„Ein Scheißhaufen auf einem Bild reicht nicht“

Interview. Malerstar Georg Baselitz über Kunst als Aktie, Kulturtourismus in der Ex-DDR, Hitler als Witzblattfigur und die Notwendigkeit, sich als Künstler ständig neu zu erfinden.

profil: Deutsche Kunst wird am Markt derzeit sehr geschätzt. Eines Ihrer Bilder wurde im Vorjahr um 1,8 Millionen Euro versteigert. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie davon erfuhren?
Baselitz: Ich bin ja nicht mehr so jung, um allzu sehr überrascht zu sein. Es trifft mich nicht von hinten. Natürlich freue ich mich sehr, weil das ja nicht nur eine Bestätigung flüchtiger Art ist, sondern eine noch bessere: über den Preis. Das ist verbunden mit Risiko – die Arbeiten müssen ihr Versprechen halten. Der Markt ist sehr empfindlich. Ich habe in meiner Zeit schon mehrere Einbrüche des Kunstmarkts erlebt, wo plötzlich die Aktie Kunst fiel. Es gibt keine Sicherheit.
profil: Kann man aus der derzeitigen Situation am Kunstmarkt schließen, dass Kunst einen wichtigeren Stellenwert innerhalb der Gesellschaft bekommt?
Baselitz: Das muss man unbedingt so sehen. Es ist aber leider nicht so, dass die ganze Kunst betroffen ist, nur die bildende Kunst. Die ist halt unabhängig geblieben. Wenn man die Subventionswirtschaft des Theaters oder der Literatur betrachtet, sieht man, dass auf diesem Gebiet kein Markt entstehen kann. In der Bildergeschichte ist es ganz anders. Da muss man als Künstler ständig etwas Neues erfinden, permanent geradezu umstürzlerisch tätig sein.
profil: Sie selbst haben 2005 damit begonnen, auf ältere Werke aus Ihrer Werkstatt zurückzugreifen und neue Varianten davon herzustellen …
Baselitz: Ich habe früher unentwegt, von großer Unruhe getrieben, Neues gemacht. Ich hätte dabei bleiben können, damals habe ich ja gute Bilder gemalt. Nichtsdestotrotz habe ich diesen Weg verlassen. Ich habe meine Art zu denken durch Schauen weiterentwickelt: Welche Wege gehen die anderen, welche Konkurrenz, welche Richtungen gibt es? Es gibt immer nur Einzelwerke: Bei Giacometti, Picasso, Munch, Schiele und anderen findet man kaum Parallelen – bis auf die Lebensdaten. Formal und ästhetisch gibt es aber gewaltige Unterschiede. Es gibt keinen allgemeinen Strom, in den man hineinspringen kann. Früher habe ich mich selbst immer als Außenseiter bezeichnet. Aber dieser Kreis ist sehr groß. Ich habe einsehen müssen, dass ich keine Feinde habe in Künstlern, die anders arbeiten als ich, sondern dass diese ihre Kunst auch zu meinem Vergnügen machen. Da bin ich auch nur Betrachter, Publikum. In diesem Sinne blicke ich als älterer Künstler auf meine eigene Arbeit zurück, auf fünfzig Jahre. Die zurückliegenden Sachen verfallen der Zeit, bekommen Patina. Ich wollte wissen, ob es möglich ist, sie wieder aufzunehmen, sie zu beschleunigen – wie bei geremixter Musik. Vielleicht ist das ein frivoler Gedanke, aber es funktioniert fantastisch. In der Albertina war gerade die Picasso-Ausstellung zu sehen: Auch bei ihm wurden viele Motive remixed – aus den zwanziger, aus den dreißiger Jahren. Man sagt immer, bei Picasso sei das nicht so bewusst geschehen, mehr psychologisch bedingt gewesen – durch eine Altersgeilheit, eine Lebensangst, eine Todesfurcht, die ihn überfallen hätte. Ich selbst remixe jedenfalls ganz bewusst.
profil: Die von Ihnen erwähnte Ausstellung zeigte unter anderem, wie Picasso in seiner Malerei immer schneller wurde. Ihre jüngsten Arbeiten sind ebenfalls in merklich kürzerer Zeit entstanden.
