Drama: Vermutlich Bratkartoffeln

Auch 200 Jahre nach Friedrich Schillers Tod macht das gewaltige Werk des Weimarer Dichters Schülern, Regisseuren und Theatergängern noch zu schaffen. Nun, im Schiller-Jahr, ist man um neue Zugänge bemüht. Der Theaterkritiker Helmut Schödel über Pathos, Kitsch und Trauerspiel, über die Renaissance des Sternenhimmels und seine eigene Schiller-Begeisterung.

Vielleicht zogen Wolkenfetzen über den Nachthimmel, hinter denen ab und zu der Mond hervortrat. Die Straßen waren wahrscheinlich längst totenstill in dieser Nacht im Mai, als man Friedrich Schiller zu Grabe trug, kurz nach Mitternacht, wie es in Weimar bei Beerdigungen üblich war. Er wurde im Leichengewölbe der Landschaftskasse in einer Sammelgruft für den verarmten Adel, Zugereiste und Fremde beigesetzt. Kein Wort. Kein Trauergesang. Durch eine Falltür hinuntergelassen und auf die anderen Särge gestapelt, der Tote. Eine Erdbestattung im Einzelgrab auf dem Weimarer Jakobsfriedhof – das wäre zu teuer gewesen.

Es muss eine grausige Maiennacht gewesen sein, kein Mensch da. Selbst Goethe war krankheitshalber verhindert. Gut zwanzig Jahre später ließ er nach den Gebeinen seines Freundes suchen. In einem Gewölbe, in dem über Jahre hin Sarg auf Sarg getürmt worden war. Da machte ihnen Schillers Schädel aufs Neue Kopfzerbrechen. Diese Schädelangelegenheit ist eine Wissenschaft für sich. Vor fünfzehn Jahren erschien ein Buch von Henning Fikentscher (im Selbstverlag): „Der heutige Stand der Forschung über Friedrich Schillers sterbliche Reste“. Er war ja schon zu Lebzeiten oft nicht greifbar, auf der Flucht, und das bestätigte sich nun über den Tag hinaus.

Schiller war 1805 mit erst 45 Jahren verstorben, und in der Pathologie wunderte man sich, dass es so lange dauern konnte. Er hatte nicht leichthin gelebt und war entsprechend schwer gestorben. Die Organe schienen lange vor dem Geist ermüdet, aber eben dieser schien sie am Leben zu erhalten. Sagt man. Die Schiller-Verehrung ist natürlich immer darauf bedacht, den Höhenflügen zu folgen, ohne die Abstürze zu teilen. „Hinauf – hinauf – Die Erde flieht zurück – Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude“, lautet der letzte Satz seiner romantischen Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“. Eigentlich wurde Johanna 1431 als Hexe verbrannt. Aber die Wirklichkeit ist das eine und die schöne Idee von ihr eine ganz andere Sache. Da werden aus Hexen Engel. Die nicht unumstrittene Behauptung, dass oben ein guter Vater wohne, wendet bei Schiller das irdische Elend in ein himmlisches Freiheitspathos.

Es ist jetzt, im Schiller-Jahr, viel Imponierendes und auch Streberhaftes über den Klassiker geschrieben worden – speziell von Rüdiger Safranski („Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus“) oder von Sigrid Damm („Friedrich Schiller. Eine Wanderung“). Höchst empfehlenswerte Debatten über Leben und Werk. Die Fragen, in welche Liebesgeschichten er sich heillos verstrickte und wann er den Philosophen Kant zitierte, scheinen geklärt. Ich frage mich allerdings submissest, warum meine ganz persönliche, vergleichsweise unzuständige Begeisterung für Schiller dabei auf der Strecke bleibt.

Wir befinden uns nun in einem Provinztheater in Nordbayern, Ende der sechziger Jahre, das ich als Gymnasiast besuchte. Man gab „Die Jungfrau von Orleans“, es wurde gerade der vierte Auftritt des Prologs gespielt, in dem sich Johanna verabschiedet: „Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften … Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder.“ Ich saß in der ersten Reihe des Rangs, zur Rechten meine Mutter, die sich ihrer Tränen nicht erwehren konnte, und links von mir saß eine Abonnentin, die gerade einem Bus vom Land entstiegen war. Angesichts der zu erwartenden Länge der Aufführung hatte sie sich mit einer zünftigen Brotzeit versorgt. Sie klopfte auf der Rangbrüstung ein hart gekochtes Ei auf, weil man in Bayern eben in Biergartendimensionen denkt. Schillers „Jungfrau“ war für mich von nun an eine Mischung aus Ei und Tränen.

