<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Sie konnte auch kochen!

Das lange verschollene Thanksgiving-Rezept der Monroe.

Gibt es eigentlich noch irgendetwas, das wir über Marilyn Monroe nicht wissen? Schwierig. Als Freizeit-Monroe-Forscher sind mir ihre sämtlichen Wohnadressen und sogar die Lebensläufe ihrer drei Hauptpsychoanalytiker bestens vertraut. Und mit neben­sächlichen Fragen wie der, ob sie denn nun versehentlich, absichtlich, im Auftrag John F. Kennedys, der Mafia oder ihres letzten Shrink viel zu früh das Zeitliche segnete, hält sich in diesem Herbst auch niemand länger auf. Vielmehr kursiert derzeit (am 25. November steigt die große Turkey-Party) in den USA ein von Marilyn handgeschriebener Zettel, der – so behaupten manche Medien – Thanksgiving für immer verändern könnte.

Schlagzeilenkostprobe gefällig? „Die Monroe war keine Fremde in der Küche“. „Sie konnte sogar kochen“. Auf dem Notizblock einer US-Versicherung (er ist in einem neuen Buch mit Originaldokumenten der Monroe faksimiliert) hatte der Filmstar ein Rezept für eine Geflügelfülle notiert, die für einen Festtagstruthahn oder acht Hühner ausreichen sollte.

Der „New York Times“ ist es zu verdanken, dass dieses Rezept nun ein Remake widerfahren hat und in eine ergänzte und nachkochbare Fassung gebracht worden ist; es war so vollständig wie Mozarts Requiem, das ja auch posthum vollendet wurde. Oben links befindet sich die wichtigste Anweisung: No garlic. Das klingt nicht ungewöhnlich; ein Star wie Monroe konnte es sich nicht leisten, aggressiven Mund- und Hautgeruch dieser Kategorie vor sich herzutragen. In Wahrheit ist das Postulat ein zweckdienlicher Hinweis auf die Herkunft der unorthodoxen Füllung. Marilyn war zur Entstehungszeit mit dem Baseballspieler Joe DiMaggio verheiratet, einem Sohn sizilianischer Einwanderer, dessen Assimilationsdrang sich bekannterweise auch dadurch manifestierte, dass er keinesfalls aus dem Mund riechen wollte, wie es damals den Sizilianern und Neapolitanern unterstellt wurde. Er hasste Knoblauch. Auch einige Zutaten deuten darauf hin, dass das Rezept aus DiMaggios Familie stammt. Oregano war damals nur unter den Italo-Einwanderern verbreitet; und die Kombination Parmesan-Pinienkerne-Rosinen lässt sizilianische Einflüsse vermuten.

Das muss man natürlich nachkochen. Die Liste der Zutaten ist beeindruckend lang und lässt Schlimmes vermuten. Wie soll das alles zusammenpassen? Ich überlege erste Witzchen. „Nobody’s perfect“ käme gut, wenn ich die Fülle dann koste. Und während ich mich durch Unmengen zu atomisierender Zutaten hacke, wird mir schlagartig klar: Wenn ­Marilyn das Rezept tatsächlich nachgekocht haben sollte, war es kein Wunder, dass sie zu Dreharbeiten öfter mal eine Woche zu spät kam. Stunden später löffle ich „the Monroe Stuffing“ aus einem gebratenen Bauernhendl, und siehe da: Happy End, die Zutaten haben sich im Hühnerbauch auf wundersame ­Weise zu einer sizilianisch inspirierten, süßlich-würzigen Geflügelbeilage verbunden. Zumindest der DiMaggio-Clan konnte kochen, Ehrensache.

klaus.kamolz@profil.at