Baselitz: Das Modell habe ich ja in der Hand – meine eigenen Werke, mich selbst. Daher geht alles sehr schnell. Ich kann Zeitsprünge machen, an einem Tag ein Bild malen von 1965 und eines von 1980. Mein ganzes Leben liegt wie ein gefüllter Katalog vor mir.
profil: Die Albertina erhielt kürzlich sieben Ihrer Gemälde und 58 Aquarelle aus der Sammlung Rheingold als Dauerleihgabe, die ab dieser Woche in einer groß angelegten Personale zu sehen sein werden. Wie ist der Deal zustande gekommen?
Baselitz: Ich habe davon erst erfahren, als er fast abgeschlossen war. Ich wurde überrascht. Mein Händler, Thaddaeus Ropac, sagte mir, es gäbe ein gemeinsames Interesse an meinen Arbeiten – ich fand das natürlich großartig. Ich hatte nie zuvor etwas über die Sammlung Rheingold gehört.
profil: Sie kannten sie gar nicht?
Baselitz: Ich bin über Sammlungen nicht so informiert. Ich verkaufe ja über Galerien. Und ich bin natürlich am glücklichsten, wenn die Arbeiten im Museum unterkommen. Das ist mein Ziel. Es wurde vereinbart, dass die Arbeiten als unbefristete Dauerleihgabe, mindestens jedoch 16 Jahre, in der Albertina verbleiben werden.
Die derzeitigen Preise für zeitgenössische Kunst können ja von den Museen nicht mehr aufgebracht werden.
profil: Welche Gemälde befinden sich unter den Dauerleihgaben?
Baselitz: Ausschließlich solche, die in der Ausstellung zu sehen sind. Was die Zeichnungen betrifft, war ich immer der Meinung, dass diese gemeinsam als Konvolut in einem Museum sein sollten; Albertina-Direktor Schröder sah das ebenso. Es gibt bereits einen recht umfangreichen Bestand von 42 meiner Arbeiten in der Albertina.
profil: Haben Sie bei der Auswahl der Gemälde mitentschieden?
Baselitz: Nein. Mein Einfluss und mein Interesse gehen nicht so weit, dass ich bestimme, was in Sammlungen kommt.
profil: In anderen renommierten Häusern hängen Werke von Ihnen, Sie sind in internationalen Museen vertreten. Dennoch behaupten Sie gerne von sich, dass Sie nichts anderes als „Oberlausitzer Volkskunst“ machten – in Anspielung auf Ihre sächsische Herkunft. Ist da Koketterie im Spiel?
Baselitz: Mag sein. Aber es ist schon auch ernst gemeint. Diese so genannte Internationalität in der Kunst, die zeigt sich in Äußerlichkeiten, nicht im Inhalt. Ich mache etwas – und das ist sicher das Interessante an meiner Arbeit –, das man so nicht erwartet, das man für unmöglich hielt und hält. Eine Arbeit ohne nationalen Ursprung kann ich mir nicht vorstellen, und wenn man diesen noch mehr einengt, ist das eigentlich nur von Vorteil. Ich bin ein Bewunderer und großer Freund französischer, italienischer, amerikanischer und österreichischer Kunst. Aber als Macher bin ich ganz etwas anderes.
profil: Dass Sie, wie viele Ihrer gleichaltrigen Kollegen, stets über das Etikett des „deutschen Künstlers“ begriffen wurden, hat Sie nie sonderlich gestört?
