„Dschihad der Frauen“

Feministin und Islamistin: Nadia Yassine, Führerin der marokkanischen Frauenbewegung, über zu viele Kinder und die Abschaffung der Monarchie.

profil: Frau Yassine, Sie propagieren die Republik Marokko. Sind Sie gegen den König?

Yassine: Ich mache keine Propaganda für die Republik. Aber wenn Sie zwischen einer Republik und einer Monarchie wählen könnten, was würden Sie bevorzugen? Ich spreche natürlich nicht von Republiken in der arabischen Welt, wie zum Beispiel Libyen oder Syrien, die keine echten Republiken sind. Ich spreche von einer politischen Ordnung, in der das Volk der Souverän ist und eine Gewaltenteilung von Legislative, Exekutive und Judikatur herrscht. Ein islamisches Kalifat wäre diesen Ideen sehr nahe. Eine Republik entspricht den Lehren des Korans – die Monarchie nicht.

profil: Aber der König von Marokko ist doch ein Nachfahre Mohammeds.

Yassine: Ja, sicher. Ich selbst bin ja auch ein Nachkomme des Propheten, was aber nicht heißen soll, dass ich deswegen automatisch eine Kalifin bin. Es gibt einige Millionen Mohammed-Nachfahren, die trotzdem keinen Anspruch auf den Thron haben. Im Ernst: Wir verurteilen jedenfalls die Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken.

profil: Wollen Sie eine islamische Republik? Abdessalam Yassine, Ihr Vater, der Gründer und spirituelle Führer Ihrer Bewegung für Gerechtigkeit und Wohlfahrt, war von der iranischen Revolution 1979 fasziniert. Entspricht das politische System des Iran heute Ihrer Vision von einer Republik?

Yassine: Die iranische Revolution hat der arabischen Welt anfangs viel Hoffnung gegeben. Sie versprach soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie und zeigte, wie komplett verdorben unsere Regime sind. Ich habe mir damals mit zwanzig Jahren den Schleier umgelegt. Diese Revolution hat mich stark beeinflusst. Die Realität sieht heute natürlich anders aus. Der Iran ist keineswegs ein Modell für eine Republik, wie wir sie verstehen. Es war ein Experiment, das aus der Wut heraus entstand. Eine politische Theorie steckt nicht dahinter. Wenn man nicht viel Arbeit in die Modernisierung und Kontextualisierung unseres Glaubens steckt, kann das nicht funktionieren.

profil: Also müsste Ihrer Meinung nach der Islam eine Art Reformation erleben: Wäre eine moslemische Renaissance angesagt?

Yassine: Ja, eine multidimensionale Renaissance. Einfach die Macht zu besitzen verändert noch nichts. Es bedarf einer kulturellen Revolution.

profil: Sie sind Feministin und gleichzeitig Islamistin. Wie passt das zusammen?

Yassine: Niemand kann sich von seiner Kultur lossagen. Ich auch nicht, aber gleichzeitig gehöre ich zur Denkschule meines Vaters, die der Entwicklung der islamischen Geschichte sehr kritisch gegenübersteht. Wir glauben, dass die ursprüngliche islamische Botschaft die Befreiung der Frau im Sinn hatte. Sie sollte mehr Rechte erhalten und verstärkt am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen. Ich bestehe auf meiner islamischen Identität. Aber ich verlange auch, dass man die frauenfeindliche Geschichte des Islam überwindet, dass man das moslemische Recht nicht akzeptiert, das uns aufgezwungen wurde, ein Recht, das letztlich auf politischen und nicht auf religiösen Entscheidungen basiert.

profil: Sie tragen den Schleier. Im Westen wird dieser als Symbol der Unterdrückung der Frau interpretiert. Ist diese Interpretation abwegig?

Yassine: Das ist nicht abwegig. Wir hatten während vieler Jahrhunderte keine Wahl. Der Schleier wurde uns aufgezwungen. Wir waren Gefangene einer patriarchalischen Tradition. Ich aber habe den Schleier aus freien Stücken gewählt. Es gibt eine ganze Generation, die sich bewusst für die Rückkehr zum Schleier entschieden hat. In diesem Fall ist er nicht mehr ein Instrument der Unterdrückung und des Zwanges, er wird zum Symbol einer Identität, die man gewählt hat. Ich bin natürlich dagegen, dass man wie im Iran die Frauen zwingt, sich zu verschleiern.

profil: Sie setzen sich für Frauenrechte ein, waren aber auch auf der Straße, um gegen das 2004 eingeführte neue Familiengesetz, die reformierte Mudawana, zu protestieren. Warum?

Yassine: Das ist viel komplexer, als Sie denken. Ich habe mich schon in den achtziger Jahren von dem damals herrschenden Familiengesetz, der Mudawana, losgesagt. Aus Angst vor der Unterdrückung hat sich niemand getraut, öffentlich zu sagen, dass die Mudawana nicht heilig ist. Als ich gegen die Mudawana auftrat, war das ein großer Skandal für den offiziellen Islam und für die extremen Islamisten. Seither wollen die salafistischen (extremistischen, Anm.) Priester nicht anerkennen, dass ich eine Moslemin bin.

profil: Und trotzdem haben Sie gegen die Modernisierung der Familiengesetze demonstriert.

