<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Böhmische Blinis

Vratislav Kriváks „Nordpol“ (II): Dalken, Brot und Schnaps.

Dass Vratislav Krivák im Grunde seiner Seele Künstler ist, hat er vergangene Woche hier bekannt; dass er ein Lebenskünstler ist, der sich vom Asylanten zum Koch und Unternehmer durchgeschlagen hat, auch. Irgendwann zwischen seiner Ära im „Gasthaus zu den drei Buchteln“ und der Eröffnung von „Am Nordpol 3“ lag dann diese Phase, in der er sein Bohemien-Dasein als Künstler und Lebenskünstler in Vollendung lebte: „Fünf Jahre habe ich in Tschechien auf meinem Vierkanthof verbracht. Von außen hat niemand in den Hof gesehen, ich hab dort in aller Ruhe meine großen Formate gemalt.“ Zurück in Wien, sah er ein total verkommenes Wirtshaus, weit draußen im zweiten Bezirk. „Tullner’s Gastwirtschaft“ war günstig zu haben, und Krivák stellte sich an den Herd: „Ich hab überhaupt kein Geld gehabt und ein halbes Jahr auf ein paar Elektroplatten gekocht. Dann hab ich mir die ­Renovierung leisten können.“ Und die läuft heute immer noch.

Es ist Nachmittag, ein Mitarbeiter steht auf einer Leiter und streicht die Lautsprecher rot, aus denen – man höre und staune – Bonnie „Prince“ Billy, der wunderbar zappendustere Songwriter, raunzt. Krivák muss lachen, als er die Malerarbeiten sieht. Er selbst hat vor einiger Zeit spontan sämtliche aluminiumfarbenen Lüftungsrohre rot gestrichen: „Das Ehepaar Vranitzky war zu Gast, und Frau Vranitzky meinte, die silbrigen Rohre würden rot viel besser aussehen. Ich hab das schon vergessen gehabt, da ruft ein paar Wochen später der Ex-Kanzler an und bestellt einen Tisch für denselben Abend. Bin ich halt schnell ins Bauhaus gefahren und hab bis am Abend gestrichen. Sie hat sich sehr gefreut.“

Mittlerweile duftet es aus der Küche nach frischem Brot. Ein riesiger Laib dampft vor sich hin; es ist eines der besten Brote, die ich seit Langem gegessen habe: speckig und flaumig zugleich und mit einer klirrend knusprigen Kruste. Fast hätte ich Krivák das Rezept aus den Rippen geleiert, aber dann hält er inne und sagt: „Das mach gar nicht ich, sondern meine Serbinnen in der Küche backen es wie bei ihnen zu Hause. Also soll’s ihr Geheimnis bleiben.“ Als Entschädigung führt mich der Wirt ans Fensterbrett, wo in der Sonne sein selbst angesetzter Nussschnaps reift; im Herbst ist er fertig, und wer schnell genug ist, kriegt noch die grünen Nüsse dafür (siehe „Schöner trinken I“).

Jetzt muss ich aber unbedingt seine Blinis probieren, diese flaumigen Laibe, die noch lauwarm einen perfekten Boden für Ei, Kaviar und Lachs bilden. Das ist doch russisch, wende ich ein, während der böhmische Koch den Teig in die heiße Pfanne gießt. Und er sagt nur: „Seit wann sind Dalken russisch?"

klaus.kamolz@profil.at