Domingo und Kaufmann: „Wir sind Zirkusartisten ohne Netz“

Die beiden berühmtesten Opernsänger der Welt über Tenorwitze, Stimmlagenwechsel und ihre Verdi-Neigung: Plácido Domingo und Jonas Kaufmann im Doppelinterview.

Interview: Manuel Brug

profil: Der Legende zufolge seien Tenöre eitel und dumm. Was hat es damit auf sich?
Plácido Domingo: Dumme Tenöre? Kennst du welche?
Jonas Kaufmann: Nein! Aber wir kennen natürlich alle Witze über sie. Schon um die Pointen immer schon vorwegnehmen zu können. Und manche dieser Witze sind wirklich lustig. Ich glaube übrigens, dass der einzige Grund, warum es Tenorwitze gibt, darin liegt, dass wir Tenöre so gut damit umgehen können. Die Baritone schaffen das nicht.
Domingo: Der Bariton erfüllt, was der Tenor verspricht – schon wieder ein Tenorwitz. Wir sind eben das, was im Orchester die Bratschisten sind. Irgendjemand muss als Blitzableiter herhalten. Vielleicht sind wir robuster in dieser Hinsicht, obwohl wir ja sonst als besonders fragil und zickig gelten.

profil: Haben Sie denn Allüren?
Kaufmann: Nur die üblichen. Wir müssen uns schließlich zu schützen wissen. Aber man kann sich im Opernbetrieb heute Mätzchen eigentlich gar nicht mehr leisten, man muss funktionieren, sonst gilt man als schwierig.
Domingo: Ich fand Allüren immer anstrengend, für mich und meine Umgebung. Also habe ich weitgehend darauf verzichtet. Wenn man alle Bedingungen vorher klärt, kommt es weder zu Tenorausfällen noch zu Tenorwitzen. Dann funktionieren alle und haben sich gern. Hoffe ich jedenfalls.
Kaufmann: Ich habe noch eine Erklärung für die Tenorwitze: Es gibt mehr Baritone. Ein wirklich guter Bariton ist also wirklich fast schon der Beste der Besten. Als Tenor müssen sie aber manchmal in der Not auch auf Leute ausweichen, die nur Stimme und sonst nichts haben. Als Tenor kannst du so Karriere machen, als Bariton wäre das wohl nicht möglich.

profil: Haben wir zu wenig Star-Tenöre?
Domingo: Wenn früher Franco Corelli für die „Tosca“ abgesagt hat, dann gab es noch Carlo Bergonzi, Richard Tucker, Giacomo Aragall, Sándor Kónya und Luciano Pavarotti als prominente Einspringer. Und was ist heute, wenn Jonas krank ist? Ich könnte nicht mehr einspringen. Bei Verdi und Puccini sehe ich tatsächlich eine Wüste. Man muss also nett zu Jonas sein und ihn besonders gut behandeln.

profil: Herr Kaufmann, können Sie sich erinnern, wann sie Plácido Domingo erstmals gehört haben?
Kaufmann: Nicht wirklich. Wir hatten viele Opernplatten daheim, meine Familie liebte klassischen Gesang. Und ich weiß noch, dass ich bei meiner Großmutter eine Domingo-Kassette mit „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Granada“ so lange gehört habe, bis sie nicht mehr funktionierte.

profil: Herr Domingo, können Sie sich erinnern, wann Sie Jonas Kaufmann erstmals gehört haben?
Domingo: Ja, das weiß ich genau. Als wir 2004 in London waren, gab es dort Puccinis „La Rondine“, eine Oper, die meine Frau selbst schon inszeniert hatte. Da ging sie also hin, nur so aus Neugier, und hörte erstmals Jonas. Dann hat sie auch mich hingeschickt, weil sie meinte, der Mann sehe gut aus, er könne spielen, und Stimme habe er auch noch. Natürlich habe ich als Direktor der Los Angeles Opera sofort versucht, ihn zu engagieren, aber das ist mir bis heute nicht gelungen. Immerhin hat er bei uns 2011 sein US-Liederabend-Debüt gegeben.

profil: Wobei ihm die deutschen Rollen naturgemäß etwas leichter fallen als Ihnen.
Domingo: Ja ich weiß schon, was jetzt kommt: mein Akzent! Aber schauen Sie, ich hatte es wirklich schwer. Als Spanier muss ich immer in fremden Sprachen singen, selbst Italienisch ist für mich nicht einfach; ich beneide Jonas. Bei Wagner muss er über die Aussprache nie nachdenken. Ich finde aber zum Beispiel Deutsch einfacher als Französisch. Aber ich würde gern mal hören, wie Jonas eine Zarzuela singt – wahrscheinlich auch perfekt.
Kaufmann: Ich finde Deutsch schon auch sehr schwer. Ich wäre froh, wenn ich dabei nicht nachdenken müsste, denn die gesprochene Sprache unterscheidet sich stark von der gesungenen. Man muss als Sänger anders artikulieren, damit es auf der Bühne richtig und natürlich klingt. Deshalb finde ich oft, dass man fremdsprachige Sänger im deutschen Repertoire besser versteht, weil sie sich mehr Mühe geben.

