Ein Krimi ohne Helden: Das olympische Blutbad. Hintergründe. Chronik. Folgen.

Einige österreichische Athleten und ihre Trainer, der Skiverband ÖSV, das Internationale Olympische Komitee IOC, der Internationale Skiverband FIS, die italienische Justiz – in der Doping-Affäre von Turin haben sich alle Beteiligten schwere Unsportlichkeiten geleistet.

Gratisküche von früh bis spät, die fast komplette Chefetage des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), Politiker-Adabeis, Gäste, befreundete Journalisten, eine hohe Dichte an Personen mit der Aufschrift ORF am Rücken und schließlich auch so mancher Olympiasieger: Das Österreich-Haus in Sestriere hat seine Funktion als Vertretung der rotweißroten Nation bis zum letzten Tag dieser mehrfach historischen Spiele vorbildlich erfüllt.

Von hier aus eröffneten der ORF und die „Kronen Zeitung“ ihr nationalistisches Gegenfeuer, weil sie in der spektakulären Doping-Affäre nichts als ein gemeines Foul des Gegners erkannten – eine reflexartige Parteilichkeit, deren Auswirkungen selbst nach Ansicht führender ÖSV-Funktionäre vernichtend für das internationale Image des österreichischen Skisports waren.

Hier im Österreich-Haus bäumten sich ÖSV-Funktionäre im dichten Kameragestrüpp der Weltpresse auf, hier wurde leidenschaftlich dementiert, zurückgewiesen, korrigiert, die eigene Unwissenheit beteuert, verzweifelt an einer Mischung aus Wahrheiten und Halbwahrheiten gerührt, aber auch viel und schlecht gelogen – über den Krimi um Langlauftrainer Walter Mayer. Einen Krimi, in dem es weniger um Sport und Doping als um Einfluss, Eitelkeit und alte Animositäten zwischen einzelnen Organisationen geht.

Mayer ist seit den Spielen in Salt Lake City 2002 wegen der Durchführung von Blutdoping an Athleten für Olympia gesperrt (bis 2010), war dennoch in Sestriere aufgetaucht und hatte damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Olympischen Spiele ausgelöst.

Was immer am Ende von der Doping-Affäre übrig bleiben wird: Im Österreich-Haus wurde jedenfalls mitten in einem nie da gewesenen österreichischen Goldregen eine nie da gewesene österreichische Niederlage sichtbar. Kein Journalist der versammelten Weltpresse glaubte noch ein Wort der ÖSV-Erklärungen. „Für wie blöd hält uns der ,Schrecksnagel‘“?, wollte der Schweizer Boulevard wissen. Der deutsche fragte: „Wie gedopt sind die Bösis?“

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel kämpfte wie ein Löwe für „seine Buam“, verwies darauf, dass noch keiner der Vorwürfe objektiviert sei, räumte eigene Fehler ein und beschwor offensichtliche Ungerechtigkeiten seitens des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegenüber seiner Truppe.

Rotweißrote Überheblichkeit. Eine kurzfristig einberufene Pressekonferenz am Dienstag der Vorwoche sollte die allgemeine Aufregung um das österreichische Team kalmieren, zeitigte aufgrund der dilettantischen Auftritte der ÖSV-Funktionäre jedoch die gegenteilige Wirkung. Schröcksnadel sagte nicht, die Anwesenheit des gesperrten Walter Mayer sei regelwidrig, schädlich und daher nicht akzeptabel. Stattdessen sagte er, es sei „net g’scheit“ gewesen, Mayer nach Turin kommen zu lassen (in einem ÖSV-Dienstwagen) und ihn mit Eintrittskarten um 1000 Euro zu beschenken, obwohl er nicht nur für die olympischen Dörfer, sondern auch für die Spielstätten gesperrt war. Und Schröcksnadel sagte, Mayer sei damals in Salt Lake City „leider erwischt worden“. Der ÖSV-Präsident dokumentierte mit praktisch jedem seiner Sätze, dass der ÖSV die Regeln der Veranstaltung, an der er teilnahm, nicht akzeptierte.

