<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Gefangen hinter Glas

Domaine de la Romanée-Conti (II): der 1934er und der 2006er.

Wir waren beim 1934er Domaine de la Romanée-Conti (DRC) stehen geblieben. Dass das Palais Coburg unlängst eine Flasche dieses außergewöhnlichen DRC öffnete, war vielleicht der wesentlichste Grund, warum Winzer und DRC-Miteigentümer Aubert de Villaine die Reise nach Österreich wagte; sonst kommt er ja nur – der Mann hat Stil – zum Fliegenfischen ins Salzburger Land. „Eine wunderbare Gelegenheit zu erleben, wie es einem Wein geht, der vor mehr als 70 Jahren die Domaine verlassen hat“, sagt de Villaine. Nun, die Schriften des Palais Coburg geben noch mehr über die Geschichte der Flasche preis. Die amerikanische Mäzenin Doris Duke hatte die Zwölfer-Kiste im Jahr 1936 erworben. Bis 2004 lag sie im Keller von Duke Farms in New Jersey, bevor sie bei Christie’s in New York unter den Hammer und schließlich in die Kasematten des Wiener Palais Coburg kam: für exakt 105.750 Dollar.

Nicht alle Weine der Domaine haben eine so transparente Geschichte. De Vil­laine erzählt, dass lange nach dem Zweiten Weltkrieg in einem alten Waggon auf den Abstellgleisen des Bahnhofs von Bordeaux, unter Stroh versteckt, kistenweise DRC-Weine des legendären Jahrgangs 1934 zum Vorschein kamen: „Sie waren für die USA bestimmt und in den Kriegswirren hängen geblieben.“ Es ist ein Jammer, dass mir nur die Verkostungsnotizen des Abends mit dem 34er zur Verfügung stehen; hätte ich nur die 6600 Euro dafür eingezahlt: „In der Nase intensives, weit gefächertes Aromenspektrum nach geröstetem Kaffee, Bitterschokolade, Feigen, Rosenholz, überreifen Erdbeeren und ein wenig nach Waldboden. Wirkt erstaunlicherweise noch fast jugendlich!“ Immerhin dreht ein Sommelier, während de Villaine einführende Worte spricht, gerade den Korkenzieher in eine Flasche. Es ist der La Tâche 2006, ein Wein, den nach wechselhaftem Vegetationsverlauf eher Terroircharakter als Wucht kennzeichnet. „Viel Regen im Frühjahr“, doziert de Villaine, „dann etwas Botrytis im August und ein schöner Herbst.“

DRC-Insider würden es Banausentum nennen, diesen Wein jetzt zu trinken, aber man muss ja mal kosten, gesteht auch de Villaine zu und fühlt mit seinem Grand Cru: „Wie schmeckt ein Wein, der erst vor Kurzem ins Gefängnis gesperrt wurde und jetzt lernen muss, in der Flasche zu leben, sich irgendwann mit den Gegebenheiten zu arrangieren, um in seiner Enge eine positive Entwicklung anzustreben?“ Ja, der La Tâche ist gelehrig; er fügt sich schon in sein Bouteillenschicksal und deutet seine spätere Reife an: mit beeriger Frucht, feiner Schokonase und subtilen Röstaromen. Ein Gläschen, mehr ist nicht drin, wir sind ein gutes Dutzend Verkoster, aber als de Villaine sich mit den anderen vom Tisch erhebt, sehe ich, dass da ja noch ein letzter Schluck drin ist in der Flasche, und ich tue, was ich zuletzt 1975 getan habe, als meine Eltern die Silvestergäste verabschiedeten und ich mich verbotenerweise über die Reste in den Bouteillen hermachte. De Villaine sieht es, aber er lächelt milde und verständnisvoll. Gut, ab jetzt besteht für den La Tâche 2006 keine Chance mehr auf vorzeitige Entlassung. Versprochen.

klaus.kamolz@profil.at