Die Wehleidigkeit des Hans-Peter Martin

Jammern, drohen, preisen, klagen: Wie Hans-Peter Martin versuchte, die Enthüllung seines Delegationsfreundes zu verhindern.

Wie man mit Vorwürfen, Untergriffen, Kritik im politischen Alltag umgeht, ist eine Frage der Taktik: „Gelassen“ wie Wolfgang Schüssel, nachdenklich wie Alexander Van der Bellen, reflexartig zurückbeißend wie Vertreter des dritten Lagers.

Und dann gibt es jene von Hans-Peter Martin. Der Mann, der härter austeilt als Wladimir Klitschko und schneller klagt als sein Schatten, hat sich eine neue Masche zugelegt, mit der er Vorwürfen begegnet. Er macht eine Schwalbe.

Das ist im Fußball der Versuch, ein Foul vorzutäuschen, indem man sich im Zweikampf mit dem Gegner absichtlich fallen lässt.

Es begann mit Angelika Werthmann. Im Juli des Vorjahrs kehrte die Europaabgeordnete ihrem Delegationsleiter Martin den Rücken. Sie hatte damals schon gemutmaßt, dass es der Brüsseler Saubermann mit der Abrechnung der Parteigelder nicht so ernst nimmt. Die Reaktion Martins: Die Auseinandersetzung mit Werthmann habe bei ihm „eine quälende Krankheit ausgelöst“.

Gegen Jahresende 2010 dann der nächste Schlag:
Der Europäische Gerichtshof verdonnerte Martin zur Rückzahlung von über 160.000 Euro Spesen, die er zu Unrecht eingesteckt hatte. Es verstärke sich „der Tinnitus, der Pfeifton im Ohr, sodass ich manchmal sogar ein Gespräch in einem ruhigen Raum nicht mehr verstehe“, klagte Martin auf seiner Homepage. Nach den jüngsten Ereignissen darf vermutet werden: Hans-Peter Martin geht es derzeit gar nicht gut.

Wie profil berichtete, erstattete der EU-Abgeordnete Martin Ehrenhauser Anzeige bei der Wiener Staatsanwaltschaft. Martin steht im Verdacht, eine Million Euro der staatlichen Kostenrückerstattung für den EU-Wahlkampf 2009 zu seinen Gunsten verwendet zu haben. Er soll private Ausgaben, wie den Umbau seiner Villa und private Anwaltskosten, als Parteiaufwendungen abgerechnet, unerklärlich hohe Honorare an befreundete Unternehmer gezahlt und die Wirtschaftsprüfer möglicherweise mit mehrdeutigen Belegen getäuscht haben. Martin dementiert das heftig und kündigt eine Offenlegung seiner Abrechnungen an.

Der Anzeige und der Publikation durch profil ging eine Reihe von Mails zwischen Martin und Ehrenhauser voraus. Ehrenhauser forderte die Offenlegung der Finanzen, Martin suchte Ausflüchte: Am 30. September 2010 kann Martin „aus gesundheitlichen Gründen nicht antworten“.

Am 4. Oktober ist seine Gesundheit „weiterhin so angeschlagen“, dass er sich wieder nicht erklären kann. Erst am 11. Oktober antwortet er ausführlich, aber nicht in der Sache und nicht ohne den Versuch, beim Adressaten ein schlechtes Gewissen zu provozieren: „Als … Reaktion ärgere ich mich über Deine E-Mail. Denn sie hat mir nach Wochen sehr belastender Arbeit und auch körperlich-gesundheitlich sehr anstrengender Besprechungsabende … ein so dringend benötigtes Erholungswochenende versaut … Nun, da muss ich offenbar durch.“

In Folge lässt sich Martin ausführlich darüber aus, dass er den EU-Wahlkampf 2009 allein gestemmt und ihm keiner zur Seite gestanden habe – und schreibt: „Wer hat mir denn angeboten, die Kosten des EU-Verfahrens mitzutragen, falls ich jeder Gerechtigkeit Hohn sprechend mehr als 200.000 Euro aus privatem Geld für ein paar Formalfehler bei einer Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof zu berappen haben werde?“ Warum sollte ihm jemand finanziell beispringen? Die „paar Formalfehler“, wie Martin seine falschen Spesenabrechnungen verniedlicht, hat er ganz alleine zu verant­worten.

Doch in Martins Welt ist nie Martin schuld.
Es folgen ellenlange Ausführungen, wie sehr er Ehrenhauser nicht bekniet habe, auf seiner Liste zu kandidieren. Er erinnert, wie fürsorglich er Ehrenhauser ins EU-Parlament eingeführt habe: „Die äußerst zeitraubende, lange Ausbildungszeit … deren Aneignung üblicherweise sehr teuer ist.“ Doch statt Dank nur Vorhaltungen: „Womit habe ich mir das verdient?“ Dann Verlockung: „2014 hätten wir die besten Chancen, wenn wir gemeinsam kandidieren …“ Und Warnung: „Ein Match gegen mich? Da hätte ich die besseren Möglichkeiten.“

Am 23. Oktober 2010 kommt es zu einem Treffen. Martin legt Belege vor, über deren Summe sich anschließend via Mail wieder trefflich streiten lässt: Ehrenhauser am 2. November: „Lediglich … Rechnungen im Umfang von rund 500.000 Euro hast Du uns gezeigt.“ Martin retourniert am 14. Jänner 2011: „In Wirklichkeit habe ich Euch … Belege über mehr als 900.000 Euro gezeigt.“

Am 12. April schlüpft Martin dann in die Rolle des Gefoulten:
„Zahlreiche besorgte Unterstützer haben mich aufgrund Deiner Intrigen angerufen … Dein Verhalten … ist mehr als kontraproduktiv und eine direkte Wahlhilfe für die FPÖ.“ Daher: Er mache von seinem „Recht Gebrauch, die Delegation im EU-Parlament aufzulösen.“

Die „Kronen Zeitung“ zählte bisher zur glühendsten Protagonistin der „Liste Hans-Peter Martin“, die mittlerweile ja nur noch aus Hans-Peter Martin besteht. Mittwoch vergangener Woche baute das Massenblatt vorsorglich vor. Man zeigte „maßlose Enttäuschung und Entsetzen“ – vorerst nur in Form von zwei ­Leserbriefen.