Baselitz: Nein. Ich bin in den fünfziger Jahren mit amerikanischer Kunst konfrontiert worden, mit deren Dominanz, die bis heute anhält. Daneben finde ich interessant, dass es deutsche Kunst gibt, die auch in Amerika Freunde gefunden hat. Gerade diese Verwurzelung in der Herkunft ist das Interessante. Es geht ja nicht um Konformität, sondern um Unvorstellbares und, vor allem, um große Unterschiede. Man will ja ungleich sein.
profil: Sie haben einmal gesagt, dass „große Stoffe das Schlechteste für ein gutes Bild“ seien. Warum?
Baselitz: Es gibt den Irrtum, dass man in der Kunst nur Wichtiges machen kann, wenn man dafür einen großen Stoff, eine wirklich herzzerreißende Geschichte, ein großes Gräuel, einen großer Krieg heranzieht; das ist der größte Irrtum des Theaters. Ich glaube mehr an die Äpfel von Cézanne. Große Themen finde ich schaurig.
profil: Sie beschäftigen sich aber auch in Ihren Bildern immer wieder mit gewichtigen Themen, etwa Hitler oder dem Nachkriegsdeutschland.
Baselitz: Diese Stoffe entsprechen ja Neurosen, das sind ja Belastungen! Ich war zwei Jahre lang, bis zu meinem 20. Lebensjahr, Student in Ostdeutschland. Da hatte ich keinen Picasso gesehen, keinen Kirchner, überhaupt keine Kultur, sondern das blanke Elend. Das ist kein großer, sondern biografischer Stoff. Meine Frau und ich reden jeden Abend über den Krieg, über die Nazizeit, das ist unser Thema. Das kann man nicht vergessen, nicht verlieren.
profil: In Deutschland wird gegenwärtig über die Kinofarce „Mein Führer“ von Regisseur Dani Levy heftig debattiert. Darf Hitler zur Witzfigur werden?
Baselitz: Ich habe den Film nicht gesehen. Wenn die Witzfigur aber in der Lage ist, den Mann dahinter auszulöschen, finde ich das sehr gut. Der Großteil der abgebildeten Köpfe in einem Lexikon sind schlimme Typen, böse Menschen, wenn nicht gar Verbrecher. Dazu gehört auch dieser Adolf. Es gibt so viele Ansichten über diese Zeit, im Grunde genommen sind dies aber müßige Beschäftigungen, Wichtigtuereien. Ich habe den Mann ja nie kennen gelernt, nur die Folgen. Die Bewegung ging nicht von einem Einzelnen aus, sondern von einer Zeit und einem Land mitten in Europa. Diese Unruhe, diese Gewalttätigkeit ergriff die ganze Welt. Damals gab es noch nicht diese Art von Weltpolizeimacht, von der heute gesagt wird, dass sie von Amerika angeführt wird. Diese vermag ein Land zu befrieden – nun gut, zunächst mal zu überfallen. Lösungen für Konflikte gibt es heute noch immer nicht. Wenn aber, um auf „Mein Führer“ zurückzukommen, dieser ähnlich gut ist wie Monty Pythons „Leben des Brian“, kann man von Glück sprechen.
profil: Sie haben 1963 mit Ihrer Kunst selbst einen Skandal ausgelöst, als zwei Ihrer Bilder beschlagnahmt wurden – auf einem davon ist eine onanierende Figur zu sehen. Heute sprechen Leute in Fernsehtalkshows über ihre erotischen Praktiken. Erweist sich die Befreiung der Sexualität als Bumerang?
Baselitz: Soweit es die Kunst betrifft, gibt es immer wieder Schocks. Das finde ich ganz wichtig. Gewöhnlich stehen sie am Anfang einer Künstlerbiografie: Das gab es bei Damian Hirst, bei Andy Warhol, bei Maurizio Cattelan.
profil: Die Erregungsschwelle liegt inzwischen höher?
