<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Der 600-Dollar-Schluck

Domaine de la Romanée-Conti (I): Begegnung mit Aubert de Villaine.

Selten zeigen Menschen der Krise eine so lange Nase, wie es Roman Abramowitsch unlängst in New York tat. 47.000 Dollar betrug die Rechnung für die neunköpfige Runde bei „Nello’s“; ein Drittel davon machten drei Flaschen La Tâche von der Domaine Romanée-Conti im Burgund aus. Die Speisefolge dazu: Trüffeln bis zum Abwinken und dann Banalitäten wie Calamari, Mozzarella und Prosciutto. „Ein Albtraum“, urteilte die Florentiner 3-Sterne-Köchin Annie Feolde, zu diesen Weinen hätte Risotto oder Rebhuhn serviert gehört. Oder besser noch: gar nichts Ablenkendes, denn bei der Aussicht auf einen Schluck Romanée-Conti fallen selbst Weingurus beinahe in Ohnmacht und beteuern, bei solchen Verkostungen nun wirklich nicht auszuspucken, sondern dem verschluckten Kleinod eine Zeit lang nachzuweinen – wobei man nach Stunden noch Nasentrost im leeren Glas findet, aus dem beharrlich betörende Düfte steigen. Da bewies das Wiener Palais Coburg deutlich mehr Geschmack. Kaninchen, Gänseleber und Lamm begleiteten vor Kurzem elf Weine der Domaine – zum Preis von 6600 Euro pro Person. Immerhin zwölf zahlende Gäste hatten sich gefunden – wohl auch, weil der Winzer persönlich anwesend war, was überaus selten vorkommt.

Etwas verloren steht Aubert de Villaine, 70, im sagenhaften Coburg-Keller; Rummel ist nicht seine Sache. Der Mann, der die teuersten Weine der Welt produziert, nennt sich selbst einen Gärtner, und der Hype um Romanée-Conti geht ihm, sagt er, auf die Nerven. 500.000 Dollar für 27 Flaschen? 23.929 Dollar für eine, was etwa 600 Dollar für einen zaghaften Schluck ausmacht? Ich kann nicht anders. Monsieur de Villaine, kann ein Wein solche Preise rechtfertigen? „Ach, wissen Sie“, winkt er ab, „Euro und Dollar, das interessiert mich nicht. Wir waren immer gegen diese Spekulationen, nur hat die Krise sie noch weiter angefeuert.“ De Villaine würde den Wahnwitz, der dazu führt, dass jenseits der Domaine-Mauern oft sofort eine Null zum Hofpreis dazukommt, gern verhindern. Jede der etwa 85.000 Flaschen diverser Grands Crus, die in den Handel gelangen, trägt deshalb eine Nummer; wer bei den Vertrauenshändlern der Domaine einkauft, verpflichtet sich, die Weine nicht mehr auf den Markt zu werfen.

Aber das ist ein frommer Wunsch. „Ich habe mich betrogen gefühlt“, sagt de Villaine, „als US-Sammler die erste Gelegenheit nutzten, die Weine, die wir ihnen großzügig verkauft haben, bei Auktionen in Hongkong zu versilbern.“ Österreich-Importeur Morandell bekam einmal sogar sanfte Rüffel vom Winzer, als drei Flaschen Richebourg plötzlich bei einem Händler in Bordeaux auftauchten. Wie konnte das passieren? Die Käufer hatten sich doch verpflichtet, den Wein selbst zu trinken …

Aubert de Villaine ist inzwischen etwas aufgetaut. Er freut sich auf den Abend im Coburg, denn den 1934er Romanée-Conti Grand Cru, der zur Gänseleber gereicht wird, hat selbst er bisher nur zweimal verkostet. Und dann bin ich plötzlich etwas abgelenkt, denn hinter der linken Schulter von de Villaine sehe ich, wie ein Sommelier sich mit weißen Handschuhen behutsam einer Flasche nähert. Jetzt bloß kein Mozzarella-Brötchen …

Nächste Woche: Die Geschichte der Domaine und ein Schluck La Tâche.

klaus.kamolz@profil.at