"Diese Industrie wird einstürzen": Regisseur Paul Schrader über Hollywoods Krise

Pietät interessiert ihn nicht, und das Kino sieht er ohnehin untergehen: Paul Schrader, Regisseur der Traumastudie „Adam Resurrected“, über Filmpiraterie, die Verweigerung politischer Korrektheit und Hollywoods doppelte Krise.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Ihr seltsam entrückter Film „Adam Resurrected“, die Geschichte eines traumatisierten KZ-Überlebenden, erscheint wie ein radikaler Gegenentwurf zu Holocaust-Pathosdramen wie „Schindlers Liste“. War das Ihr Ziel?
Schrader: Es gibt inzwischen hunderte ­Holocaust-Kinodramen. Fast alle basieren auf wahren Begebenheiten und sind ehrfürchtig gestaltet. Mein Film ist das nicht: Er ist weder „wahr“ noch besonders pietätvoll. Adams Geschichte hat nie stattgefunden, und sie kennt keinen Respekt. Ihre Kraft ist nicht die der Historie, sondern die der Fiktion. Ich wollte ausdrücklich keinen Film über die Shoah drehen.

profil: Aber Ihr Film wird, ob Sie das wollen oder nicht, als genau das gesehen werden.
Schrader: Ich weiß. Bei unserer Pressekonferenz in Jerusalem erzählte ich der versammelten Presse, dass ich nicht interessiert daran sei, ein Holocaust-Drama zu drehen. Am nächsten Tag stand in allen Zeitungen, dass Schrader und Goldblum ein Holocaust-Drama drehen werden. Seither ist mir klar, dass ich meine Intentionen wohl nicht vermitteln können werde.

profil: Die Story Ihres Films ist aber auch abwegig. Wie haben Sie sich Zugang zu ihr verschafft?
Schrader: Ihre zentrale Metapher faszinierte mich: Ein Mann, der einst ein Hund war, trifft auf einen Hund, der einst ein kleiner Junge war. Tatsächlich spielt in dieser Geschichte der Holocaust nur eine Nebenrolle. Die Metapher würde auch funktionieren, wenn das eine Gulag-Geschichte wäre und man die Protagonisten später in ein Moskauer Sanatorium überstellen würde. Aber klar: Das ist ein israelischer Autor und ein israelischer Roman, dessen Hintergrund der Holocaust bildet.

profil: Ihr Film weist religiöse Obertöne auf: einen brennenden Busch in der Wüste, unerklärlich auftretende Fußblutungen. Sehen Sie „Adam Resurrected“ als spirituelle, gar religiöse Fabel?
Schrader: Es geht um ein Volk, das von seiner Religion definiert wird. Die Idee eines Erlösers ist da immer nah. Es gibt in dieser Geschichte viele Bezüge etwa auch zum Purimfest. Aber das alles entspricht eher der Natur der Figuren des Romans als einer speziellen religiösen Sicht, die ich oder Yoram darüberlegen würden.

profil: Die bizarren Bildwelten Ihres Films beginnen bei der ersten Einstellung, die Jeff Goldblums Gesicht in extremer Großaufnahme zeigt – mit asynchron bewegten, irrlichternden Augen. Was soll dieses Bild?
Schrader: Es findet sich weder im Buch noch im Script. Es sollte unseren Willen demonstrieren, über jeden Realismus weit hinauszugehen. Wenn Sie später dieses Bauhaus-Spital in der Wüste sehen, das wir eigens dahin gebaut haben, mitten ins Nichts: Das ist ebenso verstörend.

profil: Man fühlt sich angesichts der modernen Architektur an Antonioni erinnert: Das Haus scheint den Existenzialismus Ihrer Fabel assoziativ noch zu verstärken.
Schrader: Etliche Bauhaus-Architekten emigrierten in den dreißiger Jahren aus Deutschland nach Israel, manche freiwillig, die meisten unfreiwillig. In Tel Aviv gibt es ganze Stadtteile voller Bauhaus-Architektur. Daran sollte dieses Haus nebenbei erinnern.

profil: Sie nennen den Architekten und Designer Charles Eames als Ihre größte Inspiration. Sie meinten sogar, dass Sie ohne ihn nie Filmemacher hätten werden können. Wieso?
Schrader: Meine Eltern waren niederländische Calvinisten: Ideen wurden bei uns großgeschrieben, Bilder dagegen hatten keinen Wert. Es gab keine Ikonografie, unsere Kirchen waren vier weiße Wände und sahen aus wie Gerichtssäle. Und das waren sie ja in Wirklichkeit auch. Ich brauchte eine Weile, um zu lernen, dass auch Bilder Ideen waren. Eames war der Erste, der mir das erklären konnte. Durch ihn begann ich zu verstehen, dass ein Löffel, wenn man ihn vor sich sah, auch eine Idee war. Natürlich gibt es auch das Wort „Löffel“, aber das Objekt selbst ist nicht ident mit dem Wort. Und wenn man das Objekt im Raum dreht, verwandelt es sich von einer Idee in eine andere.

profil: Als Ihnen Eames um 1970 solche Dinge beibrachte, schrieben Sie gerade Ihr Standardwerk „Transcendental Style in Film“, das sich mit Ozu, Bresson und Dreyer befasste. Sind Sie auch heute noch so sehr ins Kino vernarrt wie damals?
Schrader: Nicht mehr ganz so, fürchte ich. Wir erreichen das Ende des traditionellen Kinos. Und wir haben keine Ahnung, wohin das Medium sich entwickeln wird. Aber die Idee eines vor Publikum projizierten Bildes in einem dunklen Raum fühlt sich mehr und mehr wie eine Idee des 20. Jahrhunderts an.