Das war ja nicht ganz falsch. Die beiden Frauen reagierten auf Schillers Johanna einfach wie auf eine Yellow-Press-Schnulze. Der Kitsch ist die Sublimation der Tragödie, und Schiller beherrschte ihre Effekte sensationell.

Ich war damals zwar in einem nordbayerischen Provinztheater, aber was war denn Weimar früher? Niedrige Decken und Butzenscheiben. Fürsten – und Geheimratsgesellschaft. Deutschland war immer Provinz. Da hatte der eine was mit der Frau von Kalb vor und der andere was mit der Frau von Stein. Aber keiner was mit der Frau von Orleans. Denn das Frauenbild war bei Schiller nach Art der Gegend gestrickt: die heilige Johanna, eine Dienerin des Meisters, der ein Sklave seines Werkes war. Deutsche Provinz am Ende des 18. Jahrhunderts: „Ich kann den Menschen und den Dingen den tiefen Abstand nicht verzeihen, in welchem sie zu dem himmlischen Ideal meiner Liebe stehen“, schrieb Schiller und wollte am Abend vermutlich Bratkartoffeln. Bei Burda würde man solche Sätze heute noch drucken. Schiller ist eben modern.

Es gab natürlich jede Menge Intelligenzija in Weimar, aber was bei Schiller blieb, war Projektion, nicht Weimar, sondern das Firmament über der gesellschaftlichen Enge: „Das ist der Sternenhimmel, der Sternenhimmel …“, irgendetwas zwischen Kant und deutschem Schlager. Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Schillers Liebe nicht. Edler Friedrich!

Irgendwie konnte ich mir Schiller immer gut vorstellen. In seinen Schubladen verfaulten Äpfel, sein Kommentar zum Paradies auf Erden, und trotzdem lag auf der Schreibplatte die „Ode an die Freude“: Seid umschlungen, Millionen! Obwohl er oft krank war und meist in finanziellen Engpässen.

Zwischenzeitlich ernannte man den Dramatiker zum Professor für Geschichte in Jena. Seine akademischen Erfahrungen beschrieb er so: Er habe dort „einen solchen Geist des Neides“ beobachtet, „dass dieses kleine Geräusch, das mein erster Auftritt machte, die Zahl meiner Freunde schwerlich vermehrt hat“. Komisch, dass sich die Erfahrungen meines eigenen kleinen Lebens immer an Schiller bestätigten. Er sprach mir schon wieder aus der Seele, als ich einer Professur am Salzburger Mozarteum nachkam: „Ich bin wie einer, der an eine fremde Küste verschlagen worden und die Sprache des Landes nicht versteht. Ein freudloses Dasein … O wie leer ist mir hier al-les.“ So sind sie, die Klassiker. Sie nehmen uns jede Überraschung. Sie wussten es schon immer besser. Sogar in Weimar.

Neben Shakespeares „Hamlet“ ist Schillers „Die Räuber“ mein Lieblingsstück, ein Traktat über das unglückliche Bewusstsein. Jacke wie Hose, Franz oder Karl Moor, es führt nichts vorbei an der nihilistischen Grundposition. Als Frank Castorf zur Wendezeit „Die Räuber“ inszenierte, als wären wir in Karl, den Helden, und Franz, die Kanaille, geteilt gewesen und die Räuberbande doppeldeutig das Konzentrationslager-Lied sang – „Wir sind die Moor-Soldaten“ –, da stand auf der Bühne ein überdimensionaler Wurstkessel. Vielleicht schmorte der alte Moor darin, die Vätergeneration. Und die Antwort war: Nein, diese Suppe esse ich nicht. Das war „Schiller heute“ damals.

Natürlich auch, als man „Die Räuber“ in Düsseldorf unter Peter Löschers Regie als RAF-Modell entdeckte. Oder unter der Regie von Andras Fricsay in München als Punk-Event – das war klassisches Theater. Was noch fehlt, ist die Rechtsradikalenvariante.

