<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Marktgesetze

Die Gastronomin Haya Molcho (II): vom Suk zum Naschmarkt.

Man muss nicht als Kind eines Kochs oder Gastwirts geboren werden, um früh kulinarisch sozialisiert zu werden. Zahnarzt geht auch, wie am Beispiel von Haya Molcho, der Betreiberin des Ethnorestaurants „Neni“ auf dem Wiener Naschmarkt, zu belegen ist. Molchos Vater besaß einen transportablen Bohrer und wurde für seine ländlichen Ordinationen nicht immer mit Geld honoriert. „Wenn gerade die Gurken oder Tomaten reif waren, rief meine Mutter: Was bringst du denn da schon wieder mit? Bei 50 Kilo Gemüse wird man erfinderisch, um nicht immer das Gleiche zu kochen.“ Und dann war da noch der Suk von Tel Aviv, in dessen Nähe Molcho aufwuchs – ein Potpourri aus Farben und Gerüchen, prägend genug, um später, als sie ihren Mann, den Pantomimen Samy Molcho, auf einer siebenjährigen Welttournee begleitete, die örtlichen Küchen erfahren und lieben zu lernen. Vor zehn Jahren begann sie, diese Eindrücke in immer aufwändigeren Caterings zu verarbeiten; ihre opulenten Feste für bis zu 2000 Leute sollten mittlerweile selbst André Heller ein wenig Achtung abringen.

Haya Molcho sitzt vor dem „Neni“, nippt an ihrer Melange, blickt über die Avenue A – das ist die Lebensmittelmeile, im Gegensatz zur Avenue B, der erst später entstandenen Gastrostrecke – Richtung Stadt und sagt: „Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.“ 2007 eröffnete Molcho hier das „Tewa“, ein ethnoschickes Lokal mit familiärem Flair; Molchos Söhne halfen mit, und ich kann mich noch an einen Besuch erinnern (nicht zuletzt wegen dieses wunderbar petersilfrischen Tabouleh-Salats, dessen Zeit jetzt im Sommer übrigens wieder kommt; siehe „Schöner essen“), als Samy Molcho mit einem Wagen vorfuhr und wortlos – die Bemerkung sei in diesem Fall wohl gestattet – eine Ladung löschte, bevor er sich zu Freunden setzte. Das „Tewa“ ist für Haya Molcho mittlerweile Geschichte. Ihr „jüngstes Baby“, wie sie sagt, ist das „Neni“; der Name steht für die Anfangsbuchstaben ihrer Kinder: Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan; die Küche steht für Molchos Leben voller Reisen: „Acht Nationen arbeiten hier, ich will, dass der Koch aus Kap Verde seine Sachen macht und der Syrer zum Beispiel das Brot, das nur bei ihm so gut wird. Und ich will, dass es alles, was wir brauchen, vor der Türe gibt, wenn einmal zu wenig da ist. Hier habe ich Sicherheit.“

Molchos Marktidylle dürfte allerdings schon bald für einige Zeit getrübt werden. Im März 2010 beginnt die Sanierung des Naschmarkts. „Dann haben wir hier fünf Jahre Baustelle“, sagt Molcho und zieht einen der Klappstühle zurück, der knapp über die grüne Linie, die das „Neni“ umgibt, hinausragt. „Wenn da was drübersteht“, erklärt sie, „zahlst du gleich 40 Euro Strafe.“ Molcho ist jedenfalls skeptisch, ob die Sanierung neben neuen Abwasserrohren auch zeitgemäße Veränderungen zulassen wird. Als sie im ersten Stock des „Neni“ Panoramafenster einbauen lassen wollte, hörte sie sofort, das ginge wegen der Stadtbildpflege unter keinen Umständen. „Und warum? Weil Gesetze in Österreich als unveränderlich betrachtet werden. Man sollte vielleicht einmal einsehen, dass wir Gastronomen das Publikum auf den Naschmarkt zurückgebracht haben."

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