Duden und Blasen

Die neue Rechtschreibung ist nicht perfekt. Deswegen jedoch die Rückkehr zur noch viel schlechteren alten Regelung zu fordern erscheint absurd.

Ketschup ist Geschmackssache – manche mögen es, manche nicht. Für den ausgewiesenen literarischen Feinschmecker Marcel Reich-Ranicki stellt es schlicht eine „nationale Katastrophe“ dar. Hauptleidtragende seien die Lehrer und Schüler: „Sie werden gequält und sind, bisher jedenfalls, wehrlos.“ Doch das soll sich jetzt ändern: Aus Ketschup muss wieder Ketchup werden, und die Majonäse ist umgehend vom Speiseplan zu streichen, denn sie hat die Portmonees nicht nur der Lehrer und Schüler lange genug belastet.

Willkommen im Kulturkrieg, live aus dem Sommerloch! Während anderswo auf der Welt flächendeckend Bomben und Granaten detonieren, gönnt sich Deutschland, aufgestachelt vom rot-grünen Reformfuror, eine Hitzeschlacht um die grausamste aller Reformen: jene der Rechtschreibung. Dass diese bereits vor acht Jahren vom zuständigen überstaatlichen Gremium für die deutschsprachigen Länder einmütig beschlossen, ab 1. August 1998 in Schulen und Ämtern eingeführt und danach, gerade in Schulen, mit beträchtlichem Erfolg praktiziert wurde, spielt keine Rolle – zumindest nicht in den Augen derer, die den Schock, jäh um die Substanz ihres bildungsbürgerlichen Selbstbewusstseins betrogen worden zu sein, niemals verwunden haben. Nun formiert sich eine beispiellos breite Front des Widerstands gegen die Reform, vom Rechtspolitiker bis zur Linksintellektuellen, von der Supermarktkassierin bis zum Altphilologen. So viel Orthografie war nie.

Über die Qualität der Argumente sagt das allerdings noch nichts aus – sie sind mehrheitlich im schmalen Spektrum zwischen naiv und haarsträubend angesiedelt. Tatsächlich ist die neue Regelung weit davon entfernt, vollkommen logisch und widerspruchsfrei zu sein. Dieses Manko teilt sie, wenn auch nicht halb so umfassend, mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts installierten und in der Folge durch eine Unzahl von Sonderfällen und Ergänzungen pervertierten „alten“ Rechtschreibung, nach der sich nun so viele so innig zurücksehnen – und sei es in der Regel nur deshalb, weil sie nichts anderes gelernt haben und den Teufel tun werden, auf ihre alten Tage noch einmal umzudenken (wozu sie im Übrigen niemand zwingt). Wenn etwa ein früherer Bildungspolitiker wie Helmut Zilk die Reform nun barsch als „Stümperhandwerk“ abtut, dann verkennt er, dass der Kompromisscharakter der neuen Regelung nicht zuletzt auf das Konto von (Bildungs-)Politikern geht, die, fachlich meist zwar unberufen, aber umso populistischer, der Reformkommission in den achtziger und neunziger Jahren bei jeder Gelegenheit ins Handwerk pfuschten. Auch vor diesem Hintergrund muss die Reform als nachgerade historischer Wurf gelten.

Allen Schwächen und Inkonsequenzen zum Trotz ist die neue Rechtschreibung der alten haushoch überlegen, und zwar was ihre Systematik betrifft (die Volksschülern allem Anschein nach unmittelbar einleuchtet, mit der sich die erdrückende Mehrheit der Kritiker naturgemäß jedoch keine Sekunde befasst hat – es ist ja auch viel bequemer, Majonäse-Brote zu schmieren). Vollends absurd erscheint es, die Sehnsucht nach der alten Schreibung zur Rebellion wider obrigkeitlichen Reglementierungsterror zu stilisieren: ein seltsam reaktionärer Freiheitsdrang. Gab es früher, in der guten alten Rechtschreibzeit, etwa keine Regeln, und waren diese Regeln, nüchtern betrachtet, jemals etwas anderes als ein wirres, kategoriell inkohärentes Sammelsurium von Einzel- und Sonder- und absonderlichen Normalfällen?

Für die Sprache gilt wie für jedes Zeichensystem: Es kann ohne Regeln nicht funktionieren. Und mit der wachsenden Komplexität eines Zeichensystems schrumpft auch die Wahrscheinlichkeit, es völlig konsistent halten zu können. Die Vielfalt und Schönheit einer Sprache, in diesem Fall der deutschen, hartnäckig an der Orthografie festzumachen, zeugt von einem ziemlich armseligen Sprachverständnis.

Rechtschreibung ist keine metaphysische, sondern eine praktische Disziplin. Dass gerade die Dichter und Denker in der aktuellen Debatte so leidenschaftlich agitieren, liegt in der Natur der Sache: Schließlich ist die Sprache ihr genuines Medium, zu dem sie eine geradezu erotische Beziehung unterhalten. Jeder Eingriff in den Kunstkörper Sprache kommt für sie einer sexuellen Belästigung gleich.

Anstatt jedoch hysterisch die Rückwendung zum vormaligen Wildwuchs zu propagieren, könnte man sich in aller Nüchternheit einem viel spannenderen Projekt verschreiben: der Optimierung und Verfeinerung der neuen Rechtschreibung. Das passiert übrigens ohnehin: Im Juni verabschiedete die zwischenstaatliche Kultusministerkonferenz eine Reihe von Präzisierungen und Ergänzungen des geltenden Regelwerks, die ab Ende August auch im neuesten Rechtschreib-Duden nachzulesen sein werden.

Es ist, gemessen am aktuellen Erregungspegel, nicht auszuschließen, dass es im Zuge der Auslieferung der 23. Auflage des dottergelben Orthografie-Klassikers in manchen Dichter- und deutschen Redaktionsstuben zu rituellen Duden-Verbrennungen kommen wird. Zur Feier des Tages empfehlen wir Pommes frites, wahlweise mit Ketschup oder Majonäse.