Diese seit vielen Jahren virulente Überheblichkeit der rotweißroten Alleskönner und Besserwisser ist nach Analyse vieler Insider der eigentliche Hauptgrund für den Pauschalangriff des IOC auf den ÖSV, bei dem es zuallerletzt um Sport geht. So gibt es beim Doping-Skandal von Turin nur Verlierer, alle beteiligten und betroffenen Gruppen haben sich schwere Unsportlichkeiten geleistet:

* Der ÖSV hat Walter Mayer bei seinem olympischen Amoklauf hofiert. Mayer gilt als esoterischer Medaillen-Züchter, der entgegen aller Verbote auf die bizarre „Trainingsmethode“ schwört, Blut aus dem Körper abzuzapfen, mit UV-Licht zu bestrahlen, es dann Magnetresonanzfeldern auszusetzen (beides wissenschaftlich von ungeklärter Wirkung) und den solcherart möglicherweise in Richtung Mehrleistung veränderten Saft wieder dem Körper zuzuführen, sodass am Ende nur blutverschmierte Plastikbeutel und Injektionsnadeln übrig bleiben.

* Einige österreichische Athleten haben gedopt. Sie und zwei ihrer Trainer flüchteten nach der ersten Polizei-Razzia am 18. Februar Hals über Kopf nach Österreich.

* ÖSV-Offizielle wussten von den Regelverstößen und sagten öffentlich die Unwahrheit.

* Der Internationale Skiverband FIS hat den Skandal losgetreten, wohl auch deshalb, weil er Gefahr läuft, einen noch laufenden Prozess vor dem Arbeitsgericht in Innsbruck zu verlieren, den Walter Mayer gegen die FIS angestrengt hatte. Die FIS-Sperre nach der Blutbeutelaffäre von Salt Lake City hatte Mayers Entlassung aus dem ÖSV bewirkt, doch vor dem österreichischen Arbeitsgericht bekam Mayer in erster Instanz Recht, weil Doping in Österreich nicht strafrechtlich geregelt ist. Just drei Tage nachdem die FIS gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung angemeldet hatte, betraten am 29. Jänner dieses Jahres Kontrolleure der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA Mayers Trainingszentrum in der Ramsau. Mayer und einige der Sportler waren nicht anwesend. In einem Zimmer wollen die Dopingjäger „eine Blut-Zentrifuge, Spritzen und Medikamente“ entdeckt haben. Und sie wollen von einem anwesenden Athleten erfahren haben, dass der olympisch gesperrte Wolfgang Mayer nach wie vor mit Olympiateilnehmern arbeite und in Turin anwesend sein werde.

* Mit diesem „Beweismaterial“ ging ein IOC-Mitarbeiter Mitte Februar zur Polizei in Turin (siehe Kasten „Der Durchsuchungsbefehl“, Seite 16). Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Mayer tatsächlich im Olympia-Quartier der österreichischen Biathleten beherbergt war.

* Aufgrund dieses eher dürftigen Beweismaterials ließen Staatsanwalt Marcello Maddalena und sein Stellvertreter Raffaele Guariniello zwei Tage später, am Abend des 18. Februar, ein 30-köpfiges Einsatzkommando der Carabinieri mit Blaulicht und flankiert von Fernsehteams vor dem Quartier der Biathlon-Athleten auffahren, quasi als Begleitung der IOC-Delegation, die zu diesem Zeitpunkt eine unangemeldete Doping-Kontrolle durchführen wollte. Während Sportler, Familienangehörige und andere Anwesende perlustriert wurden, beschlagnahmten die Polizisten neben tatsächlich verdächtigen oder eindeutig verbotenen Utensilien (etwa für Bluttransfusionen) auch die Herztabletten eines übergewichtigen Chauffeurs, Vitamintabletten der Marke Anabol Loges oder das Diabetes-Testgerät eines Betroffenen.

Rückblende. 26. Februar 2002, Salt Lake City, USA. An diesem Dienstag fliegt bei den Olympischen Spielen die „Blutbeutel-Affäre“ auf. Eine Putzfrau entdeckt im Österreicher-Haus Utensilien, die eher an einen Operationssaal denken lassen als an ein Sportlerquartier: Ampullen, Flaschen, Schläuche, Nadeln und Transfusionsgeräte.

Walter Mayer, der die österreichischen Langläufer trainiert, gibt an, seinen Sohn Marc und einen weiteren Sportler nach der so genannten „Austrian Procedure“ behandelt zu haben: Dabei wird Blut entnommen, einige Minuten lang mit UV-Licht bestrahlt und dann wieder dem Körper zugeführt. Das soll die Immunabwehr aktivieren, die roten Blutkörperchen vermehren und damit mehr ausdauerfördernden Sauerstoff transportieren.

