlangen anvisiert. Als es am Dienstag hell wurde, hatte das Aschura-Fest seinen Höhepunkt bereits überschritten, und es sah so aus, als würde alles gut gehen. Doch um zehn Uhr Vormittag gingen die Bomben inmitten der Massen hoch, Blut spritzte in alle Richtungen, Sterbende wanden sich am Boden, Überlebende rannten in Panik davon. 271 Menschen blieben am Ende tot liegen, 400 wurden verletzt.

Die Anschlagsserie war nicht nur die bisher schlimmste, sondern auch die ausgefeilteste. In Kerbala sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, gleichzeitig detonierten mehrere Sprengladungen, die in Lastenkarren versteckt waren. In Kadhimiya zündeten drei Attentäter ihre Sprengwesten, zwei am Tor und einer im Innenhof des Schreins – alles innerhalb von nur vier Minuten. Geheimdienstexperten schätzen, dass dafür eine Vorbereitung von drei bis vier Monaten und 200 bis 300 Beteiligte nötig waren.

Kein Wunder, dass die US-Besatzungsmacht den Schuldigen sofort identifiziert hatte. „Wir haben Geheimdiensthinweise, die diese Attacken mit dem Netzwerk von Abu Mussab al Zarqawi in Verbindung bringen“, sagte US-General John Abizaid, der Oberkommandeur der US-Truppen im Nahen Osten, am Mittwoch in Washington.

Der Jordanier Al Zarqawi ist nach amerikanischer Ansicht der Frontmann der Terrororganisation al-Qa’ida im Irak. Er soll im Jahr 2000 einen CIA-Agenten in Amman ermordet, al-Qa’ida-Camps in Afghanistan geleitet und nach dem Ende der Taliban-Herrschaft im kurdischen Nordirak die militante Islamisten-Gruppe Ansar-al-Islam aufgebaut haben.
Im Jänner wollen die Amerikaner bei einem Kurier ein Schreiben an die al-Qa’ida-Führung abgefangen haben, das von Zarqawi stammen soll. Es sei ein „Strategiepapier“, in dem die Taktik zur Destabilisierung des Irak skizziert wird, bevor am 30. Juni die US-Besatzung die Macht formell an eine irakische Regierung abtritt. Schlüsselelement des Plans sind die Schiiten, die durch „Angriffe auf ihre religiösen, politischen und militärischen Symbole“ in Wut versetzt und zu Racheakten gegen die Sunniten verleitet werden sollen. „Wenn es uns gelingt, sie in einen Sektenkrieg zu ziehen, wird dies die schläfrigen Sunniten aufwecken“, heißt es in dem Schreiben. „Seelen werden verderben, und Blut wird vergossen werden“, so die apokalyptische Prophezeiung.

Infiltration. All dies kann stimmen, ist aber in keiner Weise nachprüfbar. Abizaid hüllt sich über seine „Geheimdiensthinweise“ in Schweigen. Das US-Militär in Bagdad gibt keine Gründe an, warum es Zarqawi, der in Afghanistan im Kampf gegen die Amerikaner ein Bein verlor, für den Autor des „Strategiepapiers“ hält. Niemand kann beurteilen, ob der von einer CD stammende Text, der keine Unterschrift trägt, verändert wurde. Es passt nur irgendwie alles wunderbar zusammen. Dan Senor, der Sprecher der US-Verwaltung im Irak, der jeden Zweifel im Stakkato seines Redeschwalls erstickt, lässt es sich in keiner seiner Pressekonferenzen nehmen, an passender oder unpassender Stelle aus „seinem Zarqawi“ zu zitieren wie aus einem Buch der Offenbarung.

Der Feind ist damit benannt – und Washington hofft so, die Fernsehbilder von Tod und Chaos im „befreiten“ Irak während des anlaufenden Präsidentschaftswahlkampfs erträglicher zu machen. Al-Qa’ida ist an allem schuld, im Verein mit untergetauchten Schergen des Saddam-Regimes, den „dead-enders“ (Ausweglosen), wie es im Jargon der US-Propagandisten heißt. Nach jedem Blutbad hören Amerikaner wie Iraker denselben tröstenden Spruch: All dies zeige nur, „wie verzweifelt diese Leute sind, weil sie sehen, dass sie den neuen, freien, demokratischen Irak nicht mehr aufhalten können“.

Die Iraker sehen das jedoch ganz anders. Großajatollah Ali Sistani, das geistige Oberhaupt der Schiiten, kritisierte nach den Anschlägen die US-Besatzer, dass sie „die irakischen Sicherheitskräfte nicht stärkten und ihr nicht die nötige Ausrüstung gaben“. Einer der Zuständigen am Schrein von Kadhimiya klagte: „US-Militärs und irakische Polizei hielten unsere lokale Miliz davon ab, die Sicherheitsaufgaben zu übernehmen.“ Es ist zwar fraglich, ob die Infiltration der Pilgermassen durch Attentäter überhaupt zu verhindern gewesen wäre. Doch die Bevölkerung ist mit ihren Schuldzuweisungen schnell zur Hand. Als US-Soldaten nach den Explosionen helfen wollten, regnete es Steine auf sie nieder.

