Dynamik, Abenteuer und viel Luft: Die Ingredienzien für moderne Klettersteige

Dynamik, Abenteuer und viel Luft unter den Sohlen: Das sind die Ingredienzien für moderne Klettersteige – aber nur ein Teil der Erklärung, warum Fels und Stahl zurzeit so gut zusammenpassen.

Von Martin Grabner und Klaus Haselböck

Leitern, Stahlseile, Eisenstifte und Klammern: Rund 250 Klettersteig-Anlagen der anspruchsvolleren Sorte schlängeln sich bis in die Gipfelbereiche der Ostalpen. Sie ermöglichen Menschen mit Ambition für die Vertikale und Kraft in den Oberarmen in Gefilde vorzudringen, die einst nur der kletternden Elite vorbehalten waren. Galt die Durchsteigung der Dachstein-Südwand früher als heroische Großtat, so hat sich das etwa seit der Eröffnung des „Johann“ grundlegend geändert: Über die fixen Stahlseile, die jetzt über die abgeschliffenen Platten, kargen Wände und durch die rauen Verschneidungen führen, turnen seit 1999 genauso die „Ferratisten“ hinauf. Nach gut fünf Stunden, drei davon im Klettersteig, tauchen sie zufrieden grinsend bei der Dachsteinwarte auf, gönnen sich ein kühles Blondes und rauschen danach mit der Seilbahn wieder talwärts. Klettersteiggehen ist lebendig, fordernd und liegt als eigenständige Form des Bergsports voll im Trend. Denn Eisenwege lassen Schweiß und Adrenalin gleichermaßen fließen und bringen ohne allzu lange Anmarschwege und Trainingseinheiten viel Dynamik ins alpine Erleben. Zudem ermöglichen sie körperliche Grenzleistungen in einem sehr exponierten, aber letztlich doch gut abgesicherten Gelände.

Intensiv, aber doch sicher – ganz wie es zum Zeitgeist passt. Entstanden sind die Klettersteige moderner Prägung aus punktuellen Sicherungen, die Schlüsselstellen im alpinen Gelände entschärfen sollten. Der Gipfel war damals das primäre Ziel, und der sollte möglichst problemlos erreicht werden. „Relikte“ dieser Art finden sich noch am Dachstein, im Rax-Schneeberg-Gebiet und natürlich in den Dolomiten, wo im Ersten Weltkrieg ein schauriger Gebirgskampf tobte. Im Lauf der Jahre steigerten sich die Schwierigkeitsgrade bei den Klettersteigen in immer ausgesetztere Dimensionen: Wenn jetzt ein neuer gebaut wird, dann ausschließlich im steilen Fels. Denn nur harte, spektakuläre und knifflige Stellen sind Garanten für hohen Zulauf. Bei Anlagen wie dem Postalm-Klettersteig, der sich über fünf Seilbrücken durch eine feuchte Klammpassage zieht, sind die Grenzen vom traditionellen Eisenweg zum alpinen „Erlebnispark“ bereits äußerst fließend. Publikumsmagneten. Bis zu zwanzig Klettersteige entstehen jährlich in Österreich.

Seilbahnbetriebe und Tourismusverbände haben Klettersteige als Publikumsmagneten entdeckt und fachen die rege Bautätigkeit noch zusätzlich an. So wurde Berghütten, die vor dem Zusperren standen, durch einen in der Nähe angelegten Steig wieder neues Leben eingehaucht. Genauso beleben die Eisenwege den Seilbahnen das vergleichsweise zähe Sommergeschäft. Mit der Planung und dem Bau von Steiganlagen werden meist spezialisierte Firmen beauftragt. „Zuerst betrachtet man das Wandbild von unten und sucht nach einer idealen Linienführung, wie beim klassischen Klettern“, so Toni Leitinger vom Grazer Klettersteigbauer Quo Vadis. Pfeiler, Überhänge und Quergänge werden möglichst kreativ mit den Steigeinrichtungen vernetzt. Der Schwierigkeitsgrad kann variiert werden. Für die eigentliche Bauphase, die wie beim Kaiserschild-Klettersteig eine ganze Zeltstadt in den Ennstaler Alpen entstehen ließ, werden Tonnen von Material mittels Hubschrauber hinaufgebracht. Nach Eröffnung und einem Jahr Gewährleistung pflegt der Tourismusverband mithilfe der ansässigen Bergrettung den Steig selber und garantiert für sichere Verankerungen und Funktionstüchtigkeit. Für ihr Tun sind die Benutzer selbst verantwortlich. Und bei diesen sind Wollen und Können nicht immer deckungsgleich. „Viele probieren einen schwierigen Steig auf gut Glück und denken sich, dass sie über die extreme Schlüsselstelle schon irgendwie hinaufkommen werden“, berichtet Leitinger. „Die hängen dann wie Sandsäcke in der Wand und müssen von der Berg- und Flugrettung geborgen werden.“

Neben einer seriösen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten ist die richtige Ausrüstung ein Muss: Ein modernes Klettersteigset kann die heftigen Belastungen, die bei den bis zu sechs Meter weiten Stürzen auf Mensch und Material einwirken, abpuffern. Genauso sollte man ein gewisses alpinistisches Grundverständnis haben: Schließlich bewegt man sich im Hochgebirge. Das Wetter ist dabei ein besonderer, sehr ernst zu nehmender Faktor. Denn ein Klettersteig ist nicht nur ein alpines Turngerät, sondern bei Gewitter auch ein famoser Blitzableiter.