Die Wahl, die Demos, die Folgen im Iran:
Was die Proteste im Iran wirklich bedeuten

Ahmadinejad und Khomeini, Freud und Berlusconi: was die Proteste im Iran wirklich bedeuten – für die Bevölkerung des Landes und das Regime, den Islam und uns hier im Westen.

Von Slavoj Zizek

Wenn ein autoritäres Regime in die finale Krise gerät, erfolgt seine Auflösung in der Regel in zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps tritt ein mysteriöser Bruch ein: Plötzlich wissen die Menschen, dass das Spiel vorbei ist, und fürchten sich schlicht nicht mehr. Es ist nicht nur das Regime selbst, das seine Legitimität verliert, auch seine Macht­ausübung wird als ohnmächtige Panikreaktion wahrge­nommen.

Wir alle kennen die klassische Szene aus dem Cartoon: Die Katze erreicht einen Abgrund, ignoriert aber, dass sie keinen Boden unter den Füßen hat, und geht einfach weiter; sie beginnt erst zu fallen, wenn sie hinuntersieht und den Abgrund bemerkt. Wenn ein Regime seine Autorität verliert, ist es wie die Katze über dem Abgrund: Um zu fallen, muss es nur daran erinnert werden hinunterzuschauen.

In seinem Buch „Schah-in-Schah“ , einer zum Klassisker gewordenen Darstellung der Khomeini-Revolution des Jahres 1979, hat der polnische Journalist und Autor Ryszard Kapuscinski den Moment dieses Bruchs präzise lokalisiert: An einer Kreuzung in Teheran ignorierte es ein einzelner Demonstrant einfach, als ihm ein Polizist schreiend befahl zu verschwinden – worauf sich der peinlich berührte Polizist seinerseits zurückzog. Es dauerte nur wenige Stunden, bis ganz Teheran von diesem Zwischenfall erfahren hatte. Und obwohl in der Stadt noch wochenlang Straßenkämpfe tobten, wusste jedermann: The game is over.

Geht nun etwas Ähnliches vor? Es gibt viele Interpretationen der Ereignisse in Teheran. Manche sehen in den Protesten die Kulmination einer pro-westlichen „Reformbewegung“ nach Vorbild der „orangen“ Revolutionen in der Ukraine, Georgien und anderen Ländern – eine säkulare Reaktion auf die Khomeini-Revolution. Sie unterstützen die Proteste als ersten Schritt in Richtung eines neuen, liberal-demokratischen Iran, der sich vom moslemischen Fundamentalismus befreit.

Ihnen stehen die Skeptiker gegenüber, die glauben, dass Ahmadinejad bereits gewonnen hat: Für sie ist er die Stimme der Mehrheit, während die Unterstützung für Moussavi aus der Mittelklasse und ihrer privilegierten Jugend kommt. Kurz gesagt ist ihre Position: Vergessen wir die Illusionen und stellen wir uns der Tatsache, dass der Iran in Ahmadinejad den Präsidenten hat, den er verdient!

Dann gibt es noch diejenigen, die Moussavi als Mitglied des klerikalen Establishments abtun – als einen, der sich nur in kosmetischen Details von Ahmadinejad unterscheidet: Auch Moussavi will das iranische Atomprogramm fortführen, er spricht sich gegen eine Anerkennung Israels aus und hat als Premierminister während des Iran-Irak-Kriegs in den achtziger Jahren zudem die volle Unterstützung von Khomeini genossen.

Die Schlimmsten von allen aber sind die linken Unterstützer von Ahmadinejad: Was ihrer Meinung nach wirklich auf dem Spiel steht, ist die Unabhängigkeit des Iran. Ahmadinejad hat gewonnen, weil er für die Autonomie des Landes stand, die Korruption der Eliten bloßgestellt hat und den Ölreichtum benutzte, um die finanzielle Lage der mehrheitlich bedürftigen Iraner zu verbessern – das sei, wird uns erzählt, der wahre Ahmadinejad jenseits seines Images in den westlichen Medien, das ihn als Holocaust-leugnenden Fanatiker darstellt. Wenn man ihnen folgt, dann wiederholt sich im Iran gerade das Jahr 1953 – der Sturz von Mohammad Mossadegh, ein vom Westen finanzierter Putsch gegen einen legitimierten Präsidenten. Diese Meinung ignoriert aber nicht nur die Fakten: Die hohe Wahlbeteiligung – 85 Prozent statt wie üblich 55 Prozent – kann nur durch eine Protestwahl erklärt werden. Zudem offenbart diese Perspektive auch Blindheit für eine genuine Demonstration des Volkswillens, nimmt sie doch gönnerhaft an, dass Ahmadinejad für die rückständigen Iraner gut genug ist, weil diese noch nicht reif sind, von einem säkularen Linken regiert zu werden.

So widersprüchlich sie auch sind, interpretieren all diese Versionen die Proteste jedoch immer im Hinblick auf den Gegensatz zwischen islamischen Hardlinern und westlich-liberalen Reformern. Das macht es so schwierig, Moussavi einzuordnen: Ist er ein vom Westen unterstützter Reformer, der mehr persönliche Freiheit und Marktwirtschaft will, oder ein Mitglied des klerikalen Establishments, der das Wesen des Regimes auch im Falle seines Sieges nicht ernsthaft ändern würde?

