<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Der Bohemian

Am Nordpol mit dem Lebenskünstler Vratislav Krivák (I).

Wir feiern gerade Jubiläum“, sagt Vratislav Krivák und grinst. Was? Zehn Jahre schon gibt es dieses gastronomische Panoptikum zwischen Wiener Augarten und ÖBB-Gelände? Oder sind es doch nur fünf? „Nein, wir haben vor sieben Jahren aufgesperrt.“ Dazu muss man jetzt wissen, dass magische Zahlen unter böhmischen Wirten nicht immer die rundesten sind; die Drei zum Beispiel spielt in der Namensgebung von Gasthäusern eine derart dominante Rolle, dass es in Prag sogar ein Wirtshaus zu den drei Dreien gibt.

Und wo sind wir hier? „Am Nordpol 3“, gegründet 2002 vom ehemaligen Wirt und Koch des böhmischen Pionier-Instituts „Zu den drei Buchteln“. Was für ein Sammelsurium an Nippes, Kunst und Kitsch. Irgendwo hoch oben im Eck steht ein uralter Fernseher, ausgehöhlt und vollgestopft mit zerknüllten Zeitungen; es gibt Luster aus Flaschen und Spiegel mit unterschiedlichsten Rahmen; den Soundtrack steuern Edith Piaf, Jacques Brel und Leonhard Cohen bei; und es gibt Kunst, viel Kunst: Damen in Botero-Dimensionen sind auf großen Formaten mit sich selbst beschäftigt, träumen oder kämmen sich das Schamhaar. Art brut, denke ich mir, Gugging lässt grüßen, und Krivák sagt schmunzelnd: „Ich bin ein Art-brut-Künstler. Worum geht es mir? Um ein bisschen Sex, ein bisschen Humor, ein bisschen Ironie und ein bisschen Kitsch.“ Das Lokal, sagt er, sei „seine Selbstdarstellung“, er sei eben „ein Exhibitionist“.

Ein Lebenskünstler ist er jedenfalls auch. 1979 suchte der tschechische Slawistik-Student in Österreich um politisches Asyl an und lernte im Lager Traiskirchen Leute kennen, mit denen er Abenteuer erlebte, die verglichen mit dem Herrn Schweijk nicht minder aberwitzig verliefen; zum Beispiel versuchte er mit einem Landsmann, der behauptete, einem Fabrikanten das geheime Originalrezept für Znaimer Gurken geklaut zu haben, die heimische Gurkenszene aufzumischen. Bloß kannte es hier schon jede Konservenfabrik. Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, konnte er wieder nach Hause fahren und Schätze in Form alter Rezeptbücher und Küchennotizen heben. Mit diesem Wissen kocht Krivák seit den „Drei Buchteln“. Und wer heute „am Nordpol“ die mährische Krautsuppe probiert – eine im Übrigen auch an heißen Tagen überaus bekömmliche Sache –, weiß, dass der Mann das Zeug dazu hat, die Küche seiner Heimat, die ausgerechnet in Wien ein eher unterbelichtetes Dasein fristet, auch weiterhin authentisch am Leben zu erhalten.

klaus.kamolz@profil.at