Ein grasessendes Marionettenvolk auf atomwaffenbestückter Bühne?

Das Klischee ist so falsch, wie das Land skurril und bedrohlich ist. profil bereiste Nordkorea am Höhepunkt der Raketenkrise – und fand Menschen aus Fleisch und Blut.

An der gefährlichsten Grenze der Welt steht ein hellblaues Fertigteilhäuschen, einstöckig, etwa sieben mal 25 Meter groß. Rechts und links der schmalen Eingangstür sehen wir zwei Soldaten in platt gebügelten grünen Uniformen mit übergroßer Tellerkappe auf dem Kopf. Kommunistischer Militärschick der fünfziger Jahre, wie er zuletzt am Brandenburger Tor oder am Roten Platz gesichtet wurde. Die beiden Herren bewachen mit ernstem Blick eine unscheinbare weiße Linie. Sie verläuft quer vor dem Häuschen und dann nochmals ein paar hundert Kilometer in beide Richtungen.
Die Inszenierung verleitet dazu, eine der grimmigsten Militärmächte der Welt auf ihre Einsatzbereitschaft zu prüfen: Schnell eine Zehenspitze auf die andere Seite der Linie gestellt – werden die beiden Soldaten den unberechenbaren Besucher aus dem kapitalistischen Westen niederschießen? Eine unwirsche Handbewegung, ein Satz in halbgrantigem Befehlston. Noch mal Glück gehabt, die Handfeuerwaffe bleibt im Halfter.
Eine überaus attraktive junge Frau mit heller Bluse und schwarzer Seidenhose beobachtet die Szene. „Nice pictures. Show me more!“, sagt sie mit einem anerkennenden Blick auf die Digitalkamera des Besuchers, auf den Lippen die Andeutung eines ironischen Lächelns. Vermutlich eine südkoreanische Touristin, obwohl ja gerade die südlichen Verwandten von hier fern gehalten werden. Wir werden die Dame wieder treffen.
In dem hellblauen Gebäude stehen vor einer verschlossenen Tür, die man zur anderen Seite öffnen kann, zwei weitere gut gebügelte Burschen. Dazwischen, quer über einen langen Tisch und durch die Mitte des Raums, zieht sich der 38. Breitengrad. Er trennt den kommunistischen Norden Koreas vom marktwirtschaftlichen Süden, seit hier im Dörfchen Panmunjom am 27. Juli 1953 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde. In ein paar Minuten wird der Raum evakuiert werden, die vordere Tür geschlossen und die hintere aufgesperrt. Dann strömt eine Abordnung schwarz-weiß gekleideter Schülerinnen vom Süden her in das Zimmer, ebenfalls bewacht von ernst dreinblickenden Soldaten, die freilich statt kommunistischer Kalter-Krieg-Klamotten Kostüme aus dem Fundus der Amerikaner tragen: Stahlhelme, Schnürstiefel, Kampfanzüge.
Es ist Mitte Juni. Auf der koreanischen Halbinsel herrscht Hochspannung. Das Regime in Pjöngjang hat für dieses Wochenende den Test seiner Langstreckenrakete Taepondong 2 angekündigt. „Das Wetter dafür ist günstig“, heißt es aus dem Pentagon in Washington. Nach Angaben der Amerikaner kann die Rakete 15.000 Kilometer weit fliegen und so ganz Europa und den westlichen Teil der Vereinigten Staaten erreichen. Dorthin würde sie keine Liebesgrüße tragen: Nordkorea besitzt Atomwaffen, „bis zu 13 Stück“, hat das Institute for Science and International Security auf Basis der geschätzten Plutonium-Vorräte vergangene Woche errechnet. Bisher fehlte es allerdings an einem adäquaten Transportvehikel. Das soll Taepondong 2 nun ändern.
Ausgerechnet am Höhepunkt dieser Krise zwischen der unberechenbaren Atommacht und dem Rest der Welt bereist eine Hand voll Österreicher jene Weltgegend, die für neugierige Ausländer abgeschottet ist wie keine andere in diesen Zeiten, fährt in jenes Land, in dem die Menschen Marionetten sein sollen, willenlos und geführt vom Apparat des Kim Jong Il, eines allmächtigen wie zutiefst lächerlichen Diktators.
Schon die Anreise nach Nordkorea gestaltet sich außergewöhnlich. Zwischen Peking und Pjöngjang besteht eine Zugverbindung, die aber kaum von westlichen Ausländern genutzt wird, sondern von Chinesen, die Import-Export-Geschäften der undurchsichtigen Art nachgehen.
Es ist der 18. Juni. Die letzte Nachricht, bevor die Waggons von der
chinesischen Industriestadt Dandong über die „Sino-Koreanische Freundschaftsbrücke“ nach Sinuiju hinübergeschoben werden, erscheint am Display eines Blackberrys. Sie kommt von einer „Spiegel online“-Seite und lautet: „Japaner bereiten sich auf Angriff der Nordkoreaner vor.“