profil: Plácido Domingo ist inzwischen bei seiner 145. Rolle angelangt. Zählen Sie auch schon Ihre Partien?
Kaufmann: Nein. Vielleicht tut es ja jemand für mich. Was ich von Plácido gelernt habe: Neugierde ist eine der Wegmarken einer langen, erfüllten Karriere. Ich möchte als Sänger nicht stehenbleiben. Natürlich ist es schön und bequem, eine Zeitlang die immer selben Partien zu singen, sich in ihnen einzurichten – aber dann sehnt man sich doch auch nach anderen Rollen. Kein Sänger kann je alles singen, was für seine Stimme geeignet wäre. Jede Karriere hat ihre verpassten Gelegenheiten. Und natürlich sind neue Rollen die schönsten Herausforderungen. Wer weiß, vielleicht wechsle ich auch mal zum Bariton, die Farben dazu habe ich ja in der Stimme. Aber im Augenblick ist das für mich noch keine Option.
Domingo: Ich habe meine Rollen übrigens auch nie gezählt. Es gibt nur ein grünes Büchlein, in dem jeder Auftritt und jede Besetzung eingetragen ist. Das weiß ich, gestern beispielsweise war mein 3675. Auftritt! Dabei bin ich kein Statistiker. Inzwischen bin ich Rekordhalter, was Bühnenpartien betrifft, aber das ist nicht, was mich antreibt. Natürlich war es schmerzlich und auch nicht immer freiwillig, sich von so vielen guten Rollenbekannten verabschieden zu müssen, die mich verlässlich begleitet haben. Doch ich kann inzwischen gut loslassen, nur von der Bühne selbst mag ich noch nicht abtreten. Deshalb finde ich meine Reise ins Bariton-Universum gerade so wunderbar, zugleich ein Privileg, auch da noch stöbern zu dürfen. Ich weiß allerdings nicht, wie Jonas in der Lage war, auf einer Tournee fast 40 Mal den Ferrando in „Così fan tutte“ zu singen. Ich hatte den auch mal im Repertoire, fand ihn aber immer unglaublich schwer.
Kaufmann: Das war schon Wahnsinn. Allerdings hatte ich da nur zwei der drei Ferrando-Arien. Natürlich ist es für einen erfahrenen Sänger schön und gesund, zu Mozart zurückzukehren, aber für einen Anfänger kann das sehr gefährlich sein. Man braucht eine gute, sichere und saubere Technik. Ich wusste nach dieser Erfahrung, dass ich in diesem Beruf wohl überleben können werde, auch wenn ich mit meiner Gesangsführung sehr zu kämpfen hatte.

profil: Sie haben beide gerade Verdi-CDs eingespielt. Was bedeutet Ihnen dieser Komponist?
Domingo: Ich habe etwa die Hälfte meiner Karriere mit Verdi und Puccini verbracht, und ich habe es gern getan! Er hat mir immer gefallen, hat mich nie enttäuscht, er ist grundehrlich, fordert nichts Unmögliches. Und dem Publikum gefallen seine Werke auch. Ich habe an die 20 seiner Opern gesungen und sämtliche Tenorarien – und jetzt wandle ich auch auf seinen Baritonpfaden.
Kaufmann: Mit solchen Zahlen kann ich nicht aufwarten, aber es sind einige neue Verdi-Rollen in meinem Kalender, als nächstes kommt „Die Macht des Schicksals“ im Dezember an der Bayerischen Staatsoper. Aber mir geht es wie Plácido: Während ich Mozart-Rollen durchaus schwer zu bewältigen finde, fällt mir das Verdi-Singen leicht. Man sollte freilich Erfahrung haben; ein junger Tenor brüllt sich da gern fest. Und ich habe festgestellt: Wenn ich zwischen einer Serie von Wagner-Aufführungen ein wenig Verdi singe, ist das wie Öl für die Stimme. Bei Wagner oder Puccini ist immer viel Emotion in der Begleitung, die Arien sind dann nur noch ein Rezept, dem man folgen muss – wie ein perfektes Filmskript. Verdi liefert die Melodie, aber man selbst muss sie mit Emotionen und Persönlichkeit erfüllen, um sie zum Atmen zu bringen.

profil: Aber ist der Druck bei Verdi nicht höher, weil jeder Zuhörer die berühmten Arien kennt?
Kaufmann: Das stört mich nicht, das Publikum wartet immer nur auf eine bestimmte Phrase oder auf den hohen Ton. Die Opern aber dauern Stunden, das kann man nicht auf eine oder zwei perfekte Noten reduzieren. Nur ist es für viele Sänger leichter, die hohen Noten des „Rigoletto“-Herzogs zu produzieren, als einen Charakter zu gestalten. Aber letztlich geht es doch um die Figuren, alles andere ist nur Artistik.

