Ein Monument des britischen Pop

Neues aus der Klangtraumfabrik: Paul Weller, eine der einflussreichsten Institutionen der britischen Popszene, ist pünktlich zu seinem 50. Geburtstag an einem kreativen Zenit angekommen.

Westlich von London liegt ein Pendlerstädtchen namens Woking. Alle einfahrenden Autos werden zwangsläufig in das mehrstöckige Parkhaus eines Einkaufszentrums eingewiesen, welches das Stadtzentrum nicht bloß dominiert, sondern regelrecht ersetzt. Wer sich einmal durch die anonymen Kettenläden ins Freie gekämpft hat, erblickt direkt am vierspurigen Victoria Way die unerfreuliche Architektur des Gemeindeverwaltungsgebäudes. Dieses geschlossene Sys­tem einer vom Honigtopf London durch den so genannten Stockbroker Belt getrennten ewigen Vorstadt ist die spirituelle Heimat des britischen Pop der letzten 30 Jahre. Denn gleich nebenan, an der Stanley Road, in einer Gemeindebausiedlung ohne Klo und Warmwasser, wuchs ein gewisser Paul Weller als Sohn einer Putzfrau und eines boxenden Bauarbeiters auf.

Wellers Musik, ob als Chef der wegweisenden Mod-Punk-Truppe The Jam, als Leiter des Style Council oder in der späteren Solokarriere, war immer schon den entscheidenden Deut zu britisch, um ihr am europäischen Kontinent oder jenseits des Atlantik mehr als Kultstatus einzubringen. Im Mutterland des Pop dagegen ist Weller, der vergangene Woche mit der Veröffentlichung seines bis dato abenteuerlichsten und ambitioniertesten Albums (siehe Kritikkasten) seinen Fünfziger feierte, seit bereits vier Generationen eine prägende Figur. Vom epidemischen Mod-Revival der späten Siebziger über die schicke Soul- und New-Jazz-Szene der Achtziger und den Britpop der Neunziger bis zu jüngeren Bands wie den Libertines klingt Wellers enormer Einfluss nicht zuletzt in den mannigfaltigen Stil-Universen durch, die der begnadete Pop-Didakt sich und seinem willigen Publikum erschlossen hat.

Modfather. Wellers Laufbahn als der alleinige Autor des neuen Testaments der Mod-Bewegung begann schon Anfang der Siebziger, als der Teenager eine anachronistische Obsession für das eben erst veraltete Frühwerk von den Small Faces, The Who, den Beatles und den Kinks entwickelte. Mit dem Eifer des Historikers erforschte er die in den mittleren Sechzigern ausgestorbene Subkultur der Mods, deren Kleidung und musikalische Wurzeln im afroamerikanischen Soul und Rhythm and Blues. Als Wellers Trio The Jam 1977 in die Londoner Punk-Szene eindrang, zeigten sich nicht alle von seiner rauen Verarbeitung dieser Einflüsse begeistert. „The Jam waren eine Parodistentruppe in schlechten Anzügen und lächerlichen Schuhen“, ätzt Jon Savage, damals Fan­zine-Autor und Szene-Ideologe, heute der eminente Chronist der Punk-Ära, im Gespräch mit profil: „Im Punk ging es darum, etwas Neues zu machen, und The Jam spielten die Nachrichten von gestern.“ So leidenschaftlich die Musikpresse die dahergelaufene Band aus der Vorstadt veräppelte, so beharrlich dominierten The Jam bis zu ihrer Auflösung 1982 die jährlichen Leser-Ranglisten derselben Magazine. Nicht zuletzt dank Wellers Vorbild entwickelte sich das Mod-Revival zu einem dem modischen Mainstream der Achtziger gegenläufigen Massenphänomen, dessen ästhetisches Vokabular in den Neun­zigern von Britpop-Bands wie Blur und ­Oasis neu aufgegriffen werden sollte.

