Ein Haider für Anspruchslose

Warum es bei Hans-Peter Martins Saubermachen etwas streng riecht.

Als Hans-Peter Martin beim Europa-Wahlkampf 1999 für die SPÖ antrat, hielten wir Kommentatoren das für ein insgesamt gelungenes Projekt. Martin hatte sich als veritabler Wahlkämpfer entpuppt, war diszipliniert auf der von der Partei vorgegebenen Neutralitäts-Schiene geblieben, hatte schließlich 2,5 Prozentpunkte hinzugewonnen und die SPÖ damit zur stärksten Partei gemacht.

In unserer eigenen Branche war Hans-Peter Martin kein Unbekannter, und mancher hatte schon mit ihm in einer Redaktion gearbeitet. Man erinnerte sich an seine Recherchen als Austro-Wallraff, als er sich in Vorarlberger Firmen einschlich, die Lehrlinge oder Gastarbeiter miserabel behandelten. Später hatte er als Korrespondent für den „Spiegel“ geschrieben, war dann allerdings in der Waldheim-Affäre einem gefälschten Dokument aufgesessen.

Gerüchte, wonach sich Martin gegenüber den Mitarbeitern in seinem Wahlkampfteam cholerisch und unduldsam aufgeführt haben soll, überraschten ein wenig. Man wusste, dass Martin immer wieder brutal mit Koautoren seiner Bücher gestritten hatte. Für so selbstsüchtig und egomanisch, wie er uns nun zunehmend von fast allen politischen Kontaktpersonen, egal, welcher Parteifarbe, dargestellt wurde, hatte ihn vorher niemand gehalten.

Seine Kritiker beharrten auf ihrer Darstellung und legten ihre Hand dafür ins Feuer, Martin gehe es einen Dreck um die Arbeit im Europaparlament. Der wolle doch bloß wieder für ein Buch oder eine Artikelserie recherchieren.

Ob sich aus behauptetem Spesenmissbrauch im Europaparlament ein Bestseller machen lässt, ist abzuwarten – für einen Wahlkampf reicht es allemal.

Ex-Kollege Hans-Peter Martin ging das Projekt, wie von den Kritikern punktgenau vorhergesagt, nicht politisch, sondern journalistisch an: Er versuchte, nicht Druck im Parlament zu machen, sondern spionierte, provozierte und archivierte und ging dann, fein abgezirkelt, an die Boulevard-Öffentlichkeit. „Bild“ und „Kronen Zeitung“ sind die Trägermedien. Sein politischer Reibach besteht in der Chance auf Verlängerung des Abgeordnetenmandats.

Parteiobmann ist Hans-Peter Martin jetzt übrigens auch. Seine Fraktion soll – eh klar – nach ihm benannt werden: HPM.

Auf ältere Wähler und EU-Skeptiker, das hat das Fessel-Institut inzwischen erhoben, wirkt der tägliche Heldengesang auf HPM in der „Kronen Zeitung“ am stärksten. Jüngeren ist der Mann mit der schnarrenden Stimme etwas suspekt. Die Botschaft selbst ist ja äußerst simpel: Die da draußen in Brüssel sind genau so, wie ihr sie euch immer vorstellt. Stinkfaul und raffgierig. Und das alles um euer Geld.
Als wär’s ein Stück von Jörg. Der hätte die Erzählung freilich noch mit ideologischen Behübschungen versehen, die EU als Ganzes aufgemischt, vor Ausverkauf, Einwanderung und Fremdem gewarnt.

Hans-Peter Martin ist nur ein Haider für Anspruchslose.
So wie auch Haiders Kritik nicht immer unmoralisch und grundfalsch ist, ist auch Martin beizupflichten, dass Kompetenzen, Arbeitsweise und Gehaltssystem des Europaparlaments verbesserungswürdig sind.

Mildernd ist anzuführen, dass es einfachere Aufgaben gibt, als nahezu 700 Abgeordnete aus 25 Ländern mit höchst unterschiedlichem Einkommens- und Preisniveau gerecht zu entlohnen und ein praktikables Spesensystem für die ständig reisenden Mandatare zu entwerfen.

Das ist bisher nicht gelungen. Manche der bestehenden Regelungen sind ärgerlich.
Dem allen rückte Martin nicht mit den Methoden der Politik, sondern wie ein Detektiv in einem schlechten Film zu Leibe: Auflauern mit Minikameras; theatralisches Zu-Boden-Fallen nach einem angeblichen Bodycheck durch einen 71-jährigen Abgeordneten aus England; Bespitzeln von allem, was sich bewegt.

Der einst so penible Kollege überrascht außerdem durch Ungenauigkeit: Auch bei ihm tauchten verblüffend hohe Kilometergeld-Abrechnungen auf; nach Brüssel und Straßburg fährt Martin offenbar über den Brenner (er rechnete Belege über Brenner-Maut ab) und zeigt überhaupt merkwürdiges Reiseverhalten (er kassierte für zwei Flüge Wien–Brüssel am selben Tag). Und hat er, so der jüngste Vorwurf, tatsächlich EU-Geld für eigene Buchrecherchen verwendet?

Martins Emsigkeit im Parlament ist vorerst nicht überprüfbar: Seltsamerweise verweigert er anders als die anderen Spitzenkandidaten bei der EU-Wahl beharrlich Einblick in seine Anwesenheitsliste.

Gleichwohl. Die sympathische Kollegin Karin Resetarits vom Kronehitradio hat er schon überzeugt. Sie kandidiert an zweiter Stelle seiner Liste. Ihre Motivation: „Ich glaube, dass sich jeder Mensch einmal im Leben politisch engagieren sollte.“ Das ist löblich, aber hätte es eine Demo nicht auch getan? Wenn’s eh nur einmal im Leben ist.