profil: Fühlen Sie sich als neuer Bariton nun entspannter, Herr Domingo?
Domingo: Es gibt andere Schwierigkeiten. Das Repertoire ist neu, und ich höre immer auch die jeweiligen Tenorrollen in den Opern mit. Und ich musste lernen, mit meinem Tenor-Timbre die Stimme nicht zu sehr einzudunkeln, sonst wird man schnell müde. Es ist kurios: Ich war am Anfang meiner Karriere ja Bariton, die Tenorlage musste ich mir hart erarbeiten, aber nun kann ich nicht einfach so zurückkehren. Ich lerne jetzt also noch einmal die Technik. Denn der tiefere Teil meiner Stimme ist auch der schwächere, den muss ich stärken, muss mehr Druck ausüben und mehr mit Farben spielen.
Kaufmann: Aber das lernt man auch schon als Tenor: Es kommt immer auf das Register an. Das hohe A in der „Fedora“-Arie „Amor ti vieta“ ist die höchste Note der sonst sehr tief liegenden Partie. Und die ist dann auf einmal richtig schwer, schwerer als manches hohe C.

profil: Welche Gesangsfehler sollte ein Anfänger nicht machen?
Domingo: Ich gebe ungern Ratschläge, denn keine Stimme gleicht der anderen. Und wenn Sie Jonas fragen, wie er ein hohes H produziert, wird er Ihnen womöglich etwas ganz anderes erzählen als ich. Das Einzige, was ich jungen Sängern, nicht nur Tenören rate: Passt auf, was die Theater von euch wollen, und lasst euch nicht dazu verleiten, falsches Repertoire zu singen. Doch welches das für euch richtige ist, müsst ihr selbst herausfinden. Oder eben euer hoffentlich ehrlicher Agent. Und dann höre ich immer: „Sie arbeiten doch selbst so viel, Herr Domingo!“ Stimmt zwar, aber ich habe stets eine Grundregel beherzigt: Zwei bis drei Tage Ruhe zwischen den Aufführungen sind einzuhalten. Und besonders viel Ruhe am Tag davor. Man hat dann mehr Kraft und Flexibilität. Eine Tenorstimme ist delikat, wir singen in einer eigentlich verbotenen Region. Wir sind Zirkusartisten ohne Netz.

profil: Was denken Sie, Herr Kaufmann: Was sollte man als Sänger gar nicht tun?
Kaufmann: Ganz einfach: Singen, wenn man sich nicht gut fühlt. So schmerzlich das Absagen auch ist. Da bin ich inzwischen sehr konsequent. Aber wenn ich gut drauf bin und ein Kollege krank wird, habe ich auch schon den Bacchus in „Ariadne auf Naxos“ und tags darauf den Rodolfo in der „Bohème“ gesungen, das setzt erstaunlich viel Adrenalin frei. Eine schlechte Aufführung aber kann nicht nur dem Ruf, sondern auch ernsthaft der Stimme schaden. Und eine neue kann mir niemand geben. Mit angeschlagener Stimme zu singen, das ist für uns der Killer Nummer eins.

Zu den Personen

Plácido Domingo, 72
Wohl nur er selbst weiß, ob er tatsächlich erst 72 Jahre alt ist, wie es die offizielle Operngeschichtsschreibung will, oder ob er doch schon, wie oft kolportiert, in Wahrheit 78 Lenze zählt. Mag auch sein ewiger Rivale Luciano Pavarotti berühmter gewesen sein, kein Sänger hat jemals so viele Rollen gesungen und Aufnahmen gemacht wie der in Madrid geborene, in Mexiko aufgewachsene Plácido Domingo. Er debütierte 1959 in Mexico City als Bariton, um in der Folge einer der berühmtesten Tenöre der Welt zu werden. In seinem fünften Weltkarrierejahrzehnt ist Domingo nun in die Baritonlage zurückgekehrt. Er dirigiert auch, leitet die Los Angeles Opera und besitzt mehrere Restaurants.

Jonas Kaufmann, 44
Der Münchner musste einige Jahre in der Provinz warten, ehe sein Tenorstern richtig aufging. Seit 2005 hat er sich zum meistgefragten Tenor der Welt entwickelt. Heute ist er als Wagner-Sänger, im italienischen wie im französischen Fach, gleichermaßen geschätzt. Der Vater dreier Kinder gastiert regelmäßig in New York und Zürich, Wien und Berlin, Paris und Mailand, London und St. Petersburg, Salzburg und Bayreuth, und er begeistert als Sänger ebenso wie als intensiver Bühnendarsteller.