'Dieses Album entzieht sich der Schwerkraft'

Ende der Siebziger trat Cat Stevens zum Islam über, änderte seinen Namen und schwor seiner Popkarriere ab. Neuerdings haben Pop und der Prophet sich doch als vereinbar erwiesen.

Mit einer halben Stunde Verspätung kommt der Manager von Yusuf Islam in den Konferenzraum eines Hamburger Hotels gestürmt. Yusuf werde noch eine kleine Weile brauchen, sagt er: „Er ist gerade beim Gebet.“ Die Zeit drängt. „An Other Cup“, Islams erstes Album neuer Songs seit 28 Jahren, hat nicht nur weltweit – vorwiegend enthusiastische – Kritiken erhalten, sondern auch seinen Kalender mit Medienterminen vollgestopft. Gleich nach unserem Interview soll er in Bremen bei „Wetten, dass ...?“ auftreten, danach geht’s weiter nach Oslo zur Friedensnobelpreisgala.

Der Manager weist noch einmal darauf hin, dass Yusuf Islam keine politischen Fragen beantworten werde: „Gestern in Schweden hatten wir ein paar kritische Momente. Ein Reporter sprach ihn auf Selbstmordattentäter an, ein anderer auf den Irak.“

Islams Scheu vor Kommentaren zum Zeitgeschehen ist leicht zu verstehen. Als er 1989 den Standpunkt des islamischen Rechts zum Fall Salman Rushdie erörterte, wurde das weit gehend als Unterstützung der gegen den britischen Schriftsteller ausgesprochenen Fatwah verstanden.

Der darauf folgende Proteststurm kam ihm gar nicht gelegen. Schließlich hatte Islam Ende der siebziger Jahre sein Pseudonym Cat Stevens gegen einen neuen Glaubensnamen getauscht, um sich fortan ganz in Ruhe der Spiritualität widmen zu können. Vor seinem Übertritt zu jener Religion, deren Namen er sich so demonstrativ verlieh, hatte der 1948 in London als Steven Demetre Georgiou geborene Singer-Songwriter mit teils betulichen, aber unwiderstehlich eingängigen Hits wie

„Father and Son“, „Peace Train“ oder „Lady D’Arbanville“ den Inbegriff sanfter Sonntagmorgenmusik für die ganze Familie verkörpert und dabei über 60 Millionen Platten verkauft. Nach seiner Bekehrung gründete er eine moslemische Schule im Londoner Stadtteil Kilburn und einige wohltätige Projekte für Hungernde und Waisen in den Krisengebieten der Welt.

„Man of Peace“. Als sich in den neunziger Jahren die Wogen über der Rushdie-Affäre geglättet hatten, begann Yusuf Islam seine frühere Prominenz wieder zu nutzen, um mediale Aufklärungsarbeit für den Islam zu leisten. Er verurteilte lautstark die Anschläge vom 11. September 2001, dennoch verweigerten die USA ihm 2004 wegen vermeintlicher Verbindungen zu terroristischen Organisationen die Einreise. Zwei Monate später verlieh ihm Michail Gorbatschow im Namen eines Komitees früherer Friedensnobelpreisträger den „Man of Peace“-Preis. Anfang 2005 gewann er zudem einen Verleumdungsprozess gegen zwei britische Zeitungen, die ihm die Unterstützung palästinensischer Terroristen unterstellt hatten.

Angesichts all dessen verwundert es kaum, dass Yusuf Islam, als er schließlich zum Interview eintrifft, zuallererst einmal sein eigenes Aufnahmegerät auf den Tisch stellt. Nur um sicherzugehen …