Nach den Richtlinien des IOC ist bei Olympischen Spielen jede Form von Manipulation mit Blut verboten. Die Konsequenz: ein Disziplinarverfahren. Am 26. Mai 2002 wird Mayer eines Dopingvergehens für schuldig befunden und für die nächsten acht Jahre von der Teilnahme an allen Olympischen Spielen ausgeschlossen.

Die Causa gelangt vor den internationalen Sportsgerichtshof CAS (Court of Arbitration for Sports), der das Urteil im März 2003 bestätigt. Begründung: Mayers Vorgehen sei als Blutdoping zu werten.

Nun wird auch der internationale Skiverband FIS aktiv. Seine Doping-Vorschriften weichen zu diesem Zeitpunkt noch von jenen des IOC ab. Untersagt sind bei Blutentnahmen bloß Methoden, die zur Steigerung der Leistung dienen oder die Gesundheit gefährden. Dies hat sich inzwischen geändert. Heute gilt generell der World-Anti-Doping-Code, der sich an den strengen Richtlinien des IOC orientiert.

Das heißt: Zum Zeitpunkt der „Blutbeutel-Affäre“ 2002 handelt Mayer nach olympischen Kriterien illegal – nach FIS-Kriterien jedoch nicht. Laut Sachverständigen-Gutachten hat die UV-Bestrahlung überdies keinen nachweisbaren Einfluss auf die Leistung der Athleten. Dennoch sperrt die FIS Mayer am 10. Mai 2003 für die Teilnahme und Akkreditierung an allen internationalen Skirennen. Und zwar lebenslang.

Nicht einmal zwei Wochen später entlässt der ÖSV den Trainer. Er ist für den Verband „wertlos“ (Schröcksnadel) geworden.

Mayer klagt, vertreten von Rechtsanwalt Heinz Mildner, beim Arbeits- und Sozialgericht Innsbruck gegen die Entlassung und erwirkt eine Einstweilige Verfügung. Anfang April 2004 stellt der ÖSV ihn wieder als Trainer ein. Ein Jahr darauf rollt die FIS das Doping-Verfahren wieder auf. Ergebnis: Die Sperre wird von lebenslang auf zehn Jahre reduziert.

Der weitere Verlauf des Arbeitsrechtsverfahrens führt indes direkt zu den Razzien in den olympischen Quartieren der österreichischen Biathlon- und Langlauf-Athleten:

21. November 2005: Das Arbeits- und Sozialgericht Innsbruck gibt Walter Mayer teilweise Recht. Die lebenslange Sperre durch die FIS sei „grob sittenwidrig“ gewesen, urteilt Richter Werner Krismer: „Das Vorgehen des FIS-Vorstandes war rechtswidrig und schuldhaft und hat in einem kausalen Zusammenhang und unmittelbar einen erheblichen Schaden beim Kläger hervorgerufen“ – die Entlassung durch den ÖSV nämlich. Der Verband müsse dem Trainer rund 73.000 Euro Schadenersatz zahlen.

29. Dezember 2005: Das Urteil wird der FIS und dem ÖSV zugestellt.

26. Jänner 2006: Die FIS meldet volle Berufung gegen das Urteil von Innsbruck an, 17 Tage vor dem ersten olympischen Bewerb der österreichischen Biathleten, dem 20-Kilometer-Lauf.

29. Jänner: Vor der Pension Erzherzog Johann in Ramsau fährt ein Wagen vor. Die Insassen: Doping-Kontrolleure im Auftrag der WADA. Ein Routinevorgang, der gerade vor den Olympischen Spielen alles andere als außergewöhnlich ist? Folge eines Zunds, der im Zusammenhang mit dem Verfahren in Innsbruck steht? (Die WADA wollte sich auf profil-Anfrage dazu nicht äußern.)

Die WADA-Leute klingeln an die Tür des Hauses, das von Walter Mayer und seiner Frau Gerlinde geführt und im Internet als „Standort der österreichischen Langlauf-Nationalmannschaft“ angepriesen wird. Die Unterkunft hat 25 Betten, Sauna, Solarium, Kraftkammer, Seminar- und Wachsraum. Fünf Tage Halbpension mit Biofrühstück und Vollwertküche kosten pro Person 384 Euro.