Baselitz: Das vermutet man immer, aber dem ist nicht so. Die Romanliteratur des 19. Jahrhunderts war voll mit solchen Dingen. Da wurde ausgezogen, angezogen, dieses Spiel hatte und hat kein Ende. Wenn man aber provozieren möchte, da muss man sich wirklich etwas einfallen lassen. Thomas Bernhard hat etwa aus seiner nächsten Umgebung Stoff bezogen – mit „Holzfällen“ hat er ein wirklich anrührendes Buch, eine anrührende Beschimpfung geschrieben. Daraus wurde ein Skandal, weil die Personen in dem Buch mit realen verglichen wurden. Das ist doch etwas! Aber das gelingt nur mit einer neuen Sprache, einer neuen Ästhetik. Ein Scheißhaufen auf einem Bild reicht nicht.
profil: Künstler wissen diese Mechanismen häufig auch zu nutzen ...
Baselitz: Natürlich, das ist ja auch ein Abenteuer. Die Harmonie erreicht man erst später. Das erste Auftreten ist ein Schock. Dem verfallen manchmal Maler, manchmal nur einzelne Bilder. Aber nötig ist er.
profil: Seit geraumer Zeit ist die Einrichtung eines Baselitz-Museums in Kamenz, in der Nähe Ihrer Heimatstadt Deutschbaselitz, geplant. Wie lautet der Stand der Dinge?
Baselitz: Diese Stadt hat, wie alle Städte in der ehemaligen DDR, große Probleme. Die Bevölkerung schmilzt dahin, die Industrie ist am Boden. Und jetzt dachte man sich dort: Wir haben doch einen Künstler, der aus unserer Gegend kommt, wir haben leer stehende Gebäude, etwa ein ehemaliges Krankenhaus. So kam man auf die Idee, ein Museum zu planen. Ich bin allerdings sehr skeptisch: Man möchte den Tourismus ankurbeln mit mir – aber bin ich überhaupt tragfähig? Lockt mein Name, meine Arbeit – bis nach Kamenz? Inzwischen bin ich hoffnungsvoller: Es gibt andere Museen, auf der winzigen Insel Hombroich etwa, die weitab von Städten ein großes Publikum anziehen. Ich hätte mir auch nie gedacht, dass sich je ein Tourist nach Dresden verirrt. Aber die Stadt ist jetzt gut besucht – wegen Kunst!
profil: Ist bekannt, was genau in Kamenz zu sehen sein wird?
Baselitz: Nein, es gibt nur den Wunsch, die Idee. Und eine Gesellschaft wurde gegründet, die das forciert.
profil: Sie haben einmal erzählt, dass Sie sich immer in die Protagonisten der Bücher verwandeln, die Sie gerade lesen. Wer sind Sie im Moment?
Baselitz: Bel Ami. Ich habe gerade das Buch von Guy de Maupassant gelesen. Das ist ein sehr harter, gesellschaftskritischer Roman. Es gibt das Regietheater, wo man klassische Stücke neu kleidet. Dieses Buch wäre wunderbares Material dafür, es trifft auf so viele gegenwärtige Situationen zu. Bel Ami ist ein junger Mann, der gut aussieht, sein Leben kalkuliert – und er manipuliert dabei andere. Es gelingt ihm, dieses Spiel. Aber er ist sicher kein Alter Ego von mir.

Interview: Nina Schedlmayer

Georg Baselitz, 69,
wurde 1938 als Hans-Georg Klein im sächsischen Deutschbaselitz geboren, zog 1958 nach Westberlin. Einer breiten Öffentlichkeit fiel der Maler erstmals auf, als 1963 zwei seiner Bilder wegen vermeintlicher Obszönität von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurden. 1969 malte er erstmals ein Motiv verkehrt herum – was zu seinem Markenzeichen werden sollte. Baselitz befasst sich mit Themen wie Heldentum oder deutsche Geschichte samt ihrer Symbole, aber auch mit klassischen Motiven wie dem Porträt. Seine Bilder und Skulpturen zählen zum fixen Bestandteil internationaler Museen. Er lehrte an den Kunsthochschulen Karlsruhe und Berlin. 2002 wurde Baselitz mit dem französischen „Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet.