Die Welt zu Gast bei Freunden

Am Vorabend des Wien-Besuchs von US-Präsident George W. Bush stehen die Österreicher den USA so kritisch wie selten zuvor gegenüber. Von der historischen Dankbarkeit der Nachkriegszeit ist wenig geblieben. Was nervt uns an den Amis bloß so?

Wenn der prominente Passagier am Dienstag dieser Woche am Flughafen Wien-Schwechat aus der Boeing 747 mit der Kennung Air Force One steigt, wird sich ganz Wien im Ausnahmezustand befinden. Mehr als 2000 Polizisten sollen für die Sicherheit des hohen Besuchs sorgen, allein 250 davon werden auf dem Flughafen im Einsatz sein. Um den Schutz des wohl gefährdetsten Mannes der Welt zu gewährleisten, hat das Innenministerium alle Kräfte zusammengezogen. Auf manchen Polizeiposten in der Umgebung Wiens, wo sonst fünf oder sechs Mann stationiert sind, wird dann gar nur ein einziger Beamter seinen Dienst versehen. Autobahnen und innerstädtische Hauptverkehrsadern werden gesperrt, der Wiener Stephansplatz und die umliegenden Gassen dürfen nicht – oder nur mit Sondergenehmigung – betreten werden. Kurz: Es herrscht Ausnahmezustand.

George W. Bush kommt.

200 perfekt trainierte Polizeibeamte der Spezialeinheit Cobra werden für die Sicherheit des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und seiner ebenfalls nicht unwichtigen Gesprächspartner beim EU-USA-Gipfel in der Wiener Hofburg sorgen. Bush und dessen Außenministerin Condoleezza Rice werden unter anderem mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, dem EU-Außenbeauftragten Xavier Solana und dem derzeitigen EU-Ratspräsidenten Wolfgang Schüssel konferieren.

Kaum 20 Stunden wird der mächtigste Mann der Welt in Wien verbringen. Und dennoch verursacht sein Besuch Nebenwirkungen wie kein anderer.

George W. Bush weht ein kalter Wind entgegen. Besonders erpicht sind die Österreicher auf den Besuch des US-Präsidenten nicht. Im Gegenteil: Demonstrationen gegen ihn und seine Politik wurden bereits angekündigt, und eine links-aktionistische Gruppe rund um die „Millionenshow“-Millionärin Elisabeth Awadalla verzierte das Dach ihres Hauses am Wiener Naschmarkt sogar in großen Lettern mit einem weithin sichtbaren „Bush go home“-Schriftzug. „Ich hatte einfach das Bedürfnis, ihm das mitzuteilen“, sagt sie.

Bush-Bashing ist in. Auch in Österreich.

Die Gründe dafür sind die immergleichen: der Krieg im Irak, das Gefangenenlager in Guantanamo, die präpotente Haltung der USA dem Rest der Welt gegenüber – je nach politischer Überzeugung kommen noch Kritik am mangelnden Klimaschutz, der engen Beziehung von George W. Bush und seiner Administration zur Ölindustrie sowie der Weigerung der USA, den internationalen Strafgerichtshof anzuerkennen, hinzu. Es ist einer der besonderen Fälle, wo die Argumente des Stammtischs jenen der höheren Politik sehr ähneln.

Schlechtes US-Bild. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM halten 73 Prozent der Österreicher George Bush für einen schlechten Präsidenten, nur neun Prozent sind gegenteiliger Ansicht. An seiner Person machen die Österreicher ihr neues – nicht sonderlich positives – Bild von Amerika fest. Fast zwei Drittel geben an, ihre Einstellung gegenüber den USA hätte sich seit dem Ende der Ära Bill Clinton verschlechtert. Die Zahl derjenigen, deren USA-Bild sich unter der Bush-Administration verbessert hat, liegt gerade noch über der statistischen Schwankungsbreite – aber unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle (siehe Grafiken Seite 21).

Das ist allerdings kein hiesiges Spezifikum. „In Österreich hat sich der gleiche Einbruch vollzogen wie in vergleichbaren europäischen Staaten“, sagt der Politologe Peter Filzmaier. Auch im traditionell proamerikanischeren Deutschland rasselten die Beliebtheitswerte der USA und ihrer Regierung in den vergangenen Jahren nach unten (siehe auch Geschichte ab Seite 110).

Den Dampfer will keiner verpassen. Alfred Gusenbauer nannte den Irak-Krieg vergangene Woche eine „psychologische Ersatzhandlung nach dem 11. September, aber kein Beitrag im Kampf gegen den Terror“. Mit solchen Sprüchen kann man momentan kaum danebenliegen.

Um das Feld der Amerika-Kritik nicht ganz den Linken zu überlassen und dabei einen zu proamerikanischen Touch abzubekommen, rückte auch Landwirtschaftsminister Josef Pröll aus. Die USA sollten „nicht dauernd wie Schiedsrichter im Eiskunstlauf die Vorführungen der Europäer beurteilen, sondern selber die Eislaufschuhe anziehen“, rügte der ÖVP-Politiker die USA in der renommierten „Financial Times“.