Die extreme Schwankungsbreite der Interpretationen zeigt, dass sie alle die wahre Natur der Proteste verkennen. Die grüne Farbe, die von den Unterstützern Moussavis gewählt wurde, und die „Allah ist groߓ-Rufe, die im Dunkel der Nacht von den Dächern Teherans aufsteigen, weisen klar darauf hin, dass die Demonstrationen ihre Aktivitäten als Wiederholung der Khomeini-Revolution des Jahres 1979 betrachten – und als Versuch, ihre spätere Korrumpierung rückgängig zu machen.

Diese Rückkehr zu den Wurzeln ist nicht nur programmatisch. Sie betrifft noch viel mehr die Form, in der die Massen agieren: Die emphatische Einigkeit der Menschen, ihre allumfassende Solidarität, die kreative Selbstorganisation, das Improvisationstalent beim Artikulieren von Protest und die einzigartige Mischung von Spontaneität und Disziplin. Wir erleben einen genuinen Volksaufstand der betrogenen Partisanen der Khomeini-Revolution.

Es gibt einige entscheidende Konsequenzen, die aus dieser Einsicht gezogen werden müssen. Ersten ist Ahmadinejad nicht der Held der verarmten Islamisten, sondern ein verdorbener islamofaschistischer Populist, eine Art iranischer Berlusconi, dessen Mischung aus clownesker Positur und skrupelloser Machtpolitik sogar bei der Mehrheit der Ayatollahs Unbehagen auslöst.

Wir sollten uns nicht davon in die Irre führen lassen, dass er in populistischer Art und Weise Brosamen an die Armen verteilt: Hinter ihm stehen nicht nur ein repressiver Sicherheits- und ein sehr verwestlichter PR-Apparat, sondern auch eine starke, neue Klasse von Reichen, das Resultat der Korruption des Regimes (die Revolutionsgarden sind keine Miliz der Arbeiterklasse, sondern ein Großkonzern, das bedeutendste Zentrum des Wohlstands im Land).

Zweitens sollten wir klar zwischen den zwei wichtigsten Konkurrenten von Ahmadinejad unterscheiden – Mehdi Karroubi und Moussavi. Karroubi ist tatsächlich ein Reformer, der im Wesentlichen die iranische Version der Identitätspolitik vertritt und allen partikulären Gruppen Gefälligkeiten verspricht. Ganz im Gegensatz zu Moussavi, der für die echte Wiederbelebung jenes Traums steht, der die Khomeini-Revolution getragen hat.

Auch wenn dieser Traum eine Utopie war, sollte man in ihm die genuine Utopie der Revolution an sich erkennen. Das heißt, dass die Revolution von 1979 nicht auf die Machtübernahme durch islamistische Hardliner reduziert werden kann – sie war weitaus mehr. Jetzt ist es an der Zeit, an die unglaubliche Aufwallung im ersten Jahr nach der Revolution zu erinnern, die atemberaubende Explosion von politischer und sozialer Kreativität, die organisatorischen Experimente und die Debatten zwischen Studenten und einfachen Leuten.

Alleine die Tatsache, dass diese Explosion unterdrückt werden musste, zeigt, dass die Khomeini-Revolution ein authentisches politisches Ereignis war, eine momentane Öffnung, die unerhörte Kräfte sozialen Wandels entfesselte, ein Augenblick, in dem tatsächlich alles möglich schien. Was darauf folgte, war eine fortschreitende Unterdrückung, die mit der Übernahme der politischen Kontrolle durch das islamische Establishment einherging. Um es mit Freud zu sagen: Der Protest von heute ist die „Rückkehr des Verdrängten“ der Khomeini-Revolution. Alles in allem heißt das, dass dem Islam das Potenzial zur Befreiung innewohnt. Um einen „guten“ Islam zu finden, brauchen wir also nicht ins 10. Jahrhundert zurückgehen – wir haben ihn schon hier, direkt vor unseren Augen.

Die Zukunft ist ungewiss. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Machthaber den Volksaufstand eindämmen, die Katze wird nicht in den Abgrund stürzen, sondern wieder Boden unter den Füßen gewinnen. Aber es wird dennoch nicht mehr dasselbe Regime sein, sondern nur eine korrumpierte, autoritäre Führung wie viele andere in der Welt auch.

Doch was auch immer geschieht: Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Zeugen bedeutender emanzipatorischer Ereignisse sind, die über den Rahmen der Auseinandersetzung zwischen prowestlichen Liberalen und antiwestlichen Fundamentalisten hinausgehen. Wenn unser zynischer Pragmatismus dazu führt, dass wir diese Dimension nicht erkennen, dann treten wir im Westen tatsächlich in die postdemokratische Ära ein und bereiten uns auf unsere eigenen Ahmadinejads vor. Die Italiener kennen den Namen des ihren schon: Berlusconi. Und hinter ihm stellen sich bereits andere an.

Übersetzung: Martin Staudinger