Ironischerweise spielt heute mit den Sex Pistols eine einst revolutionäre Punk-Band auf tristen Wiedervereinigungstourneen immer noch ihr erstes Album rauf und runter, während Weller seinen einstigen Bandkollegen Bruce Foxton und Rick Buckler, die unter dem Namen From The Jam als ihre eigene Tribute-Band tingeln, die kalte Schulter zeigt. Dabei ist Wellers Jugendwerk mit seinen Beobachtungen des proletarischen Alltags der „Saturday Kids“, der urbanen Isolation von „That’s Entertainment!“ oder dem Aufsteiger-Porträt „Mr. Clean“ weit besser gealtert als der Plakativ-Nihilismus der Pis­tols oder die Revoluzzer-Posen der Clash.

„Paul wusste, wie es war, ich zu sein. Ich hatte einen Kumpel fürs Leben gefunden, und es machte mir keine Sekunde was aus, dass er auf einem schwarzen Stück Vinyl lebte“, schreibt David Lines in seinem vor zwei Jahren erschienenen Bestseller „The Modfather“ – Autobiografie eines Weller-Fans, die bei ihren makellos gekleideten Lesern auch außerhalb der britischen Inseln so manchen wissenden Seufzer der Wiedererkennung auslöste. „Der hat einfach aufgeschrieben, was wir alle durchgemacht haben“, meint etwa Michael „Stootsie“ Steinitz, der Sänger und Gitarrist der anglophilen österreichischen Popband The Seesaw, der den Meister 1982 für sich entdeckte. Zu jenem Zeitpunkt zog Weller gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen radikalen Schlussstrich unter The Jam und begab sich mit seiner neuen Band The Style Council auf eine gewagte Erkundungsreise in Richtung Funk, Soul, ­Jazz, Latin; dabei kreierte er sozialistischen Agit-Pop samt Wahlwerbung für die Labour Party, machte Benefizplatten für streikende Minenarbeiter und prägte radiofreundlich vorgebrachte Umsturzparolen wie „Shout to the Top!“ oder „Walls Come Tumbling Down“. Allerdings befremdete der feminine, frankophile Dandyismus jener verspielten Periode viele Jam-Fans. Treue Jünger wie Stootsie folgten den vielen Haarschnittwechseln und Kleidungsvorgaben des pfauenhaften Weller dagegen „bis zur Selbstaufgabe“, wie er sich heute erinnert.

Vorwärts! Das Paradoxon der Weller’schen Existenz ergründet sich in einer eigenwilligen Auslegung des Modernismus-Begriffs, den der Musiker als „Mod“-Kürzel zu einem Lebensprinzip erkoren hat, das seine Nostalgie für die versunkene Welt der britischen Working Class mit dem obersten Gebot eines „Forward, forward“ zur Erweiterung des popgeschichtlichen Horizonts vereint. Als The Style Council 1989 mit einem Album namens „Mo­dernism: A New Decade“ auch noch die ­House Music ins Mod-Universum zu integrieren versuchten, drehte die Plattenfirma Polydor den Hahn zu. Vom Tiefpunkt seiner Karriere rappelte sich Weller wieder hoch, mischte auf seinem schlicht „Paul Weller“ genannten Solo-Debüt 1992 die ungestüme Spielfreude seiner Live-Band mit kecken Samples, entdeckte auf „Wild Wood“ 1993 den ruralen Folk und die Freude am Gitarrensolo, zelebrierte auf „Stanley Road“ 1995 seine Kindheit und verstieg sich mit „Heavy Soul“ 1997 in die Sackgasse des selbstgefälligen Lederjacken-Rock. Obwohl all seine Solo-Alben die vordersten Plätze der britischen Charts eroberten, erkannte Weller beim Erwachen aus dem Kokaintaumel seiner wiedergewonnenen Anerkennung dringenden Erneuerungsbedarf. Seine letzten drei Werke „Heliocentric“, „Illumination“, „As Is Now“ und das Covers-Album „Studio 150“ enthielten zwar Momente der Brillanz, aber es schien so, als wüsste Weller nicht mehr wirklich, in welcher Richtung sein „Vorwärts“ noch lag.

Mit 50 scheint er nun aber eine neue Entspanntheit erreicht zu haben, die dem Musiker einen ungezwungenen Zug zum Experiment erlaubt. Und solange er weiterhin die angebotenen hohen Orden der britischen Königin ablehnt – weil er sich bei der Verleihung nicht mit dem „Kriegsverbrecher“ Tony Blair fotografieren lassen wollte –, gehört Weller ohnehin noch immer nicht wirklich zum Establishment.

Von Robert Rotifer