profil: Ihr Comeback kam zwar als Überraschung, aber Sie traten in den letzten Jahren doch immer wieder zu besonderen Anlässen öffentlich auf. War Ihre Rückkehr zur Musik in Wahrheit ein gradueller Prozess?
Yusuf Islam: Ja, es war keine plötzliche Entscheidung. Ich wärmte mich schon seit 1995 dafür auf, als ich mein erstes, spärlich arrangiertes Konzert in Sarajewo gab. Ich sang zwei meiner Songs mit einem bosnischen Chor und ein wenig Percussion. Und 2003 fand in Kapstadt in Südafrika ein großes Konzert für Nelson Mandelas Initiative zur Aids-Bekämpfung statt. Peter Gabriel half mir dabei, mich dort hinzustellen und den Song „Wild World“ vorzutragen. Seit damals hab ich vor allem zu Wohltätigkeitszwecken gesungen.
profil: Es war also nur Ihr ehemaliger Lebensstil als Popstar, von dem Sie sich entfremdet fühlten. Mit den Songs an sich hatten Sie keine Probleme?
Yusuf Islam: Die alten Songs sind ein Teil meiner Geschichte und meiner Lebenserfahrung. Ich kann sie nicht ignorieren, und einige davon sind sogar sehr profund. Die „Wild World“, über die ich sang, ist nicht verschwunden. Sie ist schlimmer geworden. Viele dieser Songs sind relevant. „Peace Train“ ist einer davon.
profil: Der Albumtitel „An Other Cup“ ist eine Anspielung auf ihre alte Platte „Tea for the Tillerman“, bezieht sich aber gleichzeitig auf ein Gleichnis aus dem Zen-Buddhismus, und im Inneren dieser Teetasse ist auf der CD eine Sturmwelle zu sehen. Diese Metapher funktioniert also auf drei verschiedenen Ebenen.
Yusuf Islam: Ja, es ist eine Verwebung verschiedener Zeiten und Perioden, aber auch vollkommen aktuell. Das ist das Einzigartige daran. Jetzt ist es Yusuf. Das ist, wo wir heute stehen.
profil: In einem Song namens „Heaven/Where True Love Goes“ singen Sie: „Wenn ein Sturm kommen sollte und du dich einer Welle gegenübersiehst, könnte das die Chance für deine Rettung sein.“ Beziehen Sie sich da auf jenes Schlüsselerlebnis Mitte der Siebziger, als Sie beinahe im Meer ertrunken wären?
Yusuf Islam: Ja, das war eine Sprosse auf meinem Pfad zum Islam. Ein Wendepunkt. Im Verlauf seines Lebens hat man viele Ideen und Ambitionen, aber wenn man einmal beinahe sein Leben verloren hat, trifft man ernsthafte Entscheidungen darüber, was man als Nächstes machen sollte. In meinem Fall war es der Entschluss, mich Gott zu widmen, der mich vor dieser wilden Strömung gerettet hatte. Der Islam kam erst danach ins Spiel, als eine der Religionen, die ich bis dahin noch gar nicht studiert hatte.
profil: „Midday“, der erste Song auf Ihrem Album, ist eine Feier des Lebens, aber am Ende jeder Strophe steht die düstere Wendung: „Meide die Stadt im Dunkeln.“ Nach den Bombenanschlägen in London im vergangenen Juli wurden viele Leute auf der Straße wegen ihres islamischen Aussehens attackiert. Spielt der Text darauf an?
Yusuf Islam: Überhaupt nicht. Da geht es darum, was in Soho jede Nacht passiert.
profil: Sind Sie denn manchmal dort unterwegs?
Yusuf Islam: Eben nicht, genau darum geht’s ja in dieser Nummer. Ich vermeide diese Art von Situation. Nur manchmal, wenn ich (in einem Studio, Anm.) etwas schneiden muss, finde ich mich nach Sonnenuntergang in diesen ächzenden, verwachsenen kleinen Straßen wieder. Aber das ist der einzige Grund, warum ich dorthin gehe.
profil: Und Sie haben damit nicht auch gemeint …?
Yusuf Islam (irritiert): Nein, darauf will ich nicht eingehen. Die Verbindung, die Sie zwischen bestimmten Ereignissen auf der Welt und dieser Platte herstellen, ist ein bisschen weit hergeholt.
profil: Möglich. Aber wenn Sie im Cover-Beiheft ihre Lieder „all jenen lange leidenden Völkern“ widmen, „die darum beten, in Frieden und Sicherheit in ihr Land zurückkehren zu können“, ist es geradezu unvermeidlich, dabei an Themen wie die Lage der Palästinenser zu denken.
Yusuf Islam: Ja, das stimmt. Da haben Sie eine Verbindung mit einem Bild der heutigen Welt, aber ich habe das sehr fließend und unspezifisch gehalten, sodass es sich heute wie morgen auch auf eine andere Gruppe von Menschen anwenden ließe.