Hier soll nach Informationen der WADA eine Reihe österreichischer Athleten Quartier bezogen haben, die wenige Tage später in Turin antreten werden. Sportler, die an den Olympischen Spielen teilnehmen wollen, müssen für die Doping-Kontrolleure mehr oder weniger rund um die Uhr greifbar sein. So sehen es jene privatrechtlichen Verträge vor, die Bedingung für eine Zulassung zu den Wettkämpfen sind.

Das heißt in der Praxis: Selbst ausgedehnte Trainingsläufe sind der WADA zu melden – etwa per SMS.

Alle ausgeflogen. Die Fahnder, die an diesem Wochenende ins Steirische kommen, erwarten deshalb, alle Langläufer und Biathleten anzutreffen, die auf ihrer Kontrollliste stehen. Aber genau das ist nicht der Fall. Nur der Langläufer Johannes Eder befindet sich in der Pension. Der Rest, so ein Sprecher der Doping-Behörde gegenüber profil, ist ausgeflogen. Walter Mayer schläft noch.

Seine Frau Gerlinde ist gerade beim Bügeln. „Was tuats denn da? Die sind alle trainieren“, erklärt sie den Kontrolleuren. Die WADA-Leute gehen jedoch nicht. Sie verschaffen sich Zugang zu zumindest einem Zimmer. Was sie dort gefunden haben wollen, ist ihrer Ansicht nach höchst verdächtig. Es handelt sich ihren Angaben zufolge um ähnliche Utensilien, wie sie schon 2002 in Salt Lake City sichergestellt wurden – Gerätschaften, die beim „Blutdoping“ verwendet werden können: einige Schachteln mit Medikamenten, eine Blutzentrifuge und zahlreiche Injektionsnadeln.

„Das ist absoluter Blödsinn. Es war nichts da, was auf Blutdoping hinweisen würde. Das ist eine Diffamierung“, erklärt Walter Mayer gegenüber profil: „Wir haben lediglich ein Gerät zum Messen des Laktatwerts im Keller. In den Schachteln waren Vitaminpräparate – aber die sind ja nicht verboten.“

Konfisziert wird nichts, fotografisch dokumentiert offenbar ebenfalls nicht. Die WADA spricht gegenüber profil von „pure observation“, also bloßem Augenschein.

Inzwischen hat Gerlinde Mayer bemerkt, dass die Ermittler auf dem Weg ins Obergeschoß sind. Sie wirft die Herrschaften mit den Worten „Jetzt reicht’s. Das ist ein Privathaus. Ich hole die Polizei“ aus der Pension. Wenig später stößt auch Walter Mayer zur Gruppe. Sowohl er als auch seine Frau hätten „falsche Aufenthaltsorte der Sportler“ angegeben, notieren die Ermittler der WADA.

„Stimmt auch nicht“, sagt Mayer. „Die Nationalmannschaft war an diesem Sonntag schlicht und einfach nicht in der Pension stationiert. Ich habe zu den Kontrolleuren lediglich gesagt: Die können da oder dort sein, rufts doch beim Trainer Emil Hoch an und erkundigt euch. Der Einzige, der sich noch im Haus aufgehalten hat, war Johannes Eder. Der hatte hier übernachtet.“

Seltsam allerdings: Ein Läufer aus dem Kader ist in der Pension – aber Trainer Mayer will nicht wissen, wo sich die anderen aufhalten, und macht auch keine Anstalten, sie ausfindig zu machen.

Für die WADA ist das eine Provokation. In den darauf folgenden Tagen erhalten die Doping-Fahnder ihren eigenen Berichten zufolge „Informationen von Mitgliedern der österreichischen Nationalmannschaft, wonach Mayer weiterhin mit der Nationalmannschaft zusammenarbeite“.

Freitag, 10. Februar: In Turin findet die Eröffnungszeremonie der Spiele statt. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die Österreicher bereits unter Observation. Fahnder der WADA legen sich vor dem Quartier der Langläufer und Biathleten auf die Lauer und finden heraus: Mayer hält sich gemeinsam mit dem Team im ersten Stock der Residenza Folegatti, Via Banchetta 4, in Pragelato auf.
Der ÖSV ist über Mayers Anwesenheit informiert.

Donnerstag, 16. Februar: Die WADA informiert das IOC, das IOC den gefürchteten Turiner Anti-Doping-Staatsanwalt Raffaele Guariniello. Im „offiziellen Antrag“ des IOC wird die Justiz ersucht, „möglichst unter Koordination mit uns die Ihnen zustehenden und vom italienischen Gesetz vorgesehenen Maßnahmen zu ergreifen“, um „weitere Beweiselemente in Bezug auf einen eventuellen Doping-Fall aufzunehmen“.

