Ein Herz und eine „Krone“

Medien. Vor 50 Jahren erschien die erste Ausgabe der neuen „Kronen Zeitung“. Heute hat sie mehr Einfluss auf die österreichische Politik als je zuvor. Aber niemand weiß, wie das Blatt seinen 88-jährigen Gründer Hans Dichand überleben kann.

Von Josef Barth, Gernot Bauer und Herbert Lackner

Samstag, 11. April 1959. In Wien wird das Historische Museum am Karlsplatz eröffnet. Am Kahlenberg schneidet sich ein junges Liebespaar die Pulsadern auf. In Annoncen werden Fernsehgeräte um 4990 Schilling angeboten, drei durchschnittliche Monatsgehälter. Das TV-Programm des Tages beginnt um 19.30 Uhr mit „Wunder der Tierwelt“ und endet um 22 Uhr mit der „Zeit im Bild“. Der Wiener Sportklub schlägt Rapid durch einen umstrittenen Elfer mit 3:2. In den Kinos läuft der Film „Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes“ an.
Im Pressehaus am Wiener Fleischmarkt stehen gegen Mitternacht zehn Journalisten um die Druckmaschine – keiner von ihnen ist älter als 40 – und warten auf das erste ­Exemplar einer neuen Zeitung, von der ­außerhalb dieses Maschinenraums kaum ­jemand weiß. 165.000 Kleinformate laufen in dieser Nacht vom Band. Nach wenigen Tagen druckt man nur noch 30.000.
Hätte in jenen April-Tagen des Jahres 1959 jemand prophezeit, dieses kleine, magere Blättchen werde zum größten Erfolg der österreichischen Pressegeschichte, zu der – gemessen an der Bevölkerungszahl – auflagenstärksten Zeitung der Welt, zu einem Blatt, vor dem sich Kanzler fürchten und von dem Kanzler gemacht werden – man hätte ihn für betrunken oder verrückt gehalten.
1968, neun Jahre nach jener denkwürdigen Nacht an der Druckmaschine, war die Auflage der „Kronen Zeitung“ erstmals höher als jene des langjährigen Marktführers „Kurier“. Die vergangene Woche veröffentlichte Mediaanalyse weist für die „Krone“ fast drei Millionen Leser aus, so viele, wie die fünf nächstgrößten Blätter insgesamt haben. 42 Prozent aller österreichischen Zeitungsleser greifen zur „Krone“. Zum Vergleich: Die Reichweite der deutschen „Bild“-Zeitung beträgt 17 Prozent.
Vater des Erfolgs ist der Anführer der kleinen Truppe an der Druckmaschine, der damals 38-jährige Hans Dichand, ein gebürtiger Grazer. Schon 1948 war er Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, ein Jahr, in dem keiner der heute aktiven Chefredakteure des Landes auch nur schon geboren war. Er hatte den „Kurier“ geleitet und ihn zur größten Zeitung des Landes gemacht. Und er hat nicht gezögert, als ihm der machtbewusste ÖGB-Präsident Franz Olah geheime Sparbücher des Gewerkschaftsbunds zur Besicherung eines Kredits für sein neues Projekt zusteckte. Hans Dichand hat Zeitungskriege geführt, Konkurrenzblätter gekauft und zugesperrt, er hat seine Partner getauscht, fast alle alten Freunde verloren und stets mit feiner Witterung die Stimmung im Volk registriert.

Masse und Millionen. Man könnte das freilich auch so wie Gerd Bacher formulieren: „Dichand hat einen besonderen Geruchssinn für Massenausdünstungen.“
Damit hat er jedenfalls viel Geld gemacht. Auf 500 Millionen Euro wird sein in einer Stiftung geparktes Vermögen geschätzt. Jeden Monat werden Dichand – unabhängig vom Geschäftsverlauf – 700.000 Euro an „Vorabgewinn“ überwiesen, die jährliche Gesamtabrechnung beläuft sich durchschnittlich auf etwa 20 Millionen. Die Villa in der Grinzinger Kaasgrabengasse, teuerster Boden der Stadt, hat Stararchitekt Wilhelm Holzbauer entworfen. Die beiden Söhne Christoph und Michael logieren in eigenen Villen, ebenfalls in Döblinger Bestlage. Hans Dichands Kunstsammlung enthält Arbeiten von Klimt, Schiele, Kokoschka, Egger-Lienz und anderen Meistern der Kategorie unerschwinglich. Sie ist eine der wertvollsten des Kontinents. Allein Klimts „Danae“ wird auf mindestens sieben Millionen Euro geschätzt. Teilweise lagern die Arbeiten in Depots im Ausland, weil seit 2003 Bilder, die zum „nationalen Kunstgut“ gehören, nicht mehr so einfach ausgeführt werden dürfen.
