<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Der Weinsteuermann

Ein Aufsteiger im Weinviertel: das Weingut Seher.

Neulich auf der VieVinum, Österreichs größter Weinmesse: Begrüßt mich eine meiner bestinformierten Weinsbirren vor dem Stand eines Starwinzers und raunt mir einen Satz zu, der auf eine Esoterikmesse gepasst hätte: „Was machst du hier? Warst du überhaupt schon beim Seher?“ Nichts wie hin also. Wolfgang Seher, 38, schenkt ein, erst einen klassischen Veltliner Weinviertel DAC, dann die Reserve, dann einen Sauvignon blanc und die Reserve aus der Sorte – und dann den Arszinger, einen Grünen Veltliner, den es in dieser Form nicht oft gibt; nun, er ist ja auch kein Alltagswein. Mit 24 Klosterneuburger Graden fehlt ihm nur ein Grad zur Beerenauslese, aber er ist halbtrocken ausgebaut und kommt der Idealbegleitung von reifem Käse und verbotenen Substanzen wie Gänseleber ziemlich nahe.

„Wenn es wieder einmal ein Jahr gibt wie 2006“, sagt Wolfgang Seher ein paar Tage später in seinem Weingut in Platt im nördlichen Weinviertel, „wird es wieder etwas wie den Arszinger geben, sonst halt nicht.“
Im Hof des Weinguts wird gleich klar, dass der Winzer noch so einiges vorhat. Der neue, noch nicht fertig gestellte Verkostungsraum ragt über die anderen Gebäude hinaus und bietet einen Rundblick über die Ziegeldächer von Platt. An den Wänden der alten Stube hängen neben Lomografien – ein Hobby des Winzers – die Auszeichnungen. Sie häufen sich in letzter Zeit. Seher ist bisher einen beinahe kompromisslosen, keineswegs immer orthodoxen Weg gegangen. 2001 hat er den elterlichen Betrieb übernommen. Zuvor gab es „den üblichen Generationskonflikt mit dem Vater“, erzählt Seher. „Er hat mich praktisch in die Landwirtschaftskammer geschubst.“ Acht Jahre blieb der Sohn dort und war vor allem damit beschäftigt, den Weinviertler Winzern das DAC-Prinzip der Herkunftsweine zu erklären – kein leichter Job. Heute glaubt Seher selbst eher an betriebstypische als gebietstypische Weine: „Das modische Terroirgerede interessiert mich nicht, ich halte es sogar für Schwachsinn zu sagen, man muss den Wein entstehen lassen, möglichst ohne einzugreifen. Warum soll ich nicht stolz sein, wenn ich ihn positiv beeinflussen kann?“ Selbst die Veltliner aus Einzellagen vinifiziert er in kleineren, verschieden ausgebauten Chargen; danach wird akribisch cuvéetiert: „So kann ich Würze und Mineralität steuern, und trotzdem prägt auch der Boden den Wein.“

Seher mag sich mit der regionalen Kernsorte Grüner Veltliner nicht zufrieden geben, sondern macht auch beachtliche Sauvignons blancs und Weißburgunder; nur mit dem Riesling, sagt er, muss er wohl noch einige Zeit experimentieren. Und mit der kleinen Menge an rotem Barbera erhält er sich den Spaß an der Sache, „denn wenn ich Jahr für Jahr mein Programm von A bis Z abspule, würde mir schnell fad werden“. Und sollte der Barbera mal nichts werden, grinst Seher, macht er eben einen Rosé draus.

klaus.kamolz@profil.at