Die ÖVP hat momentan ohnehin alle Hände voll zu tun, nicht allzu Bush-freundlich dazustehen und damit potenzielle Wählerstimmen für den Herbst einzubüßen. Nicht dass es Wolfgang Schüssel besonders schaden würde, einmal mit dem amerikanischen Präsidenten gesehen zu werden. Doch halten die Österreicher laut der OGM-Umfrage die ÖVP noch immer für die Amerika-freundlichste Partei auf dem heimischen Markt. Die Windungen von ÖVP-General Reinhold Lopatka oder Nationalratspräsident Andreas Khol, sich zumindest ein wenig von der einstigen Schwesterpartei, Bushs Republikanern, zu distanzieren, sind da nur allzu verständlich (siehe auch Kasten Seite 26).

„Man kann derzeit Pauschalurteile über die USA formulieren, die vor 15 Jahren nicht erwünscht gewesen wären“, sagt der Politologe Fritz Plasser.

Antiamerikanismus. An den Enden des ideologischen Spektrums war die Ablehnung der US-Politik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verwurzelt. „Sei es ein rechter oder linker Antiamerikanismus“, sagt der Historiker Oliver Rathkolb. Konnten die einen den Sieg der feindlichen USA über das eigene deutsche Volk nie verwinden, so stießen sich die anderen am kapitalistischen System des staatgewordenen Klassenfeindes.

Doch in der Vorstellung der Mehrheit der Österreicher genossen die USA positive Imagewerte. CARE-Pakete hatten den Mangel der Österreicher nach Kriegsende gelindert. Und mit dem Marshall-Plan pumpten die Amerikaner rund eine Milliarde Euro in die am Boden liegende Wirtschaft.

So sie nicht ohnehin zu jener Zeit entstanden, wurden die Stereotypen damals zementiert: Für das vom Krieg gebeutelte Österreich war Amerika das Land des Wohlstands. Ein Land, in dem jeder selbst zum sprichwörtlichen reichen Onkel werden konnte, von dem bis in die sechziger Jahre hinein klischeehaft die Rede war. In Propagandafilmen der frühen fünfziger Jahre, die von der US-Regierung gesponsert wurden, pries der Schauspieler Josef Meinrad die Vorzüge des entwickelten Landes. Ein junger Journalist namens Hugo Portisch, der ein enger Freund der USA bleiben sollte, zeichnete bei seiner Reise durch den Kontinent auf Kosten des US Information Service ein positives Bild eines demokratischen Landes.

„Die Konsumgüterindustrie stilisierte ihre Produkte in den fünfziger und sechziger Jahren zu Ikonen des westlichen Lebensstils“, sagt der Historiker Oliver Rathkolb. Der Supermarkt mit seiner reichen Auswahl wurde zum Inbegriff wirtschaftlichen Wohlstands. Kurioserweise war es gerade der später so desaströs untergegangene Konsum, der am schnellsten mit diesem amerikanischen Weg umzugehen wusste und sich von der Greißlerei- zur Supermarktkette mauserte.

Doch die USA wurden – egal unter welchem Präsidenten – nie wirklich geliebt. In einem Land am Eisernen Vorhang aber, das 1956 die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands und 1968 das gewaltsame Ende des Prager Frühlings und damit die Macht der Sowjetunion hautnah erlebte, behielt die Kritik schon aus Angst vor der Alternative einen Hauch von US-Sympathie bei.

„Auch die Medien hatten damals eine Beißhemmung Amerika gegenüber“, sagt Rathkolb. „Niemand wollte sich vorwerfen lassen, den Kommunisten mit US-kritischen Berichten in die Hände zu spielen.“ Erst Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre wurde diese Kritik spürbar. Der Vietnamkrieg und andere fragwürdige internationale Interventionen der USA trieben die Linke auf die Barrikaden. Die Bürgerrechtsbewegung, die den Europäern als großes Vorbild suggeriert worden war, schien im eigenen Land plötzlich nichts zu gelten.

Doppelmoral der USA. Eine Parallele zur heutigen US-Kritik: „Nicht dass die Österreicher menschenrechtlich wahnsinnig interessiert wären“, sagt Heinz Patzelt, Österreich-Chef von amnesty international. „Aber gerade bei einer Nation, die Kriege in diesem Namen führt, regt das die Menschen auf.“ Derartiges verzeiht man Schwellenländern wie Russland und China. Aber den USA lässt man diese Doppelmoral nicht durchgehen. Den 11. September akzeptieren die Österreicher – bei aller Solidarisierung legte der Ministerrat im Schockmoment eine Trauerminute ein – nicht mehr als Ausrede für waghalsige US-Argumente.

Dass sich just die Österreicher über den fremden Präsidenten nun echauffieren, entbehrt nicht gewisser Ironie. Schließlich löste die Watchlist-Entscheidung im Falle von Bundespräsident Kurt Waldheim 1986 selbst unter seinen Gegnern Empörung aus. Politologe Filzmaier: „Das Wir-wählen-wen-wir-wollen-Syndrom ist kein rein amerikanisches Phänomen.“

Von Josef Barth
Mitarbeit: Otmar Lahodynsky