<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Das todschicke Skelett

Was will uns die Küche im neuen „Motto am Fluss“ sagen?

Ich kann mich noch an eine mühsame nächtliche Heimfahrt zu Beginn dieses Jahres erinnern, da tauchte das Monster auf der Unteren Donaustraße plötzlich vor mir auf: ein Sattelschlepper, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, darauf ein gigantisches weißes Stahlgerüst. Das Skelett dessen, was wenig später von Medien als „Restauranteröffnung des Jahres“ bezeichnet wurde, kam gerade an. Jetzt schlägt in ihm das Herz der neuen Anlegestelle des Twin City Liners, Bernd Schlachers „Motto am Fluss“. Kein Zweifel, das Architekturbüro BEHF (verantwortlich auch für „fabios“ und „Kim kocht“) hat eine unfassbar coole, bis ins hinterletzte Detail von Retro-Eleganz geprägte Hütte abgeliefert, aus der der junge Marcello Mas­troianni gar nicht mehr hinauszukriegen gewesen wäre: Da ist dieser keck verflieste, schwarz-weiße Boden, das warme „Harrys Bar“-Holz, da sind die vielen, den lang gezogenen Raum reflektierenden Spiegellampen, die gepolsterten Fifties-Sessel und -Bänke. Und immerhin ist für die Küche Mario Bernatovic verantwortlich. Ihm eilt ein guter, auch an internationalen Wirkungsstätten erworbener Ruf voraus.

Verblüffend allerdings ist, was für eine zweitrangige, dem Design und der Atmosphäre radikal untergeordnete Rolle die Küche spielt. Im Grunde herrschen auf den Tellern bloß gepflegte Langeweile und Lieblosigkeit. Der alte Hadern Carpaccio, wohl eine Reminiszenz an die im mondänen Venedig liegenden Wurzeln des Lokals, ist eine üppig geschnittene Beiriedflanke, die beidseitig kurz angegrillt werden könnte und innen immer noch rosa bliebe, das Parmesaneis dazu eine lind käselnde, ziemlich fade Frostnocke. Dann die Gänseleberterrine: ein Quader auf einem Quader Wassermelone, darauf nur etwas „Minzsalat“ – ein paar schon eher welke Minzblätter. Aus den geschmorten Kalbsbacken (so unpariert habe ich sie noch selten gesehen) werde ich erst recht nicht schlau: Sie kommen inklusive Fenchelpüree, Schmorgemüse und bereits kohlrabenschwarzem Kamptaler Speck in einem zugedeckten Schmortopf, in dem vermutlich herzhafte Aromen entstehen sollen, sind dennoch enttäuschend langweilig abgeschmeckt und nur als undefinierbare Pampe auf den Teller zu löffeln. Reden wir noch kurz über den Auberginencaviar zum ordentlich gebratenen Filet vom Tullnerfelder Schwein? Lieber nicht. Der Brei trieft vor und riecht nach Fett. Ich gratuliere meiner Begleiterin zur Wahl des 537sten rosa gebratenen Tuna-Steaks der Hauptstadt und schlage einen Cocktail an der Bar vor. Das werde ich auch in Zukunft gerne tun, um hin und wieder dort gesehen zu werden, wo man derzeit in Wien gesehen werden muss. Davor peile ich lieber die anderen Eckpunkte des neuen Gourmet-Dreiecks am Donaukanal an, Christian Petz’ downgegradete Coburg-Küche auf dem Badeschiff etwa, wo die einzelnen Zutaten so schön herauszuschmecken sind. Und wenn Starkoch Antoine Westermann ab Herbst oben im neuen Sofitel-­Hotel am anderen Ufer Ernst macht mit seinen kulinarischen Ankündigungen (die sein Küchenchef, der Österreicher Raphael Dworak, umsetzen soll), werde ich dort sitzen und auf das imposante Skelett hinunterblicken, dessen Ankunft ich erlebt habe. Vermutlich werde ich dabei auch an Dinosaurier denken.

klaus.kamolz@profil.at