Abschottung. Die erste Nachricht auf der anderen Seite des Flusses kommt von einem Grenzoffizier, der angesichts der ungewöhnlichen Passagiere unbeholfen wirkt. „Zu Ihrem eigenen Schutz“, entschuldigt sich der Offizier. Ein Satz, der in diesem Land bei jeder Gelegenheit verwendet wird. Er sammelt Handys und Blackberrys ein, versiegelt sie einzeln in braunen Packpapiersäckchen und verteilt sie dann wieder. Niemand wird die Versiegelung jemals kontrollieren. Die Abschottung vor Nachrichten aus dem Ausland ist jetzt jedenfalls perfekt, dem Klischee wird brav entsprochen. Wenn der Atomkrieg ausbricht, werden wir es erst an den Folgen der Verstrahlung merken.
Derweil patrouillieren am Bahnsteig Soldatinnen in höchst unterschiedlichen Uniformen, als sei der Perron des Bahnhofs Sinuiju ein Laufsteg; sie drehen verspielt Pirouetten, werden von einer Vorgesetzten in Reih und Glied vergattert und dann wieder zerstreut. Wer gerade nichts zu tun hat, liest laut aus einem Büchlein, lernt die Texte auswendig. Auch hier scheint das Bild vom strengen Nordkorea in Ordnung: Zucht und Drill nach dem im Westen kolportierten Muster. Doch plötzlich langt ein junger Soldat einer Soldatin an den knackigen Hintern. Diese weiß sich zu wehren, schimpft und rempelt den Knaben ganz unmilitärisch. Zwischenmenschliche Vorfälle außerhalb des Drehbuchs im Land des absoluten Gehorsams, und das ausgerechnet an der Grenze, wo ein gehöriges Maß Theaterspiel für die Einreisenden zu erwarten ist?
Der Anlass für diese Reise ist nur ein Vorwand. Der italienische Fotograf und Journalist Luca Faccio stellt in Pjöngjang 28 Bilder aus, die er auf mehreren Fahrten durch die Demokratische Volksrepublik Korea gemacht hat. Hinzu kommen 28 Fotos von zwei nordkoreanischen Studenten, gefertigt in Wien. In Wahrheit aber wollen wir abseits von eng gehaltenen Touristengruppen und an kurzer Leine geführten offiziellen Delegationen einen verstohlenen Blick hinter die Kulissen des asiatischen Stalin-Schauspiels machen.
Schon alleine die Idee einer Fotoausstellung eines westlichen Journalisten in Pjöngjang klingt nach einem Scherz. Herrscht doch an jenem Ort nach landläufiger Meinung eine Art Bilderverbot, das Ausnahmen nur bei der Millionenauflage der Darstellungen von Präsident Kim Il Sung und seines Söhnleins „Leader“ Kim Jong Il erlaubt sowie beim kontrollierten Ablichten der Verherrlichungsstätten, die sich die beiden alle paar Meter in die Landschaft betoniert haben.
Doch Fotograf Faccio hat andere Erfahrungen gemacht: „Ich frage, und dann fotografiere ich die Menschen. Es gibt nie Probleme.“ Tatsächlich gibt es noch viel weniger Probleme, als er sagt. Denn der rastlose Italiener fotografiert meist zuerst, und dann fragt er. Er macht Bilder von Männern, Frauen, Kindern, Soldaten, auch mal von Tabuzonen wie U-Bahn-Zügen und Bahnhöfen. „Allzu heftiges Knipsen oder Filmen kann durchaus mit einer Konfiskation von Kamera oder Filmen enden“, schreibt das German Travel Network in seiner „Länderinformation Nordkorea“. Würde das stimmen, dann hätte dieser Fotograf keine seiner vier Kameras mehr und wohl auch kein Visum.
Der Tabubruch der Ausstellung liegt anderswo. Sie zeigt Bilder von Individuen, und das widerspricht der Ideologie Nordkoreas, wie sie Kim Il Sung dem Land in seiner „Juche“ titulierten Philosophie zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts aufgezwungen hat. Demnach ist „Geschichte der Prozess der Massen, die nach ihrer Position suchen. Die Massen müssen die Herren über die Gesellschaft sein, frei von Ausbeutung und Unterdrückung.“ Faccio: „Natürlich ist das ein gewaltiger Schritt, wenn ich hier zeigen kann, dass dieses Land auch aus einzelnen Menschen besteht.“

