Die mit dem Wind tanzen

Was ist los mit den Österreichern? Genügt ihnen die Dominanz über die Skipisten der Erde nicht mehr? Müssen sie es auch noch im Wasser allen anderen zeigen?

Zweimal Silber durch Markus Rogan, der neben dem Rückenschwimmen auch die Kunst der intelligenten Rede verblüffend gut beherrscht. Gold durch die gebürtige Australierin Kate Allen, die statt dem „AUS“ ihres Herkunftslandes stolz das „AUT“ ihrer neuen Heimat Austria auf dem Dress trug und für den Sieg im Triathlon ja auch schwimmend durchs Wasser musste. Und für Österreichs Segler gleich Gold und Silber unter dem Lorbeerkranz. Da konnte selbst die „Yacht“, die Zeitschrift der großen Seglergemeinde in Deutschland, nicht anders, als die Ösis gleichauf mit den USA, Griechenland und Frankreich unter den olympischen Segelnationen ganz vorne einzureihen. Kanada schaffte gerade einmal Bronze. Das rundum von Meer umspülte Australien ging ganz leer aus.

Für die heimische „yacht revue“ ist die Sache klar. Die Burschen aus dem Binnenland ersegelten mehr als einen Triumph: „Roman Hagara, Hans Peter Steinacher und Andreas Geritzer haben der Segelnation Österreich den Platz an der Sonne endgültig gesichert.“
Während in den Fußballstadien die berühmte „Welle“ immer müder rollt, ließ Andreas „Ärmel“ Geritzer sie beim Empfang für die Olympiaheimkehrer auf dem Wiener Rathausplatz so richtig aufbranden. „Österreich“, rief der 26-Jährige, „ist eine Seenation, Seemacht!“ Applaus, Applaus.

Flagge gezeigt. Vom Glanz der einstigen k. u. k. Seemacht hat das Gros der heimischen Seglergemeinde sich eher wenig herübergerettet. Lieblingslektüre an Bord vieler der immer geräumiger werdenden Yachten auf den österreichischen Seen sind die Bücher über die Abenteuer des „Käpt’n Barawitzka“, in denen der Autor Karl Vettermann das Seglerleben ironisch und einen Regattastart auf dem Neusiedler See so wiedergibt: „Los! Brüllte ich und holte die Großschot dicht. Walter machte es so ähnlich. Während er noch sein Bier in der Hand hielt, zog er mit den Beinen das Schwertfall an.“ – Die meisten Österreicher, die Segelyachten kaufen, wollen ei- gentlich gar keinen Wind. So Michael Frauscher, Bootsbauer in Gmunden am Traunsee. Seine Werft hat sich inzwischen mit Elektrobooten in edlem Retrodesign ein zweites Geschäftsfeld gefunden.
Wladimir Aichelburg, Marinehistoriker, hört die neuen Töne mit einiger Verwunderung. So stolz Österreich sein könne, dass Spitzensegler Flagge zeigen, es seien die Leistungen herausragender Persönlichkeiten, die Basis der Seemacht ist perdu. So exklusiv die Regatten des „k. u k. Yacht-Geschwader“ waren – der Club hatte die höchsten Mitgliedsbeiträge, die je ein Yachtclub in Österreich verlangte, man segelte in Uniform – punkto Erfahrung auf See konnte man aus dem Vollen schöpfen: Zu Friedenszeiten hatte die k. u. k. Kriegsmarine 25.000 Mann auf ihren Schiffen. Die rot-weiß-roten Seeflaggen wurden am 31. Oktober 1918 zum letzten Mal eingeholt, die Krone führen manche freilich bis heute in ihrem Clubstander: Es sind einige der ab 1886 entstandenen Union-Yacht-Clubs. Auf die längste Tradition verweisen jene am Wörthersee und Attersee, der UYC Traunsee besteht auch schon seit 1888, 1901 folgte der UYC Wolfgangsee. Die Clubs sind eigene Welten. In manchen wird bevorzugt Ruhe und Snobismus gefrönt, andere öffnen die geheiligten Anlagen dem jungen Regattavolk. Verdienst der Yacht-Clubs im Salzkammergut war es, den Regattasport nach 1945 wiederbelebt zu haben. Von der einstigen Eleganz zeugen noch edle Yachten aus Holz, wie Autohändler Peter Denzel sie im UYC Wolfgangsee pflegt.

Hubert Raudaschl, der 1968 in Mexiko und 1980 in Moskau olympisches Silber holte, entstammte noch einer alteingesessenen Bootsbaufamilie im Salzkammergut. 1964 wurde er mit selbst gebautem Boot und Segel aus der eigenen Segelmacherei Weltmeister. Österreich als Segelnation? Hubert Raudaschl: „Keine Frage, Österreich hat die Persönlichkeiten, und es hat Weltklassesegler.“ Raudaschl junior hingegen verpasste die Qualifikation für Athen, auch, weil er die väterliche Segelmacherei übernommen hat und daher die 250 Tage am Wasser nicht schafft, die als Minimum gelten, um vorne dabei zu sein.