Nicht schlecht für einen Mann, der in eine Barackensiedlung am Grazer Stadtrand geboren wurde. Ein außergewöhnlicher Aufstieg dank einer außergewöhnlichen Leistung: Hans Dichand hat schließlich nicht nur eine Zeitung, sondern ein Phänomen, ja fast schon einen Mythos begründet. Denn wie kann ein publizistisches Produkt so raketenhaft abgehen und so lange und so unangefochten in lichten Höhen bleiben? ­Warum überdauert ein für den Interessierten so unergiebiges Blättchen derart problemlos alle Stürme der Zeit?
Obwohl mit Wolfgang Fellners „Österreich“ (Reichweite 2008 laut Mediaanalyse: zehn Prozent) und der von Dichands lebhafter Schwiegertochter Eva geleiteten Gratiszeitung „Heute“ zwei weitere Einfachprodukte den Boulevard bevölkern, hat die „Krone“ gegenüber 2007 bloß lächerliche 0,3 Prozent an Reichweite verloren. 1992, als Dichands Ex-Kompagnon Kurt Falk seine eigene Trottoir-Blüte „täglich Alles“ in den Markt setzte, war die „Krone“-Reichweite kurzfristig von 42 auf 39 Prozent eingeknickt, um 2005 – Falk war niedergerungen – den bisherigen Rekordwert von fast 45 Prozent zu erreichen.
Wie geht das? Ist es das „systematische Bedienen von Vorurteilen, der Verkauf von engstirnigen Reflexen als Bürgermeinung“, wie die LIF-Gründerin Heide Schmidt vermutet? Ist es „der auf Papier gedruckte Versuch, Mehrheitsstimmungen zu erkennen, noch bevor sie entstehen, und sich dann genau dort draufzusetzen“, wie der Medienforscher Fritz Hausjell glaubt? Elfriede Jelinek beschrieb das 2002 in der „Süddeutschen Zeitung“ so: „Die Massen lesen die ,Kronen Zeitung‘, das heißt, sie hören sich selbst beim Denken zu, ohne zu ahnen, dass man ihnen nur gibt, was sie immer schon gedacht haben … Sie freuen sich, dass es welche gibt, die sagen, was sie immer schon gesagt haben.“ Der Prozess des Denkens werde auf diese Weise unterbrochen, ehe er noch beginnen könne.
Das alles ist wohl richtig. Aber es war erst die als ideologische Leichtfüßigkeit daherkommende, skrupelfreie Nutzbarmachung dieser Umstände durch Hans Dichand, die daraus einen Erfolg zimmerte.
Dichand hatte etwa mit fanatischer Entschlossenheit den geplanten Kraftwerksbau bei Hainburg, aber nur wenig später auch die aus dieser Bewegung hervorgegangenen Grünen wie die Pest bekämpft. Er ließ in seiner Niederösterreich-Ausgabe den Bau des Semmering-Tunnels wüst bekämpfen, während die „Steirer-Krone“ mit derselben Wut den Tunnelschlag einforderte. Den Beitritt Österreichs zur EU begrüßte Dichand in einem mit seinem Kürzel „Cato“ unterzeichneten Kommentar hymnisch: „Die Verbrüderung des Kontinents, das ist die Zukunft!“ Heute tummeln sich nicht nur auf den Leserbriefseiten allerlei Sonderlinge, die mit oft haarsträubenden Argumenten gegen das größere Europa agitieren. Den frechen FPÖ-Chef Jörg Haider bejubelte „Cato“ dereinst hingebungsvoll, weil er „Sümpfe im sozialistischen Bereich“ trockenlege; seinen Kolumnisten Richard Nimmerrichter („Staberl“), der Dichand jahrzehntelang jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hatte, feuerte er mit dem Argument an: „Du bist ein Haider-Journalist, der von uns bezahlt wird.“ Der Anzeigenteil der „Krone“ ist prallvoll mit Hureninseraten; nur wenige Seiten davon entfernt predigt der Kardinal in Kolumnenform.
Das alles muss man sich erst einmal ­trauen.