Massenwahn. Entsprechend diesem Aufprallen einer radikalen Massenideologie auf die Bilder von Einzelnen gerät dann auch die Eröffnung der Ausstellung. Das „Komitee für die kulturelle Verbindung zum Ausland“ hat rund 200 Massenbürger in militärischer Formation als Besucher antreten lassen. Die Gäste aus Österreich nebst dem deutschen und dem britischen Botschafter bekommen die Plätze in der vordersten Reihe zugewiesen. Die erste Reihe bemüht sich vergeblich um regelmäßige Abstände in einer geraden Linie. Frau Hong Son Ok, „Vizepräsidentin des Komitees für die kulturelle Verbindung zum Ausland und Abgeordnete der höchsten Versammlung“, eröffnet die Ausstellung dennoch.
Frau Vizepräsidentin Hong kann selbst sehr ordentlich Individuum abseits des Volkskörpers spielen. Am Abend lädt sie zu einem intimen Essen in einem Hotel. Während sie sich mit Bier, Reisschnaps und italienischem Vermouth betrinkt, doziert sie über den „42. Jahrestag des Arbeitsbeginns von Führer Kim Jong Il im Zentralkomitee“, der gerade begangen wird. Sie scherzt über die Österreichisch-Koreanische Freundschaftsgesellschaft und weiß sehr genau, dass Bundespräsident Heinz Fischer einst deren Vizepräsident gewesen ist. Schließlich erklärt sie die Aufgabe des Journalismus: „Journalisten müssen unparteiische Freunde Koreas sein, die sich nicht mit den Feinden verbünden.“ Auf eine Diskussion über die Medien in Nordkorea lässt sich Frau Hong nicht ein, wohl auch wegen ihres inzwischen beachtlichen Alkoholpegels.
Vor dem Hotel steht die Dame, die wir am 38. Breitengrad kennen gelernt haben. Sie spricht diskret mit einem schwarz gekleideten Herrn, bemerkt uns, aber grüßt nicht. Drei Tage später sehen wir sie wieder. Dieses Mal sitzt sie mit einer Gruppe von Nordkoreanern in einem Besprechungsraum, der sich zufällig in Hörweite der Hotelzimmer der Österreicher befindet.
Die Massen gegen das Individuum. Zu welchen Deformationen und zu welchen Verbrechen hat dieser monströse ideologische Anspruch geführt? Über die Verbrechen ist nicht viel mehr bekannt als über die Frage, ob Kim Jong Il sein Land selbst regiert oder ob er sich in Wahrheit in Geiselhaft seiner Kader befindet. „Natürlich existieren Gulags, in denen die Menschen wie Tiere leben und krepieren.“ Das gibt ein Diplomat in Peking gegenüber profil zu Protokoll. Aber auch seine Informationen beruhen nur auf Gerüchten und auf Informationen von geflüchteten Nordkoreanern. Die amerikanische Organisation „Komitee für Menschenrechte in Nordkorea“ berichtet von einer „staatsfeindlichen Stimmung, die Diktator Kim Jong Il nur noch mit KZ-Methoden unterdrücken kann“. Angeblich befinden sich 200.000 Menschen in Lagern.
Aber was ist von diesen Informationen zu halten, wenn vor Ort niemand etwas von „staatsfeindlicher Stimmung“ bemerken kann und wenn aus ähnlicher Quelle die absurde Behauptung stammt, dass in der Demokratischen Volksrepublik „der Mensch acht Stunden arbeitet, acht Stunden die Schriften Kim Il Sungs studiert und acht Stunden schläft“?