Neue Generation. Die olympischen Spitzen- und Nachwuchssegler sind nicht in den traditionsreichen Clubs groß geworden. Herausragendes Beispiel ist Roman Hagara, aufgewachsen in Wien-Stadlau. Als Zwölfjähriger stieg er in Breitenbrunn am Neusiedler See zum ersten Mal auf ein Surfbrett, Feriendomizil war ein Wohnwagen auf dem Campingplatz. Als 15-Jähriger setzte er sich in den Kopf, olympisch zu segeln. Heute ist Hagara „einer der perfektesten Segler der Welt“, so Luis Gazzari, Chefredakteur der „yacht revue“.
Es ist der unberechenbare und oft nur zu erahnende Wind auf den österreichischen Seen, der das Seglergefühl schult. Hubert Raudaschl: „Auf einem See mit seinen umlaufenden, drehenden Windrichtungen ist man mehr gefordert als auf dem Meer. Die Welle ist erlernbar.“

Georg Fundak, Sportdirektor des Österreichischen Segelverbandes und als gebürtiger Ungar ehemaliger Olympiasegler: „Die Österreicher waren immer schon in Sportarten gut, die mit Natur und Technik zu tun hatten.“ Fundak: „Wer sich in Österreich zum Spitzensegeln entschließt, muss von Kind an viel in Kauf nehmen, aber wer das durchhält, ist irrsinnig motiviert. Das gilt auch für die Eltern.“
Reichte es früher, mit 14 den Regattasport zu beginnen, sind jetzt achtjährige Einsteiger gefordert. Nach einer Begeisterungsflaute herrscht wieder Hektik an den Startlinien für die kistenartigen Optimistenboote. Brigitte Flatscher, im Österreichischen Segelverband für die Jugendarbeit zuständig: „Wir hatten beim Ostertraining in der Adria mehr als einhundert Opti-Kinder, bei Regatten sind es oft achtzig, da entsteht etwas.“

Die Jüngsten im Segler-Olympiateam waren die 20-jährigen Nico Delle-Karth und Nico Resch. Sie schafften in der spektakulären 49er-Klasse als Zehnte eine tolle Premiere und bekommen bereits Konkurrenz im eigenen Land. Christoph Sieber, Goldmedaillist in Sydney – in der Surfklasse Mistral – peilt mit dem Wiener Clemens Kruse die Olympischen Spiele in Peking 2008 an. Die Vorbereitungskosten für Peking beziffert Sieber mit 600.000 Euro.

Die Goldmedaillen, die Sieber und Hagara/Steinacher im Jahr 2000 in Sydney holten, brachten den Seglern das, was für die Wintersportler längst Alltag ist: ein eigenes Leistungszentrum am Neusiedler See. Dessen Hangar ist gerade hoch genug, damit Hagaras Tornado mit seinem Mast darin Platz hat. Von eigenen Serviceleuten und Materialentwicklern träumt man noch. Sportchef Fundak will jetzt zumindest ein kleines Team fix beschäftigen. Carl Auteried, Aufsichtsratspräsident des Segelverbandes: „Unser Erfolg hängt sehr, sehr stark von Einzelkämpfern ab.“ Roman Hagara: „Wir sind Mädchen für alles. Wir transportieren unsere Schiffe selbst, machen die Geschäftsdinge, die Entwicklungen.“ Seine Gegner aus den USA hatten das High-Tech-Segelmaterial, das im America’s Cup verwendet wurde. Hagara will von den millionenteuren Forschungen partizipieren. Und hat das Angebot, den America’s Cup, die prestigeträchtigste Regatta der Welt, mitzusegeln.
Die Bootsindustrie spürt jedenfalls Auftrieb. Manfred Schöchl, der am Mattsee Segelyachten baut: „Man hat uns immer gesagt, was wollts ihr in den Bergen mit Schiffen. Durch die Medaillen können wir den Deutschen echt kontern.“

Spektakulär. Anders als die Skistars kämpfen die Stars der „Segelnation Österreich“ noch um Anerkennung ihrer Weltklasseleistungen, den Rückenwind für Subventionen und Sponsoren. Hermann Maier über den letzten Olympiastart von Hagara/Steinacher: „Ich muss sagen, diese Wettfahrt der Segler war spektakulär. Ich war beeindruckt von den hohen Geschwindigkeiten.“
Maiers Hochachtung wird Hagara & Co freuen. Von ihrer Spitzengeschwindigkeit, vom aufregenden Gefühl, bei fünfzig Stundenkilometern immer knapp vor dem Überschlag zu segeln, waren sie in Athen aber weit entfernt. Ihre Kunst bestand darin, mit wenig Wind schneller zu sein als alle anderen.