„Ein schwuler Kuss ist hochgradig politisch“

Fotografie: Der deutsche Fotograf und Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans über die Vermarktung von Jugendkultur, den Kunstbetrieb und die Angst vor dem Klischee.

profil: Sie sind vor wenigen Tagen 37 geworden. Macht Ihnen das Älterwerden zu schaffen?
Tillmans: Eigentlich finde ich es eher lustig. Natürlich lache ich nicht hellauf, wenn sich das Fleisch wieder einmal etwas welker anfühlt. Aber das ist nun einmal eine Tatsache des Lebens, und solchen Tatsachen sollte man mit großer Bescheidenheit und Demut begegnen. Es hat ja keinen Sinn, dem aus dem Weg zu gehen. Die einzige Art, damit umzugehen, ist, sich darüber zu amüsieren und es als interessantes Phänomen zu betrachten.
profil: Sie sind vor allem als Chronist und Begleiter verschiedener Jugendkulturen bekannt geworden. Verändert das Älterwerden die Beziehung zum Sujet?
Tillmans: Nein. Erst mal gehe ich ja nicht auf einen Westfalen-Rave mit DJ Bobo, wo sich die 15-Jährigen herumtreiben. Und zweitens hat sich der Jugendbegriff in den letzten fünfzehn Jahren auch einigermaßen verschoben. Jugend bedeutet heute nicht mehr automatisch Progressivität und Subversion. All das hat nichts mehr mit dem Alter zu tun. Heute sind die Kinder oft konservativer als ihre Eltern. Insofern empfinde ich mein eigenes Alter nicht als Problem.
profil: Dass Jugend kaum noch für Subversion steht, hat wohl auch damit zu tun, dass viele Subkulturen längst zu Werbeträgern und Marketingzielgruppen geworden sind.
Tillmans: Das ist natürlich ein Problem. Andererseits darf man nicht vergessen: Wenn es irgendwo gar kein Geld gibt, gibt es auch kein Marketing. Die Techno-Szene, die nach wie vor sehr vital ist und sich immer wieder erneuert, wird ja auch nicht flächendeckend mit Red-Bull-Logos überzogen. Es entstehen immer wieder Nischen. Insofern hat sich nicht so viel verändert: Was sich nicht für Marketing hergibt, lässt sich auch nicht vermarkten. Ich selber war mit meiner Arbeit sicher auch für viele Werbeagenturen inspirierend, aber ich habe mich dem immer wieder entzogen.
profil: Muss man im heutigen Kunstbetrieb nicht ständig an die Selbstvermarktung denken?
Tillmans: Auf alle Fälle. Dazu gehört aber auch so etwas wie „Credibility“. Eine hohe Credibility hat in gewissen Szenen gleichzeitig einen hohen Marktwert. Das ist nicht voneinander zu trennen. Dass ich mich nie kommerzialisieren habe lassen, führte zu einer erhöhten Glaubwürdigkeit – und diese wiederum zu einer höheren Langlebigkeit auf dem Kunstmarkt. Letztlich versuche ich, mir selbst möglichst treu zu bleiben. Ich weiß, wofür ich Kunst mache, und ich weiß, dass das nicht die Anhäufung von Geld ist. Andererseits gilt auf dem Kunstmarkt eine Regel, die besagt, dass das Teure auch mehr geschätzt wird. Der Mensch ist ein Sammlertyp und will Dinge, die rar und exklusiv sind. Das ist anscheinend menschlich. Da kann man nicht einfach sagen: „Da mach ich nicht mit.“
profil: Sie waren aber schon froh, den Turner-Preis zu gewinnen?
Tillmans: Ich fand es zum Glück nicht karrierezerstörend. Auch meine Freunde haben, soweit ich weiß, nicht total darunter gelitten. Es ist wohl tatsächlich besser, den Turner-Preis zu gewinnen, als ihn nicht zu gewinnen. Obwohl dieses halbe Jahr, in dem man so ein bisschen anders behandelt wird und vorübergehend zu einer Art Celebrity mutiert, für einen Künstler ja alles andere als normal und eigentlich auch unheimlich störend ist.
profil: Sie haben einmal geschrieben, dass man ständig versuchen sollte, den interessanteren Gedanken zu denken. Wie macht man das genau?
Tillmans: Das kann man natürlich nicht vorher definieren. Man kann aber zumindest den Gedanken, der einem spontan in den Kopf kommt, zunächst einmal hinterfragen. Und man sollte auch nie zu stolz sein, seine einmal empfundene Wahrheit zu überprüfen. Mir kommt vor, dass sehr viele Leute – mich eingeschlossen – zu viel Stolz oder zu viel Angst haben, sich zu verändern, die eigene Meinung zu wechseln oder die eigene Denkart zu drehen.
profil: Haben Sie manchmal Angst davor, etwas völlig Klischeehaftes oder komplett Uninteressantes zu schaffen?
Tillmans: Ja, das kann einen schon mal befallen, in einer dunklen Stunde. Kunst ist ja immer auch eine Gratwanderung, ein Kippen zwischen Anrührendem und Klischeehaftem. Genau das macht den Prozess so faszinierend: die Schwierigkeit, Gedanken in größtmöglicher Klarheit, aber eben nicht Plattheit zu transportieren. Der größte Feind, den ich als Künstler habe, ist der Wunsch, dasselbe noch einmal zu produzieren, das Rezept, das beim letzten Mal funktioniert hat, noch einmal anzuwenden. Weil sich aber alles stets verändert, kann man nie wieder dieselbe Regel anwenden. Das macht das Künstlersein so anstrengend.
profil: Die offensichtlichste Veränderung in Ihrer Arbeit ist der Übergang von sehr konkreten, in ganz bestimmten Milieus verwurzelten Bildern hin zum abstrakten Bild. Was hat das eine mit dem andern zu tun?
Tillmans: Es gibt ein Bild von mir, das heißt „Sportflecken“ und zeigt ein vollgewichstes weißes T-Shirt. Als Foto ist das im Endeffekt ein weißes Blatt Papier. Auf der anderen Seite kann man es natürlich auch als eine Art von Milieustudie sehen. Mich interessiert dieser Umwandlungsprozess von konkreten Gegenständen hin zu einem Blatt Papier. Hinterher ist es ja tatsächlich kein T-Shirt mehr, sondern ein Blatt Papier. Obwohl die Leute auf Fotos fast ausschließlich den Inhalt sehen, ist für mich die Arbeit immer eine Arbeit am Bild gewesen. Ein Himmel oder die Lichtroboter, die in den Discos ihr abstraktes Ballett veranstalten – das sind ja eigentlich alles Farbflächen. Oder die Astronomie, die in meiner Kindheit ein regelrechtes visuelles Initiationserlebnis war, wo ich stundenlang schwarze Flächen mit kleinen Lichtpunkten angeguckt habe. Das abstrakte Sehen ist etwas, bei dem ich viele Anknüpfungspunkte in meinen gegenständlichen Arbeiten finden kann.
profil: Sie machen kein Hehl daraus, ein gläubiger Christ zu sein. Andererseits gibt es einen Papst mit recht rigiden Ansichten zu Verhütung und Sexualität. Kommt man sich da nicht schizophren vor?
Tillmans: Ich hab ja auch wirklich nichts mit der katholischen Kirche am Hut, überhaupt nicht. Das könnte ich nicht aufrecht verteidigen. Im Gegenteil: Ich finde es sehr wichtig, etwas gegen diesen Papst zu sagen. Ich selber bin westdeutsch-evangelisch groß geworden, das war in den achtziger Jahren sehr eng an der Friedensbewegung und der allgemeinen Emanzipationsbewegung dran. Das ist mir nach wie vor sehr nahe. Mich interessiert aber auch die fernöstliche Gedankenwelt. Nicht, dass ich damit sehr viel zu tun hätte. Aber es ist doch irgendwie bezeichnend, dass ich mich in Japan immer besonders verstanden fühle.
profil: Spüren Sie in Ihrer Arbeit vielleicht so etwas wie dem Gott der kleinen Dinge nach? Der spirituellen Qualität der Eierschale am Frühstückstisch?
Tillmans: Na, jetzt schrillen aber die Alarmglocken! Ich bin sicher nicht in der Position vorzuschreiben, wie meine Bilder rezipiert werden sollen. Da muss schon jeder selber draufkommen. Aber wenn Sie das so sehen wollen, freut mich das natürlich.
profil: Sie vertreten in Interviews und Aufsätzen die Ansicht, dass alles, was wir sehen, tun und fühlen, im Grunde auch politisch sei. Gibt es denn gar nichts, was völlig privat ist, ohne jeden Außenbezug?
Tillmans: Doch, das gibt es sehr wohl. Den Apfelbaum vor meinem Fenster etwa. Der ist ein Beispiel für etwas, das ganz einfach nur da ist. Auf der anderen Seite treffen wir immer wieder auf sehr private, intime Dinge, die ganz hochgradig politisch sind. Ein schwuler Kuss zum Beispiel – das ist doch das Politischste, was es gibt.