Guariniello erlässt am Samstag, dem 18. Februar, aufgrund des strengen italienischen Doping-Verbots einen „Durchsuchungs- und Sicherstellungsbefehl“ und verfügt eine Polizeiaktion, die gegen 21.30 Uhr beginnt.

Um halb elf Uhr abends werden vier Langläufer und sechs Biathleten zu Doping-Tests nach Sestriere gefahren. Um drei Uhr flüchten die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann nach Österreich.

Zu dieser Zeit sind die Langlauftrainer Emil Hoch und Roland Diethart bereits weg. Die Abreise von Hoch „hängt mit Walter Mayer zusammen“, wird ÖSV-Sportdirektor Markus Gandler sagen, als dieser Vorfall Tage später bekannt wird: „Das werden wir erklären, das ist erklärbar.“

Auch Mayer setzt sich in der Nacht zum Sonntag ab. Er betrinkt sich mit einer Flasche Gin und wird am Sonntagabend in Paternion, Kärnten, beim Versuch festgenommen, eine Polizeisperre zu durchbrechen. Nach seiner Einvernahme begibt sich Mayer in psychiatrische Behandlung im LKH Klagenfurt.

In den Unterkünften der Athleten werden nach Angaben der WADA verdächtige Utensilien entdeckt, Perner und Rottmann gestehen gegenüber Gandler ein, „möglicherweise unerlaubte Methoden angewandt“ zu haben. „Es sieht nach einem Fall von organisiertem Blutdoping aus“, sagt Richard Pound, Chef der Anti-Doping-Behörde.

Keine Beweise. Doch Beweise dafür wurden keine vorgelegt. Hatte das IOC möglicherweise vorschnell geschossen und dabei schlecht gezielt? Dieser Eindruck wurde im Lauf der Vorwoche unter anderem dadurch untermauert, dass plötzlich die Option diskutiert wurde, die gesamte österreichische Mannschaft von den Spielen auszuschließen. IOC-Pressesprecherin Giselle Davies stellte klar, dass das IOC für die Verhängung von Sanktionen gegen Österreich gar keine positiven Doping-Tests benötige.

Am frühen Freitagabend der Vorwoche berief das IOC eine Pressekonferenz ein, um über die Ergebnisse der an zehn österreichischen Biathlon- und Langlaufathleten durchgeführten Doping-Tests zu berichten. Sie waren negativ ausgefallen. Damit sei die Angelegenheit jedoch keineswegs abgeschlossen, betonte die IOC-Sprecherin Davies. Man werde den Funden von verdächtigen Gegenständen in den Quartieren weiter auf den Grund gehen. „Es gibt Erklärungsbedarf wegen dieser Sachen“, erklärte Heinz Jungwirth, Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC).

Hätten die Tests positive Ergebnisse erbracht, würde im ÖSV kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Neben den betroffenen Athleten müssten auch Präsident Peter Schröcksnadel („Ich muss nicht mehr Präsident sein, denn meine Motivation leidet“, sagte er gegenüber profil) sowie mehrere seiner Trainer gehen. Zu den schärfsten Schröcksnadel-Kritikern zählt mittlerweile auch ÖOC-Generalsekretär Jungwirth: Der ÖSV-Präsident habe „die Tragweite dieser Sache völlig unterschätzt. Wenn ich so etwas aufziehe wie die Löwinger-Bühne, darf ich mich nicht wundern, wenn mich die ganze Welt anpinkelt.“

Die Doping-Affäre ist durch die Bekanntgabe der negativen Testergebnisse keinesfalls beendet. Im Gegenteil: Das IOC hat Interesse daran, sich nicht dem Vorwurf der fahrlässigen Gefährdung des Ansehens der Olympischen Spiele auszusetzen. Schon deshalb werden die verdächtigen Funde in den Quartieren der ÖSV-Sportler akribisch ausgewertet werden.

Doch auch die österreichische Seite hat keinen Anlass, Entwarnung zu geben. Die Beziehungen zu IOC und FIS sind bis zum Zerreißen strapaziert worden, in einer provozierenden Mischung aus Arroganz und Trotz. Von diesem Imageschaden wird sich das österreichische Nationalheiligtum Wintersport so bald nicht erholen – Doping hin oder her.

Mitarbeit: Josef Barth
Von Emil Bobi und Martin Staudinger