Diese Art von Journalismus, der in seiner kampagneartigen Ausprägung am erfolgreichsten ist, bedarf auch einer besonderen Art von Personal, das bei all dem in unverbrüchlicher Treue verharrt. Nicht nötig, sagte Dichand 2001 in einem profil-Interview: „Unsere Redakteure haben durchaus die Möglichkeit, ­gegen meine Meinung zu ­schreiben.“
Das stimme theoretisch durchaus, erzählen kritische Wegbegleiter Dichands: Viele Redakteure würden wie die Indianer das Ohr auf die Schienen legen, um den heranrollenden Zug zu hören, den der Herausgeber auf den Weg geschickt hat. Alles Weitere klappt wie von selbst: Bis in die letzte Verästelung der Redaktion wird dann Linie gehalten. Unvergessen etwa der Beitrag der „Krone-Tierecke“ aus dem letzten Wahlkampf: Unter der Schlagzeile „Tiere würden Faymann wählen“ wurden dort dem Wahlneffen des Chefs auch noch die Hundehalter und Katzerlbesitzer zugetrieben. Die üppige Leserbriefseite sei in diesem Kontext als Vehikel zu sehen, meint Medienforscher Hausjell: „Dort kann kommuniziert werden, wozu sich die Redaktion noch nicht positionieren will.“
So spielte sich das hysterische Plassnik-Bashing vom vergangenen Herbst denn auch zuerst auf den von Hans Dichand liebevoll betreuten Leserbriefspalten ab. Die frühere Außenministerin ist eine der gar nicht so wenigen ÖVP-Granden, die dem Versuch eines unsittlichen Arrangements mit Dichand widerstanden haben. Plassniks Mentor Wolfgang Schüssel hatte 2000 gegen Dichands ausdrücklichen Willen mit der FPÖ koaliert und sich dafür Gstanzl-Serien von Dichands Hausdichter Wolf Martin eingehandelt: „Ist Wolfgang Schüssel noch bei Trost?/Das Volk ist wirklich schon erbost!“ Schüssels Vorgänger Erhard Busek erzählte offen, Dichand habe ihm eine angenehmere Berichterstattung zugesagt, würde er „eine bestimmte Meinung in der Asyl- und Migrantenfrage“ einnehmen. Dem ÖVP-Fraktionsführer im Europaparlament, Othmar Karas, wurde vom „Krone“-Chef sogar eine ständige EU-Kolumne angeboten, sie müsse halt „EU-kritisch“ sein – oder das, was Dichand darunter versteht. Karas lehnte ab.

Kleine Gesten, große Wirkung. Sozialdemokraten waren da schon eher zu kleinen Gesten gegenüber dem großen Zeitungszaren bereit. Selbst Bruno Kreisky schrieb in einem Vorwort zu Hans Janitscheks Dichand-Biografie: „Er hat großes Fingerspitzengefühl für den Patriotismus der so genannten ,kleinen Leute‘. So mancher sozialistische Journalist, von großen Idealen getrieben, übersieht oft, was die Menschen draußen wirklich bewegt.“
Auch der Wiener SPÖ-Obmann Michael Häupl leistete gerne Sukkurs, wenn dieser vonnöten war. So donnerte der Bürgermeister 2003, während des großen Krachs Dichands mit dem Hälfteeigner WAZ, das Blatt müsse unbedingt „in österreichischer Hand“ bleiben. Dabei hatten die Deutschen lediglich bezweifelt, ob Dichands scheuer Sohn Christoph ein geeigneter Chefredakteur und die automatische Erbfolge ein sinnvolles Organisationsprinzip im Medienwesen seien.