Interview: Sebastian Hofer

Wolfgang Tillmans, 37
Für den Berliner „Tagesspiegel“ zählt er bereits „zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Generation“, die „Zeit“ attestierte ihm „Klassikerqualitäten“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erhob ihn gar in den Rang eines „Zauberkünstlers“. Mit gutem Grund: Seit Tillmans im Jahr 2000, als erster Fotograf und erster Nicht-Brite, den wichtigsten Kunstpreis Großbritanniens, den mit 20.000 Pfund dotierten Turner-Preis, gewann, gehört er zu den wichtigsten Playern auf dem globalen Kunstmarkt, dessen Arbeiten für bis zu 60.000 Euro gehandelt werden. Geboren in Remscheid, zog es ihn nach dem Abitur nach Hamburg, wo er zunächst für verschiedene Stadtmagazine, später auch für „Tempo“, „Prinz“ und das Magazin der „Zeit“ fotografierte. Schon 1988, mit 20 Jahren, folgten erste Ausstellungen, von 1990 bis 1992 studierte er am britischen Bournemouth & Pool College of Art & Design. In dieser Zeit erfolgte auch sein Aufstieg zum Protagonisten einer neuen Generation von Pop-Fotografen. Seine Arbeiten für Magazine wie „i-D“, „The Face“ oder „Interview“ setzen neue Paradigmen – sowohl für die Kunst- als auch für die Werbefotografie. In aufwändig choreografierten Fotos, die den Anschein von Schnappschüssen erwecken, porträtierte er die Jugendkultur seiner Zeit, die Techno- und Raveszene, interessierte sich für das Treiben auf der Berliner Loveparade genauso wie für jenes in Kölner Schwulenclubs. Seit einigen Jahren kommen dazu vermehrt abstrakte Arbeiten, die meist ohne Kamera, durch bloße Manipulationen in der Dunkelkammer entstehen. Seit 2003 lehrt Tillmans, der seit Jahren in London lebt, als Professor für Interdisziplinäre Kunst an der Städelschule in Frankfurt. Dieser Tage erscheint im Taschen-Verlag „truth study center“, ein vom Künstler selbst gestaltetes Buch mit ausgewählten Arbeiten der letzten Jahre.

Wolfgang Tillmans: „truth study center“. Taschen, 200 S., EUR 20,60.