<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Schinken in Öl

In der Ausstellung „Augenschmaus“ wirken auch Köche mit.

Die Frau Gürtler vom „Sacher“ muss vor der Lammkeule von Pieter Aertsen (Öl auf Holz, 1552) lächeln; Herr Witzigmann erklärt den Zusammenhang von Kunst und Essen vor den Apferln der Maria Lassnig (Öl auf Leinwand, 1964); und hinter Frau Brugger, der Chefin, wird’s richtig lukullisch: Schweinshaxen, Würste und ein Prachtstück Rind am Knochen, vermutlich früher Porterhouse Cut (Joachim Beuckelaer, Öl auf Leinwand, 1568; siehe Foto) – Vernissage-Trubel im Bank Austria Kunstforum, Grammelschmalz, Retro-Balsamicoschlieren und auf den Tischen der Premierengäste Aquarien mit Guppys, die zusehen müssen, wie die Premierengäste ihre Artgenossen in Gestalt von gesponsertem Alpenlachs verdrücken.
Aber zurück zu Kunst und Essen: Es ist schon beeindruckend, was Ingried Brugger von Kuratorin Heike Eipeldauer zur Ausstellung „Augenschmaus“ zusammentragen hat lassen. Große Namen aus der Kunstwelt (Arcimboldo, Picasso, Cézanne, Rembrandt, van Gogh, Renoir, Warhol, Hirst, Spoerri, Lassnig), dazu eines der medial durchgekautesten Life-Style-Themen: Essen. Das mag, wie Brugger sagt, schon „wie eine Anbiederung an den breiten Geschmack“ wirken, aber man kann Stillleben mit Obst, geschossenem Wild oder den im 17. Jahrhundert bei den Niederländern offenbar ziemlich beliebten Riesenrettichen auch zu einer beliebigeren Schau hängen; das wäre dann der Fall, wenn eben nichts anderes zu sehen wäre als salonfähige Appetitlichkeiten, Schinken in Öl gewissermaßen. Nur ist da auch das Video von Sam Taylor-Wood aus dem Jahr 2002, auf dem in vier Minuten ein stilllebenartig drapierter Hase von Maden phagozytiert wird; da ist dieses wunderbar fettgeränderte Entrecote von Félix Vallotton aus 1914, das – hier vor allem kulinarisch betrachtet – als frühes Zeugnis von Steak-Verstand gesehen werden kann; und da ist Damien Hirsts Kette aus Würsten in Formaldehyd, die wie Darmschlingen im Rahmen liegen.
Und weil wir uns nicht in der fantastischen Erzählung des Orientalisten Hans Daiber befinden, in der ein armer Gelehrter Nahrungsmittel aus den Stillleben des Louvre stiehlt, um nicht zu verhungern, dürfen Europas beste Köchinnen und Köche im Katalog zur Ausstellung den Bildern ein wenig Duft und Geschmack einhauchen. Sie tun es durchaus tiefgründig und auch mit Witz: Johnny Boer aus Holland zum Beispiel mit einer deftigen Blutsauce zu einem Jagdstillleben um 1640. Leonard Cernkos Interpretation der Königsberger Klopse (aus Lamm und mit Räucheraal) nach Oskar Kokoschkas expressionistischer Hammelleiche regt ziemlich zum Nachkochen an – und Elena und Juan Marí Arzak aus dem Baskenland fokussieren ihren Blick auf eine Schüssel Blut und ein paar Würste in der Küchenszene eines anonymen Amsterdamer Meisters. Ihre Trüffel gibt’s am Faschingsdienstag, als hochgastronomisch veredelte Abwandlung der brachialkomischen Krapfen mit Ketchupfülle (Siehe „Schöner essen“).

klaus.kamolz@profil.at