Ein Spezial zur Leipziger Buchmesse

Bei der diese Woche startenden Leipziger Buchmesse steht deutschsprachige Literatur im Zentrum, die nach neuen Blicken auf die turbulente Geschichte des 20. Jahrhunderts sucht. Die aktuellen Autorenstars heißen Marcel Beyer, Jenny Erpenbeck und Sherko Fatah.

Wenn es ein Buch gibt, das diesen literarischen Frühling überschattet, dann ist es wohl Jonathan Littells Bestseller „Die Wohlgesinnten“, die fiktive Biografie eines SS-Obersturmbannführers, der maßgeblich am NS-Vernichtungsprogramm der Juden beteiligt ist. Allerorten wird nun gefragt: Ist es legitim, sich so radikal auf die Täterperspektive zu konzentrieren, wie Littell dies tut? Eines ist im literarischen Kurzzeitgedächtnis vieler Rezen­senten dabei in Vergessenheit geraten: Es gibt bereits einen deutschsprachigen Roman, der ähnlich Gewagtes versucht – Marcel Beyers von der Kritik hoch gelobter zweiter Roman „Flughunde“ (1995), der die Geschichte der achtjährigen Tochter von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels mit jener eines fiktiven Akustikforschers verschränkt, der im Dienste der Nationalsozialisten menschliche Laute archiviert. Beyer, Jahrgang 1965, fährt dabei mit den Erwartungen der Leserschaft Achterbahn: Man lernt den Ich­erzähler Hermann Karnau als schrulligen, nicht unsympathischen Sonderling kennen, der vom Geheimnis der menschlichen Stimme fasziniert ist; nach und nach erfährt man, dass er als Leiter einer Sonderforschungsgruppe an „Versuchspersonen“ experimentiert. Kalt, distanziert und ohne Mitleid mit den Opfern sucht er mit Stromstößen und Skalpell nach einem tierischen Ursprung der menschlichen Sprache.

„Flughunde“ bietet ein gespenstisches Szenario und zugleich ein klug unterkühltes literarisches Kons­trukt, das die enorme erzählerische Stärke dieses Autor deutlich macht: Unfassbares wird hier nicht mit vorschnellen Erklärungen leicht konsumierbar gemacht. Das Böse ist eben schwer auf den Punkt zu bringen. „Worüber man nicht schweigen kann, davon muss man sprechen, wie Taubstummer und Blinder sich miteinander verständigen“: So lautet der letzte Satz in Beyers Debütroman „Das Menschenfleisch“ von 1991. Das ist durchaus als Programm zu verstehen: Die Toten halten in Beyers geschichtsgesättigten Romanen ebenso wie in seiner anspielungsreichen Lyrik einfach nicht das Maul, und die Lebenden haben keinen gesicherten Standpunkt, von dem aus sie auf die Vergangenheit blicken könnten. Kaum ein Autor hat den lückenhaften Prozess des Erinnerns so spannend thematisiert wie Beyer.

Der Westdeutsche Marcel Beyer, der 1996 von Köln nach Dresden übersiedelte, setzt seine literarische Historienforschung nun fort: Das Leben im Osten hat seinen jüngsten Roman, „Kaltenburg“, geprägt. Vordergründig taucht er in die fremde Welt von Tierforschern ein, aber zwischen den Zeilen glüht die bislang literarisch, aber auch wissenschaftlich wenig erforschte Frage: Wie ist die DDR mit ihrer NS-Vergangenheit umgegangen? „Aus DDR-Sicht saßen alle Alt-Nazis im Westen, deshalb gab es keine Diskussion“, erzählt Beyer im profil-Gespräch: „Obwohl man nach der Gründung des Staates Israel 1948 einen aufkeimenden Antisemitismus im ganzen Ostblock beobachten konnte.“

