Ein Blutbad als Chance?

Ich gehe davon aus, dass die meisten Kommentare zum Blutbad in Bagdad und Kerbala die Entwicklung im Irak mit dramatisch gesteigertem Pessimismus betrachten. Vielleicht liegen sie damit richtig, und ich habe mit meiner optimistischeren Sicht Unrecht.

Auch Journalisten sind Gefangene ihrer Emotionen.
Statt mit einer fertigen Schlussfolgerung will ich daher mit meinen Emotionen beginnen und sie ungeschminkt in all ihrer Primitivität beschreiben, so wie sie mich nacheinander heimgesucht haben.

„Jetzt schlachten sie sich also gegenseitig ab“, war meine erste Reaktion, als die Meldungen bei CNN auftauchten und die Vermutung nahe legten, dass Sunniten Schiiten angegriffen hätten. „Weiß der Teufel, was überhaupt für ein Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten besteht, außer dass die Schiiten irgendeinen Schwiegersohn des Propheten für den einzig Gerechten halten – wahrscheinlich ein genauso lächerlicher wie zwischen Katholiken und Protestanten. Für den haben sie sich zwar auch bei uns 30 Jahre lang den Schädel eingeschlagen, aber vor 350 Jahren. Die Moslems sind jetzt noch auf dieser Entwicklungsstufe und müssen das offenbar nachholen. Man sollte sie dabei alleine lassen.“

Erst nachdem ich diese Hausmeister-Emotion mühsam zur Seite geschoben hatte, setzte ein wenig Nachdenken ein: Vor nur 60 Jahren hat man bei uns Schädelvermessungen durchgeführt, um herauszufinden, ob einer „arisch“ ist, und hat die „Nicht-Arier“ millionenfach mit Giftgas erstickt. Ganz so überlegen sind wir vielleicht doch nicht.

Trotzdem war auch die nächste Etappe meiner Meinungsbildung von der (verbreiteten) Emotion dominiert, die Iraker seien zu vernünftigem Verhalten nicht fähig: „Muss man Saddam Hussein nicht nachträglich wie Tito sehen: der Einzige, der imstande war, die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten, Arabern und Kurden zwar blutig, aber doch zu unterdrücken. Hat nicht, seit Saddam Husseins Polizei nicht mehr jede kleinste Bewegung kontrolliert, wie damals in Jugoslawien, ein Zerfallsprozess begonnen, der mehr Tote als alle seine Kerker produziert?“

Auch diese Emotion fand nur ganz langsam ihre nachdenkliche Korrektur: Immerhin wird Slowenien bald EU-Mitglied, immerhin sind Serbien und Kroatien keine Diktaturen mehr. Es ist zwar bis dahin viel Blut geflossen, aber nicht zuletzt dank der militärischen Intervention der USA mit positivem Ende.

Trotzdem hat alles folgende Nachdenken neben einem selbstkritischen vor allem einen antiamerikanischen Unterton: „Bin ich nicht richtiger gelegen, als ich die US-Intervention im Irak noch abgelehnt habe, statt sie, als die Zahl der zivilen Opfer erstaunlich gering blieb, nachträglich gutzuheißen? Immerhin hat sie eine der blutigsten Diktaturen der Welt beendet und die Chance zu einer demokratischen Entwicklung eröffnet. Aber was ist von dieser Chance geblieben? Chaotische Lebensumstände, gegen die die „Befreiten“ täglich demonstrieren. Hilflose US-Besatzer, die hinter ihren Sandsäcken zusehen, wie immer mehr Iraker in Explosionen verbluten. Ein Pyrrhussieg nach einem herbeigelogenen Krieg.

Die Korrektur dieser Emotion durch Nachdenken ist halbherzig: Was können die Amerikaner gegen Selbstmordattentäter unternehmen? Aber es bleibt der Vorwurf, dass die USA zwar einen mörderischen Sicherheitsapparat zerschlagen, nicht aber sofort begonnen haben, einen neuen aufzubauen. Weil Präsident George W. Bush das Schicksal der Iraker in Wahrheit nie wichtig gewesen ist.

Etwa an dieser Stelle waren meine Emotionen und Überlegungen angelangt, als sich klärte, dass nicht irakische Sunniten irakische Schiiten getötet haben, sondern dass ubiquitäre selbstmordbereite Fanatiker dem Plan des jordanischen Terroristen Abu Musab al Sarkawi gefolgt sein dürften, einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten auszulösen.

Doch dieser Versuch, so meldete zu meiner Überraschung (der ich die Iraker „zur Vernunft nicht fähig“ hielt) ein Reporter nach dem anderen, scheine zu scheitern: Befragte Schiiten verdächtigten nicht sunnitische Landsleute, sondern ausschließlich Ausländer.

Kurz darauf werden sie durch die Führer der Interimsregierung bestätigt: Einer nach dem anderen geben sie ihrer Überzeugung Ausdruck, dass sich Schiiten und Sunniten nicht gegeneinander aufhetzen lassen. Sie machen in ihrer Mehrheit einen durchaus guten Eindruck: nicht den von Politikern, die nichts als den eigenen Vorteil im Auge haben. Ihr Bekenntnis zum Irak klingt glaubhaft. Die Verfassung, auf die sie sich vor den Attentaten geeinigt haben, muss nicht bloßes Papier bleiben: Diese Männer scheinen in ihrer Trauer so einig wie in ihrer Entschlossenheit, den Terror letztlich zu besiegen. Seite an Seite mit ihnen fordern schiitische geistliche Führer Besonnenheit und Zusammenhalt. Trotz der Blutspuren auf der Straße sammeln sich tausende wieder zum Gebet.

Wahrscheinlich ist, was ich nun als meine Schlüsse aus den Ereignissen hinschreibe, von diesen Emotionen diktiert: Ich sehe im Blutbad der letzten Woche, wenn es sich nicht ständig wiederholt, auch eine Chance. Die Iraker scheinen mir dadurch eher geeint als gespalten. Die gegenseitige religiöse Toleranz, die von der neuen Verfassung festgeschrieben wird, scheint nicht ausgeschlossen. Und der Druck auf die USA, Irak den Irakern zu übergeben und sie dennoch mit aller Kraft zu unterstützen, ist größer denn je.

Es geht mir wie der Bürochefin von CNN in Bagdad: Die Lage ist verzweifelt – aber nicht absolut hoffnungslos.