Ein Land sieht grün: Iranisches Volk erhebt
sich nach offensichtlichen Wahlfälschungen

Nach der offensichtlichen Wahlfälschung durch Präsident Ahmadinejad kommt es zu einer Volkserhebung. Ein Fernsehjournalist über die „heißen Tage“ in Teheran. Von Gunther Müller

Es ist der 12. Maigenau einen Monat vor den iranischen Präsidentschaftswahlen. Es herrscht Politikverdrossenheit im Land. Niemand, so scheint es, hat das Zeug, die Wiederwahl von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinejad zu gefährden: Der uncharismatische Ex-Premier Mir Hussein Moussavi, der frühere Chef der Revolutionären Garden Mohsen Resai und der geistliche Reformer Mehdi Karroubi liegen in nationalen wie internationalen Meinungsumfragen deutlich hinter Ahmadinejad zurück. Die Wahlbeteiligung droht auf ein Rekordtief zu sinken, eine weitere fünfjährige Amtsperiode Ahmadinejads scheint im Grunde paktiert. Apathie und Frust bestimmen den Alltag.

So schnell kann sich die Realität im Iran ändern. Donnerstag vergangener Woche, sechs Tage nach den Wahlen: Auf den Straßen Teherans und allen anderen Großstädten des Landes herrscht Ausnahmezustand. Etwa hunderttausend Menschen gehen allein in der Hauptstadt auf die Straße, im ganzen Land sind es bis zu zwei Millionen. In Gedenken an die mittlerweile acht Todesopfer, die in den Tagen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben kamen, tragen die Menschen Schwarz.

Binnen weniger Tage hat sich der Protest gegen die vermutete Fälschung bei den Präsidentschaftswahlen, aus denen offiziell Ahmadinejad mit über 60 Prozent der Stimmen als Sieger hervorging, zu einer echten Volksbewegung entwickelt, die nun wie eine Lawine über die Machthaber ­hereinbricht.

Keine Angst mehr vor dem Regime
Sind es in den ersten Tagen nach der Wahl vornehmlich urbane Mittelschichten und die Jugend, die auf die Straße gehen, so hat sich die Bewegung auf alle Schichten der Bevölkerung und alle Altersgruppen im ganzen Land ausgedehnt. Und: Die Menschen haben die Angst vor dem Regime verloren. Mehrere Tote, hunderte Verhaftungen, Androhung der Todesstrafe – die Iraner lassen sich nicht abhalten. Im Gegenteil: Die Zahl der Demonstranten wächst und bekommt immer mehr prominente Unterstützer.

Mir Hussein Moussavi ist gleichsam über Nacht zum Superstar der iranischen Freiheitsbewegung geworden. In den Wochen vor der Wahl trat er gemeinsam mit seiner Frau auf und kritisierte den Wirtschaftskurs und die außenpolitische Linie Ahmadinejads. Seine ­Anhänger trugen als Zeichen der Unterstützung die Farbe Grün auf T-Shirts, Transparenten oder als Gesichtsbemalungen. Je näher der Wahltermin rückte, desto mehr konnte er in den Umfragen aufholen und neue Anhänger auf seine Seite ziehen. Jetzt tritt er mit dem Volk im Rücken gestärkt auf und zeigt sich unnachgiebig in seiner Forderung, das Wahlergebnis zu annullieren. Mächtige Großayatollahs wie auch iranische Sportstars schließen sich mittlerweile der „grünen Welle“ an. „Nieder mit dem Diktator!“, hallt es millionenfach durch Irans Städte.

Wer ist der Diktator?
Dabei ist mittlerweile auch unklar, wen die Iraner mit dem „Diktator“ meinen: Amtsinhaber Ahmadinejad, der seit Ausbruch der Proteste nicht mehr öffentlich aufgetreten ist? Oder wird sogar die Herrschaft von Ayatollah Khamenei, dem obersten Geistlichen, mächtigsten Mann des Iran und bislang unbestrittenen Führer des Landes, infrage gestellt?
Sowohl Ahmadinejad als auch sein Unterstützer Khamenei haben die gewaltige Kraft der Volksrevolte, zu deren Anführer mehr oder minder zufällig Moussavi avancierte, gehörig unterschätzt. Die voreilige Verkündung des Wahlsiegs zeugt von großer Verunsicherung hinter den Kulissen. Mittlerweile tobt ein Machtkampf im Mullah-Staat, den Präsident Ahmadinejad mit der öffentlichen Diffamierung gegnerischer Geistlicher wie Rafsandschani und des traditionell-konservativen Ayatollah Ali-Akbar Nateq Nuri anheizte und damit mächtige politische Player gegen sich aufbrachte.
Bei seinem mit Spannung erwarteten Freitagsgebet vergangene Woche stellte sich Khamenei erwartungsgemäß hinter seinen Wunschpräsidenten Ahmadinejad. Vor zehntausenden Menschen an der Teheraner ­Universität sagte er: „Lasst euch durch eure politische Begeisterung nicht vom Weg ­Gottes abbringen.“ Bei den Wahlen habe es einen „klaren Sieg“ des Amtsinhabers ge­geben.

Khamenei setzt viel aufs Spiel
Das ist ein gefährlicher Schachzug, mit dem Khamenei nun auch das Volk gegen sich aufbringen könnte, weiter an Legitimität einbüßen wird und letztlich sogar den Erhalt der iranischen Theokratie aufs Spiel setzt.
Bis Redaktionsschluss blieb unklar, wie sich die dramatischen Ereignisse im Iran weiterentwickeln werden. Ein Fernsehjournalist aus Teheran führte Tagebuch über die „heißen Tage“ der vergangenen Woche. Trotz der regelmäßig gekappten Internetleitungen ließ er das Tagebuch profil zukommen, womit er Job und Freiheit aufs Spiel setzte.