Yassine: Nein, das stimmt so nicht. Der von uns als moderat eingeschätzten islamischen Partei PJD war die Mudawana heilig: Sie anzugreifen bedeutet für die PJD, die Religion anzugreifen. Wir sehen das anders. Es war unser politischer Fehler, auf die Straße zu gehen. Der Vorschlag zur Änderung der Mudawana kam von einem internationalen Plan, den die Weltbank mitfinanziert hat. Und wir wollten gegen diese kulturelle Invasion, gegen diesen kulturellen Imperialismus demonstrieren. In Marokko haben die Frauen, wie übrigens auch die Männer, viele Probleme – aber es darf nicht sein, dass uns internationale Organisationen und Konferenzen wie jene von Peking, Nairobi oder Kopenhagen diktieren, was wir machen sollen.

profil: Diese Konferenzen und Organisationen können doch helfen.

Yassine: Ich glaube nicht, dass diese Organisationen gute Absichten haben. Sie agieren, weil sie den Süden dominieren wollen.

profil: Voraussichtlich werden bei den Wahlen im September die Islamisten der PJD gewinnen. Was sagen Sie dazu?

Yassine: Das System akzeptiert Gegner wie die PJD. Sie dürfen zwar mitmachen, aber wirklich an die Macht lassen will man sie nicht. Der Linken ist es nicht anders ergangen. Abderrahman Youssoufi (Premier von 1998 bis 2002, Anm.) etwa, ein respektabler Linker, der zumindest theoretisch den Willen hatte, Marokko zu reformieren, bekam nie die Instrumente zur Veränderung des Landes in die Hand. Die Linke hat sich dadurch völlig diskreditiert.

profil: Und wie wollen Sie Marokko verändern. Durch Revolution?

Yassine: Wir sind prinzipiell gegen Gewalt. Deshalb wird über uns auch nicht so viel gesprochen wie über Gruppen, die mehr Lärm machen und viel Schaden verursachen. Wir arbeiten unter den Leuten. Der gewaltfreie Weg geht über die Erziehung. Unser Bildungssystem ist total verrottet. Bei der Erziehung müssen wir ansetzen. Wir machen natürlich auch politische Vorschläge, zum Beispiel fordern wir eine Änderung der Verfassung, die den Marokkanern von König Hassan (dem Vater von König Mohammed VI., Anm.) oktroyiert wurde. Der König vereint die ganze Macht in seiner Person: Es herrscht keine Gewaltenteilung. Erst diese würde eine echte Demokratie möglich machen.

profil: Terrorismus gehört doch auch zur marokkanischen Realität.

Yassine: Gewiss. In der arabischen und moslemischen Welt sind aber glücklicherweise die meisten Menschen keine Terroristen. Selbst in der islamistischen Bewegung ist Terrorismus ein Randphänomen. Wenn sich jedoch in Marokko nicht bald etwas ändert, wird die Situation explosiv.

profil: Sie sind wie islamische Extremisten für den Dschihad, den „Heiligen Krieg“ – in Ihrer Version ist dieser aber friedlich. Wie soll das gehen?

Yassine: Dschihad heißt: sich anstrengen, sich verteidigen, Widerstand leisten – gegen alle Kräfte des Bösen. Das kann Krieg bedeuten, aber auch eine intellektuelle Anstrengung, etwas Konstruktives.

profil: Und welche Rolle spielt die moslemische Frau in diesem Dschihad?

Yassine: In unserer Bewegung spielt die Frau eine tragende Rolle. Der Dschihad der Frauen bedeutet, dass wir vor allem eine Generation von Frauen hervorbringen müssen, die sich die theologischen Instrumente des Denkens aneignet.

profil: Weibliche Imame?

Yassine: Ja, diese Idee kommt von uns und wurde von offizieller Seite aufgegriffen. Es gibt nun etwa 50 Frauen, die sich darauf vorbereiten und die bereits die notwendigen Diplome haben. Die Frauen müssen an der Lektüre, an der Interpretation der heiligen Texte teilnehmen, um sie letztlich zu feminisieren: Das hat in der moslemischen Geschichte bisher gefehlt. Eine der wichtigsten Waffen der Frauen im Dschihad ist die Mutterschaft.

profil: Wie bitte?

Yassine: Nein, nicht in dem Sinn, den Sie meinen. Wir raten den Frauen, so wenige Kinder wie möglich zu bekommen. Wir haben viele Frauen, die überhaupt keine schulische Bildung haben und dem Modell der unterworfenen moslemischen Frau entsprechen, die sich um ihren Mann und ihre vielen Kinder kümmert. Ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung ist noch immer nicht alphabetisiert. Ein Skandal. Aber wie will man Kinder heranbilden, wenn man selbst Teil einer Generation von dummen Wilden ist? Wir haben eine Bewegung von Frauen geschaffen, die ihren Schulabschluss nachgeholt haben. Das ist unsere ruhige Revolution.

profil: Haben die Männer Angst vor dieser Revolution?

Yassine: Natürlich. Aber wir tun alles, um ihnen diese Angst zu nehmen und ihnen klarzumachen, dass solch eine Entwicklung letztlich auch in ihrem Interesse ist.

profil: Und muss sich der König vor Ihnen fürchten?

Yassine: Sicher. Wir sind ja klar gegen die Monarchie. Wir meinen, dass die Monarchie im Gegensatz zu den Lehren des Islam steht. Gegen den König persönlich habe ich allerdings nichts, er ist ein Opfer des Systems.

profil: Immerhin ist Mohammed VI. weniger autoritär als sein Vater.

Yassine: Der internationale Kontext und auch die marokkanische Realität erlauben ihm nicht mehr, gleich autoritär wie sein Vater zu sein. Aber das System ist noch allemal repressiv. Es gibt ständig Probleme mit der Pressefreiheit. Erst kürzlich wurde der Chefredakteur einer Zeitung eingesperrt, weil er dem König gegenüber unhöflich war.

Interview: Nicole Bojar, Georg Hoffmann-Ostenhof