Die Iraker haben es sich eben nicht ausgesucht, dass ihr Land – wie es die Bush-Administration und diverse Bin-Laden-Kommuniqués unisono betonen – zur „Hauptfront im Krieg gegen den Terror“ wurde. Seit der US-Invasion vor knapp einem Jahr sind die Grenzen so gut wie nicht gesichert. Selbst ernannte Gotteskrieger, suizidbereite Fanatiker und Terror-Freiwillige können nahezu ungehindert in das Land einsickern. Ausbaden müssen es die irakischen Männer, Frauen und Kinder, wenn sie beim Warten vor einem Rekrutierungsbüro oder auf Wallfahrten ständig Angst vor Bomben haben müssen. Bei ihnen wächst der Verdacht, dass sie in Washingtons Krieg gegen den Terror verheizt werden sollen.

Deshalb haben die Iraker die Besatzer satt, die mit 60 Tonnen schweren Kampfpanzern durch ihre Straßen rattern, mit lauten Hubschraubern über ihre Dächer fliegen und den Anbruch eines demokratischen Zeitalters verkünden. US-Chefverwalter Paul Bremer versenkte bereits zwei Pläne für den Übergang des Irak in eine Demokratie von Washingtons Gnaden, den dritten rang ihm Großajatollah Sistani mit seiner stillen und klug eingesetzten Macht über die schiitischen Massen ab. Noch ist es nicht offiziell, aber Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres soll es unter UN-Aufsicht die ersten freien Wahlen geben.

Der nächste Schritt bei der amerikanischen Exit-Strategie war die Übergangsverfassung. Geeinigt hatten sich die Iraker bereits Anfang vergangener Woche auf den Text, die endgültige Unterzeichnung wurde aber immer wieder verzögert: Die Verfassung bekennt sich zu den demokratischen Grundrechten und Freiheiten, darunter die Religionsfreiheit, und bezeichnet den Islam als eine – nicht die einzige – Hauptquelle der Rechtsordnung. Selbst eine Frauenquote von 25 Prozent für das nächste Parlament ist vorgesehen.

Musterdemokratie. Bremer wird dann, nach der Abschaffung seines Amtes, den Saddam-Palast in Bagdad räumen. Mit der formellen Machtabtretung und dem Rückzug des Militärs in Stützpunkte an den Rändern der Städte nimmt man sich aus der unmittelbaren Schusslinie.
Doch die Amerikaner werden bleiben. Das Kriegs- und Besatzungsabenteuer kostet den US-Steuerzahler eine Milliarde US-Dollar pro Woche, mindestens ein
GI stirbt jeden Tag im Kleinkrieg gegen die Aufständischen in den sunnitischen Kerngebieten. Daraus erwächst die dringende Verpflichtung, sich Einfluss im Zweistromland zu bewahren. Die Besatzungsverwaltung wird daher in die US-Botschaft umgewandelt, „die größte US-Botschaft auf der Welt“, wie Bremer nicht ohne Stolz ankündigte. Sie disponiert über die 18,6 Milliarden US-Dollar aus dem Sonderetat des US-Kongresses für den Irak. Es ist die mit Abstand größte Summe, die ein Land im Irak einbringt.
Das Rezept für eine Musterdemokratie, als leuchtendes Beispiel für den autokratischen Nahen Osten, ist das alles noch nicht. Die zentrifugalen Tendenzen im Irak sind unübersehbar: Die schiitische Dominanz, die sich in freien Wahlen zeigen wird, verheißt einen rigiden gesellschaftspolitischen Traditionalismus. Im tief schiitischen Basra gibt es keine Alkoholhändler mehr, seit einige von ihnen ermordet wurden und die übrigen ihre Geschäfte schlossen. Konservative Schiiten wollen nach mittelalterlichen Religionsvorschriften leben, moderne Kurden und Stadtbewohner aller Couleurs nach ihrer eigenen Fasson. Der Streit um die Erdöl-Stadt Kirkuk, die sich Kurden, sunnitische Araber und Turkmenen teilen, wird erbittert und gelegentlich auch mit Kalaschnikows und Handgranaten ausgetragen.

Bürgerkrieg. Ist es vor diesem Hintergrund gerechtfertigt, das Gespenst des flächendeckenden Bürgerkriegs an die Wand zu malen? Die Amerikaner tragen das Ihre dazu bei, indem sie ihre al-Qa’ida-Theorie unablässig weiterspinnen und dafür in einem Teil der irakischen Presse willfährige Verbreiter finden.
Doch auch hier scheint es, als wollten die Iraker bei dem ihnen zugedachten Szenario nicht recht mitspielen. Selbst in der gegenwärtig aufgeheizten Atmosphäre ist weder eine ideologische noch eine militärische Mobilisierung zum Bruderkrieg bemerkbar.

Eher im Gegenteil: Tausende Sunniten und Schiiten demonstrierten vegangenen Mittwoch gemeinsam gegen Terror und Besatzung, also gegen al-Qa’ida und gegen die USA. Der Prediger Amir al Hussein, ein Vormann des besonders radikalen Schiiten-Führers Moqtada al Sadr, brachte die Einigkeit gegen alle ausländischen Eindringlinge auf den Punkt: „Wir und unsere sunnitischen Landsleute waren Brüder, sind es und werden es immer sein.“