Kabale und Liebe. Der Himmel und Ferdinand reißen an Luises kranker Seele. Eine Mesalliance zwischen einem Adligen und einem Bürgermädchen. Sie können sich etwas anderes als ihr Unglück gar nicht vorstellen. Das ist Schiller. Aber: Brüder, überm Sternenzelt! Er war zwar Professor für Geschichte, aber seine Auskünfte über Schottland in „Maria Stuart“ sind genauso dubios wie die über deutschen Kleinstaat-Absolutismus in „Kabale und Liebe“.

Denn da ist ja schließlich dieses Sternenzelt. Der Sternenhimmel. Allerdings hatten alle seine Figuren das, was wir nicht mehr haben, eine Sprache für ihre Empfindungen, selbst wenn ihnen auf Erden nicht mehr zu helfen war. Was waren Luises letzte Worte an Ferdinand? „Sterbend vergab mein Erlöser – Heil über dich und ihn.“

In der Frankfurter Inszenierung von „Kabale und Liebe“ durch Christof Nel und Erich Wonder rückte eine gelb-rote Wand auf die Rampe zu. Der Raum wurde immer enger, ein Stück Weimar, sonst hätte ja Schiller nicht diesen Hang zum Vergrößern gehabt, und warf die Protagonisten von der Bühne, bis die Limonade vergiftet war. Da war kein Platz mehr für deutsche Geschichte. Da ging es um sie und ihn. Weil es immer nur um uns geht: von Schiller bis Ibsen und Hitchcock. Um Menschen.

Über Jahre hin war es schick, Schiller zu verachten. Nietzsche nannte ihn den „Moraltrompeter von Säckingen“. Man glaubte vor allem, aus seinen Texten ein hohles Pathos zu hören. Aber das Bekritteln gehört zum Umgang mit Größe. Was ist an seinem Pathos so falsch, wenn er uns zuruft: der Freiheit eine Gasse, der Freundschaft eine Chance. Und wenn dann heute

Safranski dazwischenruft: „Freiheit ist nur im Triumph des Stolzes über die Qual.“ Sigrid Damm entzündete sich an der Lauterkeit dieses Autors. Und da kommen wir allmählich zum Entscheidenden.

Ja, da war Kants Freiheitsbegriff, dieses Besiegen des natürlichen Antriebs durch Pflicht und Willen, dieser Triumph über Impuls und Affekt. Aber da war dann auch dieser rasende und stets kranke Schiller, seine ökonomischen Konflikte, seine Selbstausbeutung, seine scheiternden Anpassungsversuche und dazu seine Schrift über das „gegenwärtige teutsche Theater“. Zwar schrieb er diesem eine sittlich veredelnde Kraft zu. Aber er erkannte dann doch: „Bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden.“ Selbst im deutschen Idealismus beißt sich die Katze letztlich in den Schwanz.

Wir erleben gerade das Ende der Aufklärungsindustrie, des Analysierens, des Emanzipierens, der Intellektuellen- und Expertenkultur. Da kommt der Schiller ja gerade recht: Da war doch noch der Sternenhimmel! Freude, Freundschaft, Eierkuchen. Wir besinnen uns erneut auf alte Werte, ein furchtbares Wort, weil es aus der Wirtschaft kommt. Wir wollen sie aber wieder, die Freude, die Freundschaft und diese Eierkuchen. Brüder, überm Sternenzelt! Allerdings hat sich auch Schiller ehebaldigst vom elysischen Gedanken abgewendet, obwohl er zuvor schrieb: „Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.“

Es bleibt nichts als das Werk. Das sah man, als man Schiller in einem Weimarer Mai kurz nach Mitternacht zu Grabe trug. „Arbeiten und nicht verzweifeln“, heißt es bei Heiner Müller. „Don’t cry, work!“, heißt es bei Rainald Goetz.

Aber da bleibt dann noch etwas, worüber wir uns verständigen sollten. Als Fritz Kortner „Kabale und Liebe“ in München inszenierte, hatte er offenbar nicht vor, das Stück einfach nur Szene für Szene zu interpretieren, sondern das bürgerliche Trauerspiel in einem Wort zu verdichten. Es war in den fünfziger Jahren, gut ein Jahrzehnt nach dem Holocaust, als Ferdinand ins Publikum schrie: „Mörder!!!“ Das war Friedrich Schillers vorerst letzte Wiederauferstehung.