profil: Die digitale Revolution wissen Sie also nicht zu schätzen?
Schrader: Immerhin hat sie die Welt, die ich kannte, verwüstet. Sie hat die Musikindustrie beschädigt, die Zeitungen in die Krise getrieben und Filme vernichtet. Der digitale Umsturz hat alles vom Tisch gefegt, so stehen wir nun am Anfang von etwas unabsehbar Neuem. Es gibt da vieles zu beklagen, aber ich halte es nicht für die Aufgabe von Künstlern, gegen die Technologie zu protestieren.

profil: Man hört, dass Sie einen großen Unterhaltungsfilm in Indien planen. Schrader goes Bollywood?
Schrader: Ich habe ein Drehbuch geschrieben, das ich gerade noch einmal revidiere: ein Auftrag aus Mumbai. Ich versuche, den Stoff interkulturell aufzubereiten, mit einem amerikanischen und einem indischen Star. Der Film soll Gesang und Tanz in die Form eines internationalen Thrillers gießen. Es wird interessant sein, dieses Problem zu lösen.

profil: Sie lieben es, Dinge zu wagen, die niemand je gemacht hat?
Schrader: Absolut. Ich langweile mich schnell, insbesondere im Kino. Angesichts mancher Filme frage ich mich, wie die Leute es geschafft haben, beim Drehen nicht einzuschlafen: Denn alles, was sie tun und zeigen, haben andere schon exakt so getan und gezeigt. Daher neige ich dazu, mich in verquere Filmprojekte zu involvieren. Und sei es nur, um mich wach zu halten.

profil: Hollywood hat Ihnen wenig Glück gebracht: 2003 wurde Ihr Prequel zur „Exorcist“-Filmserie von den Produzenten als „zu psychologisch“ und „nicht marktfähig“ eingestuft. Sie wurden gefeuert und ersetzt. Halten Sie Hollywood mittlerweile für einen deprimierenden Ort?
Schrader: Nein. Es ist eben ein Business, das von Geschäftsleuten geführt wird: von Menschen, denen Film an sich wenig bedeutet. Daher werden sie die Ersten sein, die sich aus der Affäre ziehen, sobald das Kino keinen Profit mehr macht – was in wenigen Jahren passieren wird. Die Kinopiraterie wird siegen.

profil: Sie sagen das so gleichgültig. Sehen Sie Ihre Branche denn nur noch pessimistisch?
Schrader: Ich glaube, dass diese Filmindus­trie einstürzen wird. Sie wird wie ein Zelt von den wenigen verbliebenen Masten aufrechterhalten – von den paar Großproduktionen, die an der Kasse noch funktionieren. Nehmen Sie das Beispiel „The Dark Knight“ von letztem Sommer: Man produziert einen neuen „Batman“-Film, spielt damit eine Milliarde Dollar weltweit ein – und kann trotzdem das investierte Geld nicht zurückverdienen! Da stimmt doch etwas nicht. Es bedeutet, dass dieser Mast demnächst brechen wird. Und das wiederum heißt, dass das Zelt, das dieser Mast notdürftig mitgehalten hat, einbrechen wird – und jeder, der da noch Geld drin hat, wird verzweifelt darum kämpfen, unbeschadet aus dem Zelt zu kommen.

profil: Die globale Finanzkrise begünstigt diesen Einsturz nur – oder ist sie dafür verantwortlich?
Schrader: Das Filmgeschäft ist gegenwärtig doppelt getroffen. Wir haben eine technologische Krise: Der digitale Vertrieb stellt uns vor gigantische Probleme, die traditionellen Kinos kollabieren, und das Medium DVD baut radikal ab. Und dazu stehen wir nun auch noch vor einer weltweiten Wirtschaftskrise.

profil: Ihr Film verfügt über einen ziemlich bizarren Humor. Wie haben Sie den entwickelt?
Schrader: Er entspricht der Vorlage. Yoram Kaniuks Roman „Adam Hundesohn“ ist innerhalb einer bestimmten literarischen Tradition zu sehen. Das Buch erschien 1968, ein paar Jahre nach „Catch 22“ und „Die Blechtrommel“ – und ungefähr zur selben Zeit wie „Schlachthof 5“. Das sind alles Romane von besonderem Zynismus, es sind tiefschwarze Komödien, die aus einiger Distanz auf den Krieg zurückblicken. Yoram, der kommendes Jahr 80 wird, besitzt diesen bösen Humor übrigens auch selbst. Er machte vergangenes Jahr damit wieder Schlagzeilen. Wissen Sie, was Yad Vashem ist?

profil: Sicher. Eine große Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem.
Schrader: Nun, Kaniuk bezeichnete diese öffentlich als „unser Disneyland“.

profil: Er scheint kleine Geschmacklosigkeiten zu mögen.
Schrader: Genau. So hat er es wieder einmal auf die Titelseite der „Jerusalem Post“ geschafft.

profil: Sie kennen Kaniuk gut?
Schrader: Ja, ich hatte in der Vorbereitung des Films viel mit ihm zu tun. Ich mag ihn sehr.

profil: Auch die politischen Provokationen?
Schrader: Schon, ja. Denn niemand sollte sich, wenn es irgendwie geht, zu ernst nehmen.

Fotos: Max Lautenschlaeger