Ehe: Was bringt der Trauschein?

In Österreich wird wieder mehr geheiratet – was interessanterweise sowohl den Konservativen als auch den Feministinnen gefällt. Gleichzeitig steigt der Anteil unehelicher Partnerschaften. Wie passt das zusammen? Und: Wozu überhaupt noch heiraten?

Neulich, spätabends in der Wiener U-Bahn: Ein junges Punk-Pärchen geht in die Schnorr-Offensive. Er hält einen Kampfhund im Anschlag, sie trägt neben Tattoos, Piercings und Dreadlocks einen weißen Schleier und eine Blechdose mit der Aufschrift „Wir wollen heiraten und brauchen Geld“. Viel Verblüffung im Abteil, einiges Schmunzeln, kaum Münzen. Es könnte sich ja auch um einen Trick handeln, mit dem die angeblich Zukünftigen nur die nächsten Alkopops finanzieren wollen. Dennoch hat das bizarre Gespann etwas Rührendes: Wenn schon „no future“, dann wenigstens gemeinsam.

Es wäre übertrieben, diesen skurrilen Vorstoß in das Areal bürgerlicher Traditionen als Indiz für eine neue Trendwelle zu werten. Dennoch scheint quer durch alle Gesellschaftsschichten ein vor nicht allzu langer Zeit als Auslaufmodell geltendes Lebenskonzept ein Revival zu feiern.
„Ich beobachte, dass Paare zunehmend ihrer Beziehung durch das Hochzeitsritual eine Bedeutungsaufladung verleihen wollen“, erzählt der deutsche Paartherapeut und Buchautor Arno Retzer aus seiner Praxis (siehe Interview). In einer „unterritualisierten Zeit“ sei dies eine nachvollziehbare Sehnsucht – ganz im Gegensatz zur 68er-Bewegung, wo der Gang auf das Standesamt als verachtenswertes Spießerritual und Verrat an Wilhelm Reich, Mao, Marx und den restlichen WG-Kumpels galt.

2012 wurden in Österreich sechs Prozent mehr Ehen als im Vorjahr geschlossen (in absoluten Zahlen: 38.592), dazu fast zwei Prozent weniger Scheidungen registriert. Das ist wohl weniger mit der Sehnsucht nach Retro-Romantik und einem neuen Biedermeier als mit der Verunsicherung durch die Finanzkrise zu begründen.Harter wirtschaftlicher Gegenwind und „eine feindliche Umwelt“ wirken immer „stabilisierend für Partnerschaften“, so der Verhaltensbiologe und Konrad-Lorenz-Nachfolger Kurt Kotrschal: „Je mehr der Mensch sich von außen bedroht fühlt, desto mehr sucht er Halt in einer Beziehung.“

Bisweilen tendiert er in solchen Situationen auch zu Stillstand, was sich wiederum nachteilig für die Branche der Scheidungsanwälte auswirkt. Beide Geschlechter seien seit dem Finanzcrash 2008 „weitaus vorsichtiger, zögerlicher und umsichtiger in ihrem Scheidungsverhalten geworden“, beobachtet der Wiener Anwalt Raimund Hora.

Ein zweiter Blick auf die österreichische Ehestatistik in den vergangenen zwölf Jahren zeigt jedoch eine gewisse Erratik im kollektiven Bindungsverhalten, die kaum logische Schlussfolgerungen zulässt: Noch im Jahr 2005 lag die Zahl der Eheschließungen in Österreich deutlich höher als heute, ist danach markant gefallen, wieder ebenso markant angestiegen und wieder gefallen. Unterm Strich lässt sich nur ein leichter Trend zu häufigerer Verehelichung feststellen. Der historische Tiefststand des Jahres 2001, als nur 34.213 Menschen den amtlich anerkannten Bund fürs Leben schlossen, ist allerdings überwunden.

Zusätzlich kompliziert wird die Frage, wie Österreichs Paare im Jahr 2013 zueinander stehen, durch die Familienstatistik. Bei den unehelichen Lebensgemeinschaften weist sie eine massive Steigerung aus: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der ohne Trauschein lebenden Partnerschaften in Österreich vervierfacht, auf zuletzt 342.000 Paare (die Statistik verbucht für das Jahr 2012 insgesamt 1,718.000 Ehepaare in Österreich). Die Ehe also ist weit davon entfernt, zum Minderheitenprogramm zu werden, das unbestrittene Standardmodell des Zusammenseins ist sie allerdings nicht mehr – jedenfalls im urbanen Raum. Die Frage muss erlaubt sein, und immer mehr junge Paare erlauben sie sich auch: Wozu überhaupt noch heiraten?

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