Ein Schicksalsjahr des ORF

Wie schlecht darf gebührenfinanziertes Fernsehen sein? Lässt sich mit einem Sparbudget gutes Fernsehen machen?

Der ORF hat das vielleicht schwierigste Jahr seiner Geschichte vor sich: Er muss beweisen, dass er die Gebührenerhöhung nicht als Ruhebett nutzt, sondern strukturelle Reformen in Angriff nimmt: Personalkosten spart (die Zahl seiner „weißen Elefanten“ reduziert), die im Verhältnis zur Effizienz hohen Kosten der Landesstudios vermindert oder Produktionskosten einspart.
Gleichzeitig aber muss das ORF-Fernsehen sich trotz dieses Sparkurses gegen eine durch die Digitalisierung dramatisch gewachsene private Konkurrenz behaupten.

Wenn der ORF diese Prüfung nicht besteht, könnte eine der politischen Parteien zu Ende des Jahres durchaus (etwa in einem Volksbegehren) die Gretchenfrage aufwerfen: Erfüllt der ORF durch sein Angebot tatsächlich noch einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der es rechtfertigt, die Österreicher mit Gebühren zu belasten?

Ich fürchte, dass bei einer Meinungsumfrage derzeit „Nein“ als Antwort dominierte. Nicht weil die Gebühr wirklich so hoch ist, sondern weil die Zufriedenheit gesunken ist. Und zwar sowohl bei der „Masse“, bei der die neuen „Breitensendungen“ nicht eingeschlagen haben, wie bei den „Eliten“, die gelungene neue Qualitätssendungen vermissen: Das uralte „Kreuz und Quer“ ist immer noch zehnmal besser als der neue „Club 2“.

Das Dilemma des ORF: Sendungen mit Tiefgang lassen sich angesichts vergleichsweise geringer Einschaltquoten nur durch die Werbeeinnahmen finanzieren, die man bei erfolgreichen Breitensendungen generiert (nach dem Muster der Finanzierung von Ö1 durch Ö3). Aber gerade auf diesem „breiten“ Sektor ist die Konkurrenz der Privaten übermächtig.

Die deutlichere Teilung in einen „breiten“ ersten und einen „tiefen“ zweiten Kanal würde dieses Finanzproblem kaum lösen. Außerdem wäre ein erster ORF-Kanal, der sich überhaupt nicht mehr von RTL2 unterschiede, noch weniger geeignet, Gebühren zu rechtfertigen.

Irgendwann wird sich daher die Frage stellen: Ist ein einziger Kanal mit erstklassiger Qualität in der Breite wie in der Tiefe nicht die bessere Lösung?

Ich gehöre zur Minderheit derer, die den Bestand eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens für unverzichtbar halten. Die Begründung ist vordergründig subjektiv: Ich ziehe die Programme von ORF, ZDF, ARD, 3Sat oder arte bei allen Einwänden im Detail den Programmen von RTL oder ProSieben entschieden vor. Die Unterhaltung ist immer noch etwas qualitätsvoller – die politische Information ist ungleich besser, und zwar obwohl die Öffentlich-Rechtlichen bei der innenpolitischen Berichterstattung das Handicap tragen, nie völlig frei vom Einfluss politischer Parteien zu sein. Aber sie widmen der Politik die Sendezeit, die für sinnvolle Information notwendig ist – die „Privaten“ widmen ihr nur die Sendezeit, die sich durch die Quoten rechtfertigen lässt, also fast keine.

Das ist, abseits meiner subjektiven Einwände, auch ein objektives Problem: Wie sollen politisch schlecht informierte Bürger bei Wahlen richtige politische Entscheidungen treffen beziehungsweise unterstützen?

Es gibt eine objektive Notwendigkeit politischer Bildung. Und es gibt kein Instrument, das diese Aufgabe besser bewältigen könnte als das Fernsehen.

Wenn man anerkennt, dass der Staat Universitäten betreiben soll (auch wenn er private Universitäten zulässt und fördert), dann muss man auch anerkennen, dass er ein Qualitätsfernsehen betreibt.

Mein Problem besteht darin, dass das TV-Programm des ORF diesem Anspruch unter den aufgezählten öffentlich-rechtlichen Programmen derzeit, gerade im Bereich der Information, am wenigsten genügt. Das war nicht immer so: Zu Zeiten Gerd Bachers zählte die ORF-Information europaweit zur Spitze. Heute sind wir auch hier auf PISA- Niveau: Wir produzieren – mit raren Ausnahmen – gerade noch Mittelmaß.

Der Gründe gibt es viele: Die politische Kujonierung ist derzeit besonders stark; FPÖ- und BZÖ-Protegés haben das Team nicht unbedingt gestärkt. Außerdem spielt in der Konkurrenz mit privaten Anbietern (wie sie der Fall der staatlichen Sendemonopole Gott sei Dank mit sich gebracht hat) die Größe des Seher- und Werbemarktes eine entscheidende Rolle: Österreich ist nun einmal Deutschland durch zehn. Daher werden die Einnahmen hiesiger Medien immer nur ein Zehntel der deutschen sein, ohne dass die Kosten für ein gutes Programm erheblich geringer wären.

Trotzdem haben wir in der Vergangenheit durch Talent, Erfindungsgeist und List mehr qualitätvolle Sendungen geschafft.

Das lag zwar zum Teil an den beteiligten Mitarbeitern, aber es lag auch daran, dass sie mit dem Topmanagement und den politischen Beteiligten zumindest in der Theorie einig waren, dass der „Auftrag“ eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens nur darin bestehen kann, Qualität zu bieten. Sonst ist die vom Staat organisierte Gebührenfinanzierung (oder eine in meinen Augen vernünftigere Steuerfinanzierung mit ergänzenden, niedrigeren Gebühren) nicht zu verantworten, sondern ein tägliches Ärgernis.