profil: Genauso wie Sie mit „Don’t Let Me Be Misunderstood“ einen Song covern, der schon auf viele verschiedene Situationen angewendet wurde. Ohne jetzt in alten Wunden wühlen zu wollen: Rund um die Fatwah gegen Salman Rushdie gab es eine Zeit, in der Sie sich von der Öffentlichkeit besonders stark missverstanden fühlten. Hat das bei der Auswahl dieses Songs eine Rolle gespielt?
Yusuf Islam: Dieses Album fliegt hoch über allen Kontroversen und entzieht sich in einem gewissen Sinn der Schwerkraft. Es bezieht sich nicht auf irgendeinen bestimmten weltlichen Vorfall. Ich habe mich mit diesem Album auf eine allgemeine Mission begeben, einen persönlicheren, weniger auf Schlagzeilen ausgerichteten Zugang zu finden. Es ist mir wichtiger, wieder zu Menschen zu singen und mit ihnen von Herzen zu Herzen kommunizieren zu können, als über Politik zu reden oder über die heißen News, die von Zeit zu Zeit auf unseren Fernsehschirmen eintreffen. Mir geht es um etwas wesentlich Dauerhafteres. Aber „Don’t Let Me Be Misunderstood“ ist sehr wohl eine Referenz auf die Unfähigkeit mancher Leute, die Intentionen anderer zu verstehen. Weil sie fehlinformiert sind.
profil: Es gibt da ja auch einiges zu klären: Die meisten erinnern sich an Sie als Cat Stevens. Danach kam Yusuf Islam, der sich auf der ganzen Welt als Botschafter des Islam betätigt hat. Und jetzt Yusuf Islam, der Künstler, der diese Platte gemacht hat.
Yusuf Islam: Und ich dachte, dass wir darüber sprechen würden. Die Platte.
profil: Bleiben wir also konkret bei der Musik. Eine der größten Überraschungen ist, wie jung und unverändert Ihre Stimme klingt. Vielleicht, weil Sie sie über die Jahre rasten ließen?
Yusuf Islam: Das kann gut sein. Aber wie Sie am Anfang schon erwähnten, hatte ich seit 1995 an einigen Projekten gearbeitet. Ich nahm unterhalb des medialen Radars Kinderplatten und pädagogische Lieder für mein Label Mountain of Light auf. Das hielt meine Stimmbänder in Form.
profil: Aber die Gitarre hatten Sie zur Seite gelegt. War ihre Wiederentdeckung das auslösende Moment für Ihre neuen Songs?
Yusuf Islam: Die Gitarre war sehr wichtig, um eine Platte herzustellen, die den meisten Leuten heutzutage gefallen würde. Ich erkunde gerne verschiedene Arrangements, und das lässt sich ohne Instrumente nur schwer machen.
profil: Unter Ihren Mitmusikern sind viele alte Freunde wie Danny Thompson …
Yusuf Islam: … und Alun Davies und Jean Roussel. Es ist schön, wieder mit ihnen zusammen zu sein.
profil: Hatten Sie mit diesen Leuten Kontakt gehalten, während Sie nicht Musik machten?
Yusuf Islam: Ja, wir trafen uns dann und wann, aber natürlich besonders zu jener Zeit, als ich mich entschloss, wieder ins Studio zu gehen. Da rief ich sie an und lud sie ein.
profil: Wie kamen Sie mit Youssou N’Dour zusammen?
Yusuf Islam: Ich hatte ein paar seiner CDs gehört. Ich finde, er hat eine außergewöhnliche, ebenso himmlische wie explosive Stimme in diesem großartigen senegalesischen Stil. Die Leute sind sehr musikalisch in diesem Teil Afrikas. Ich wollte, dass er dem Song etwas von diesem arabisch-afrikanischen Gefühl verleiht.
profil: Noch eine kurze Frage eines Ungelehrten zu einem Ihrer Texte: Was hat es mit den 70.000 auf sich, die in „One Day at a Time“ ohne Abrechnung durch das Tor zum Paradies gehen?
Yusuf Islam: Das kommt von einem Spruch des Propheten. Manche Leute werden in den Himmel aufgenommen, ohne dass überhaupt ihre Bilanz geprüft wird, denn sie haben absolutes Gottvertrauen. Diese Symbolik erwähne ich, wenn ich von den Vögeln spreche, die am Morgen mit leerem Magen wegfliegen und bei Dämmerung satt zurückkehren. Es sind diese engelsgleichen Menschen, die Herzen wie Vögel haben. Diese Leute werden ohne Abrechnung den Himmel betreten. Das heißt nicht, dass es nur 70.000 von ihnen gibt. Diese Zahl steht für ein beliebiges Vielfaches. Vom Standpunkt eines Gelehrten aus heißt das „viele“, „eine große Zahl“, das ist nicht spezifisch zu verstehen.

Von Robert Rotifer