<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Das „Korso“ vom Karmelitermarkt

„Marktachterl“: eine Oase in der Wüste Bobo.

Da ist die Grün-Politikerin, die immer aus den sterbenslangweiligen Gemeinderatssitzungen postet, wie gerne sie jetzt am Naschmarkt in der Sonne sitzen würde; vielleicht würde sie da ein Salzburger Wirkstoffgetränk oder ein Glas Demeter-Biowein nehmen. Jedenfalls trifft sie dort mit Sicherheit ihr Wählerpotenzial. Nichts boomt gastronomisch derzeit so wie die Märkte. Nach dem Naschmarkt steht jetzt die finale Boboisierung des Karmelitermarkts an: Gerüchte über gastronomische Summen geistern über den betonierten Platz. Ein 38-­Quadratmeter-Stand wurde kürzlich um 130.000 Euro angeboten; die Betreiber des „Tewa“ am Naschmarkt sollen beinahe eine Million Euro in zwei Markt-Bungalows investiert haben, um nun auch mitten im Zweiten Falafel & Co unter die „bohemian-bourgeois people“ zu bringen; auch der bisher von Gastro-Trends unbeleckte Fischhändler hat, so hört man auf dem Markt, schon einen Architekten konsultiert, um den Laden auf boboesken Vordermann zu bringen.

Da lässt der Backlash nicht auf sich warten. In den Foren und sozialen Netzwerken ist neuerdings vom „Geschwür Marktbeisl“ die Rede und davon, dass Bobos die eigentlichen „Heuschrecken“ seien, die sich über natürlich gewachsene Grätzel hermachen und Hummus und verbrannte Erdäpfel hinterlassen. Offenbar werden Märkte als einzige Orte gesehen, an denen derzeit Geld zu holen ist. Warum sonst beugen sich Gastronomen veralteten und bürokratischen Marktgesetzen, die dazu führen, dass mittlerweile Tag und Nacht marktamtliche Streifen jede kleinste Verfehlung strafen? Eine kleine Übertretung der verordneten Sperrstunde 22 Uhr (da wird es im Juni und Juli grad finster)? Das kostet, im Wiederholungsfall, die Konzession.

Am Karmelitermarkt gibt es aber dieses gallische Dorf, das sich der Einheitsbrei­moräne aus pürierten Kichererbsen standhaft verweigert (na gut, fast: In einer Vorspeise ist Hummus drin). Das „Marktachterl“ der Gastronomin Kathi Groh wird von manchen sogar als „neues Korso“ bezeichnet, denn seit wenigen Wochen kocht dort Josef Hohensinn, der lange Jahre Reinhard Gerers rechte Hand war. „Ja“, sagt der Ex-Souschef des „Korso“, „dieses Marktgeflüster hat mich angelockt.“ Gleichwohl sah Hohensinn wenig Grund, im „Marktachterl“ anders zu kochen als damals im Hotel Bristol. „Es gibt hier genau das Beuschl, das ich im ,Korso‘ auch immer gekocht habe.“ Und das ist bitte wirklich eine Ansage. Der Unterschied: Im Nobelrestaurant arbeiteten zeitweise bis zu 16 Leute in der Küche. Jetzt hat Hohensinn einen Koch an seiner Seite. Vergangene Nacht, sagt er, hat er um drei Uhr Früh das Lokal verlassen, weil er noch Maibock-Ragout kochen musste. Geht nicht anders, bei fünf Flammen, wie es im Chef-Jargon heißt. Deshalb sind hier auch andere Marktgesetze außer Kraft gesetzt. Ohne Reservierung läuft im „Marktachterl“ momentan gar nichts. Und dennoch schwimmt der Service bisweilen noch. Aber wer gerne aus dem grauen Arbeitsalltag in die Sonne der Wiener Märkte flüchtet, hat längst gelernt, damit umzugehen.

klaus.kamolz@profil.at