Menschenrechte. Wen fragen? Pak Jin Yong ist ein Spitzendiplomat im Außenministerium von Pjöngjang. „Wie steht es um die Menschenrechte in Nordkorea? Die Berichte im Westen sind ja nicht freundlich.“ Pak antwortet ausweichend: „Im Westen wird Nordkorea sehr kritisiert. Wir betrachten das als Einmischung in innere Angelegenheiten. Wir haben die Volksmassen ins Zentrum gestellt. Die Bevölkerung hat den Sozialismus selbst gewählt. Eine Einmischung wäre eine Negierung dieses Volkswillens.“
Also wieder die Volksmassen. Über diese ist mehr herauszubekommen als über die Verhältnisse in Gefangenenlagern. Die Nordkoreaner treten nur gelegentlich als Massen auf, etwa wenn sie auf den Plätzen der Hauptstadt mit Fahnen und Fächern für das Arirang-Festival üben. Sobald sie sich zerstreuen, werden sie schnell zu Menschen aus Fleisch und Blut. Da gibt es die Verkäuferinnen im „Kaufhaus Nummer eins“, die mehr lächeln als jede österreichische Handelskraft. Da ist der Maler Son U Yong, der sich wohl heimlich freut, nicht mehr sozialistischen Realismus mit dem unmenschlichen Antlitz der beiden Kims pinseln zu müssen. Da ist Herr Cho Won Chol, der in seinen Studios US-amerikanische Zeichentrickfilme produziert. Da ist die junge Beamtin Jong Un A, die auf ihren Reisen in die Schweiz und nach Belgien auch bemerkt haben dürfte, dass die Welt nicht nur nach den Rezepten der beiden Kims kocht.
Nordkoreaner flirten öffentlich bei einem Glas Taedonggang-Bier. Sie küssen sich leidenschaftlich in Grünanlagen. Studenten, die aussehen wie Horst Buchholz in Billy Wilders „One, Two, Three“, suchen den Kontakt zum österreichischen Klassenfeind.
Und Nordkoreaner spielen an einem der verrücktesten Orte der Welt Billard mit unrunden Kugeln und Pingpong mit einem geborstenen Ball: Auf halbem Weg zwischen Pjöngjang und der Grenze zum Süden spannt sich eine Raststation über die Autobahn. Sie steht da wie eine italienische Autogrill-Station nach der Neutronenbombe. Unter dem weißen Betongebäude verlaufen zweimal vier Straßenspuren. Alle halben Stunden rast ein schwarzer Mercedes durch, oder es schleppt sich ein mit Holzgas betriebener Lastwagen vorbei. Drinnen servieren vier aufreizende Mädchen Kaffee, Bier und Kekse an die Pool- und Pingpong-Tische, wollen fotografieren und fotografiert werden, erkundigen sich nach Österreich. Vielleicht halten sie uns für die letzten überlebenden Männer im nuklearen Winter. Unten am Parkplatz steht die schlanke Koreanerin vor ihrem Mercedes und blickt zu uns hinauf.

An der gefährlichsten Grenze der Welt sind seit einer Stunde die dumpfen Explosionen von Artillerie-Munition zu hören. Major Paek Myong Chol erklärt uns, dass es sich um „das Platzen von Autoreifen“ handelt. Dann muss der Grenzoffizier selber lachen.

Von Christian Rainer, Pjöngjang