„Ein überwältigender Schokoladenkuchen“

Helen Fisher, 52, ist Anthropologin und Universitätsprofessorin in New York. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher. Auf Deutsch erschienen „Anatomie der Liebe“ (Droemer Knaur) und „Das starke Geschlecht“ (Heyne). In „Why We Love“ untersucht sie das Phänomen romantische Liebe und setzt ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in Zusammenhang mit Soziologie, Psychologie und Biochemie.

profil: In Ihrem neuesten Buch „Why We Love“ untersuchen Sie das Phänomen romantische Liebe und kommen dabei zu einer äußerst desillusionierenden Erkenntnis …
Fisher: Die gleichzeitig sehr erstaunlich war. Die romantische Liebe basiert auf einem Trieb wie Sex, Hunger und Durst und nicht auf einer Emotion, wie bislang angenommen wurde.
profil: Das heißt, dass wir unsere Paarungsenergie hauptsächlich deswegen auf einen bestimmten Menschen konzentrieren, weil wir dieses grundlegende Bedürfnis befriedigt wissen wollen.
Fisher: So sind wir evolutionsbiologisch kodiert. Es geht in erster Linie um den Tanz und erst dann um den Tänzer.
profil: Wie belegen Sie diese Theorie?
Fisher: Wir zeigten unseren frisch verliebten Versuchspersonen Fotos von den Objekten ihrer Begierde, während der Kernspintomograf Bilder von ihrem Gehirn aufnahm. Man konnte dabei eine erhöhte Produktion von Dopamin feststellen, jenem Stoff, der mit erhöhter Erregung, positivem Stress, Aufmerksamkeit und dem zielorientierten Streben nach Belohnung verbunden wird. Allesamt Gefühle, nach denen man süchtig wird.
profil: Sie attestierten somit der menschlichen Partnerwahl fast ein Beliebigkeitsprinzip. Wer quasi verfügbar ist, muss zur Befriedigung dieses Triebs herhalten. Kreuzigen Sie die Psychologen und vor allem Psychoanalytiker nicht für diese These? Freud ging doch davon aus, dass jeder Mensch versucht einen Partner zu finden, der am ehesten seinem gegengeschlechtlichen Elternteil entspricht.
Fisher: Die Psychologie hat gerade im Bereich der Liebesselektion wertvolle Dienste geleistet. Ich bin aber Anthropologin und versuche mit neurologischer Hilfe aufzuzeigen, von welchen Instinkten wir seit Millionen Jahren geleitet werden.
profil: Gerade die Kindheitserfahrungen gelten als ein Fundament für unsere spätere Partnerwahl.
Fisher: Da gehe ich absolut konform. Was sich die Natur vor Millionen Jahren einmal ausgedacht hat, wird natürlich von individuellen Erlebnissen und soziologischen Komponenten mitbestimmt. Interdisziplinär bekämpfen wir einander nicht, sondern ergänzen uns.
profil: Ihre Studien brachten Sie auch zu der Erkenntnis, dass gerade die hindernisreichsten Liebesbeziehungen die größte Leidenschaft hervorrufen, wofür es ja auch von „Romeo und Julia“ bis zu „Sex and the City“ Millionen von Beispielen gibt. Warum ist Mutter Natur so gemein?
Fisher: Ich habe für dieses bizarre Phänomen den Begriff Frustrationsattraktion geprägt. Es hat mit der Dopamin-Produktion zu tun, die sich durch die Tatsache, dass eine in Aussicht gestellte Belohnung immer wieder hinausgeschoben wird, erhöht. Dieser chemische Prozess bedingt auch das Obsessive, das verliebten Menschen immer anhaftet. Wenn das Objekt ihrer Begierde nicht greifbar ist, kreisen ihre Gedanken unablässig um diese Person. Sokrates nannte das „den Zustand des Verlangens“, der für mich das beste Synonym für romantische Liebe ist.
profil: Sie haben sich auch intensiv mit dem Phänomen Liebeskummer auseinander gesetzt, der auch mit einer erhöhten Dopamin-Produktion seinen Anfang nimmt.
Fisher: Worin sich das Verliebtsein und die erste Phase des Liebeskummers gleichen. Neurologen und Psychiater unterteilen den Trennungsschmerz in zwei Abschnitte: die Protestphase, in der alle Energien mobilisiert werden, um diesen Menschen wieder zurückzugewinnen. Wenn das Unternehmen aussichtslos ist, kommen Zorn und Aggression hinzu. Irgendwann wird das energiespendende Dopamin nicht mehr produziert. Dann schlittern wir in die resignative Verzweiflungs-Phase, die klinischen Depressionszuständen sehr ähnlich sind.
profil: Das heißt, Liebeskummer ist eine ernst zu nehmende Krankheit.
Fisher: Absolut. Und die Statistik widerlegt das gängige Klischee, dass Männer weniger leiden als Frauen. Denn drei von vier Menschen, die sich aus Liebeskummer umbringen, sind männlich.
profil: Hat die Binsenweisheit „Die Zeit heilt alle Wunden“ bei Trennungsschmerz ihre Berechtigung?
Fisher: Es ist wie bei einem Alkoholkranken. Das brennende Verlangen zu trinken verblasst irgendwann, aber vergessen kann man es nie. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem 110-jährigen Mann, der gefragt wurde, woran er sich in seinem Leben am häufigsten erinnert. Es war nicht die Frau, die er geheiratet hat, sondern jene zwei Damen, die er nicht heiraten konnte.
profil: Existieren Ihrer Ansicht nach geschlechtsspezifische Unterschiede, was das Empfinden von Leidenschaft betrifft?
Fisher: Abgesehen von der Tatsache, dass sich Männer schneller verlieben, weil sie viel mehr von visuellen Reizen geleitet werden, nicht. Männer und Frauen fühlen auf demselben Niveau. Nur können Männer ihre Gefühle weit weniger verbalisieren, was aber nicht bedeutet, dass sie die nicht haben.
profil: Ist es in Kenntnis der Tatsache, dass alle Gefühle auf biochemische Prozesse zu reduzieren sind, nicht sehr schwierig, sich auf eine Romanze überhaupt einzulassen?
Fisher: Zurzeit bin ich Single. Es macht die Sache wirklich nicht leichter. Man wird furchtbar realistisch. Aber wenn ich dann einmal vor dem Schokoladenkuchen sitze, überwältigt er mich noch immer. Und das, obwohl ich alle Zutaten ganz genau kenne.