Am überschwänglichsten im Beweisen von Treue und Zuneigung ist aber der gegenwärtige Kanzler Werner Faymann, der sich freilich etwas vergaloppierte, als er Dichand vergangenen Juni in einem persönlichen Brief sogar die EU-Linie der SPÖ als Frühlingsopfer darbrachte. Im Wahlkampf machte sich das bezahlt, konnte allerdings auch nichts an den gewaltigen Stimmenverlusten der Sozialdemokraten ändern. Das Verhältnis von Hans Dichand zu Werner Faymann ist Freundschaft und Geschäft auf Gegenseitigkeit gleichermaßen. Zu Beginn der Fußball-Europameisterschaft im Mai 2008 etwa erregte sich das Kleinformat über eine Bestimmung im Kraftfahrgesetz, wonach das Anbringen österreichischer Fahnen an Autos gesetzwidrig sei. Der damalige Verkehrsminister Faymann handelte schnell: „Entwarnung für Österreich-Patrioten. Faymann hebt Fahnenverbot auf!“, titelte die „Krone“. Einige Monate zuvor hatten Dichands Marketing-Leute zehntausende rot-weiß-rote Autowimpel samt Bundesadler in Fernost bestellt und zum Verkauf in der Trafik bestimmt. Jetzt wurden sie rasch aus dem Depot geholt. Schon als Wohnbaustadtrat in Wien hatte Faymann die „Krone“ mit schönen Inseratenstrecken über „Wohnen in Wien“ bedacht. Als Verkehrsminister standen ihm ebenfalls entsprechende Töpfe zur Verfügung. Wie profil nachwies, flossen allein 2007 mehr als 500.000 Euro in Form so genannter „Medienkooperationen“ von den ÖBB zur „Krone“. Abgewickelt wurden derartige Deals teils direkt über das Büro des ressortzuständigen Ministers Faymann. Dass dieser freilich nicht nur die „Krone“ und das familiär angeschlossene Gratisblatt „Heute“, sondern auch den Boulevard-Frischling „Österreich“ mit Inseratengeld von ÖBB und Asfinag versorgte, soll in der Muthgasse noch immer für leichte Verstörung sorgen.
Auch der jüngste Neuzugang im ORF-Stiftungsrat wird als kleine Verbeugung vor dem Herrn im Pressehaus interpretiert. Der Vorstandsdirektor der Constantia Industries, Alexander Hartig, den die Bundesregierung unter Werner Faymann vor drei Wochen als einen ihrer Vertreter ins Lenkungsgremium am Küniglberg entsandte, ist einer der regelmäßigen Leserbrief- und Gastkommentarschreiber der „Krone“. In den vergangenen Jahren sorgte sich Hartig, ein radikaler Konservativer, in seinen Beiträgen etwa um „Kommunisten und andere linke Dogmatiker“ bei den Grünen, die das Bundesheer abschaffen, Haschisch legalisieren, Bauern enteignen, Volkspensionen einführen und – horribile dictu – die „Krone“ verbieten wollen. Im Übrigen, so Hartig im Jänner 2008, wolle die EU „uns alle in Geiselhaft nehmen“.Der richtige Mann für den Job, offenbar.
Wird, fragen sich viele, auch ein etwaiger Nachfolger des 88-jährigen Patriarchen genügend Autorität aufbringen, um Kanzler zu machen? Und wer wird das sein? Logischer Kandidat wäre Dichands zweitgeborener Sohn Christoph, 44, seit sechs Jahren Chefredakteur, ein gebildeter und sympathischer Mann. Zweifler verweisen allerdings auf den bedenkenswerten Umstand, dass sich selbst penible Beobachter nicht daran erinnern können, je eine Zeile aus der Feder des formellen Redaktionschefs der „Krone“ gelesen zu haben.

Erbe und Nachfolger. Weshalb viele auf dessen Frau Eva Dichand, 34, als potenzielle Nachfolgerin des großen Alten tippen. Fraglich jedoch, ob der Rest der Familie die Machtübernahme der überehrgeizigen Wirtschaftsuni-Absolventin so einfach akzeptiert. Wohl haben auch Dichands Erstgeborener Michael, vulgo „Snoopy“, 46, und Tochter Johanna, 45, keine journalistische Erfahrung – ob sie die gewaltige Orgel „Kronen Zeitung“ aber einfach der angeheirateten Eva überlassen, bezweifeln Kenner der schwierigen Familie Dichand nachdrücklich.
Bleiben zwei zuletzt immer wieder kolportierte Varianten. Möglichkeit eins: Die Dichands könnten ihre „Krone“-Hälfte verkaufen, wobei allerdings die ungeliebte WAZ das Vorkaufsrecht hätte. Oder die WAZ verkauft an die Dichands. In beiden Fällen könnte es an Barem scheitern. Der Wert der „Krone“ wird von Experten derzeit mit etwa 600 Millionen Euro veranschlagt. Eine gewaltige Summe, die ein interessierter Käufer da in die Hand nehmen müsste.
Aber vorerst steht ja noch der Alte auf der Kommandobrücke, oben im Pressehaus, hoch über dem Donaukanal. Dort wolle er auch sterben, wenn dereinst der Sensenmann antreten wird, hat er in Interviews bekundet.
An klaren Tagen sieht er stromabwärts die Häuser der Wiener Innenstadt. Dort irgendwo ist der Fleischmarkt, wo vor 50 Jahren alles begann.