Vogelforscher. Spezialisten stehen in Beyers „Kaltenburg“ erneut im Zentrum: Das wechselhafte Leben eines schillernden Vogelforschers, des Titelhelden des Romans, wird aus der Perspektive seines mentalen Ziehsohnes, der natürlich auch ein Tierbeobachter ist, erzählt. Obwohl der Name nie fällt, ergeben sich erstaunliche Parallelen zu dem österreichischen Graugansexperten und Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dessen frühe Mitgliedschaft in der NSDAP und dubiose Rolle in Posen, wo er als Heerespsychiater in einem Lazarett ehrenamtlich an einer „rassenkundlichen Studie“ mitwirkte, im Nachkriegs-Österreich lange Zeit ausgeblendet wurden. „Mein fiktionaler Rahmen war: Was wäre gewesen, wenn Lorenz Anfang der 1950er Jahre nicht nach Westdeutschland, sondern in den Osten gegangen wäre?“, erläutert Beyer: „Den Namen Konrad Lorenz verwende ich nur deshalb nicht, weil ich mich nicht sklavisch an seine Biografie halten wollte.“
Eine bedrückende Atmosphäre des Schweigens, der Andeutungen, des wechselseitigen Belauschens und der diffusen Angst durchzieht diesen Roman. Beyers ruhige, fast sachliche Sprache steht in hartem Kontrast zu den Ungeheuerlichkeiten, die meist nur kurz aufschimmern: etwa Kaltenburgs große Studie über „Urformen der Angst“, die weniger Tiere als Menschen zum Forschungsobjekt hat. Mitunter bleibt Beyer aber zu lapidar in seinen Andeutungen über NS-Vergangenheit, russische Lagererfahrung und die Kontakte seines Protagonisten zu politischen Gefangenen der DDR.
„Mich interessieren Welten außerhalb meiner eigenen“, meint Beyer – und steht damit in der jüngsten deutschen Literatur keineswegs allein da. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ listete kürzlich die wichtigsten Literaturtrends für diesen Frühling auf (von der postmodernen Wiederentdeckung der Romantik bis zum politischen Krieg der Welten), gemeinsam ist ihnen allen eines: Die persönliche Nabelschau wird aufgegeben zugunsten eines Interesses für das Leben der anderen, dem man sich aus origineller Erzählperspektive nähert.

Jenny Erpenbeck, 1967 in Berlin geboren, lässt in ihrem schmalen Roman „Heimsuchung“ Jahrzehnte wechselhafter Geschichte am Beispiel eines Hauses an einem märkischen See im Schnelldurchlauf Revue passieren: Arisierung, Judenvertreibung, kommunistische Diktatur und Wiedervereinigung. Erpenbecks literarische Verdichtung – drei Familien, fünf Generationen – wirkt einerseits wie am Reißbrett konzipiert, versucht andererseits aber auf beeindruckende Weise, einen poetischen Geschichtsroman zu schreiben. Erpenbeck ist mit „Heimsuchung“ übrigens für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert, gemeinsam mit Sherko Fatah („Das dunkle Schiff“), Clemens Meyer („Die Nacht, die Lichter“), Ulrich Peltzer („Teil der Lösung“) und Feridun Zaimoglu („Liebesbrand“).

Terror-Story. Erpenbecks Konkurrent, Sherko Fatah, widmet sich in seinem Roman „Das dunkle Schiff“ der politisch brisanten Geschichte eines Jungen ohne Eigenschaften: Kerim wächst in einer konfessionslosen Familie im Norden Iraks auf, er wird in den Wirren des Golfkriegs von Gotteskriegern entführt, flieht erfolgreich nach Berlin, bekommt Asyl und findet eine Freundin – und wird doch fanatisch religiös, ausgerechnet in der säkularisierten Fremde. Vergleichsweise konventionell erzählt der 1964 in der DDR geborene Autor, der eine deutsche Mutter und einen irakischen Vater hat, seine chronologische Geschichte, die zwar überraschende, aber etwas konstruiert wirkende Haken schlägt: vom Terror im Irak zur Flucht im Schiffsbauch, weiter zum politischen Extremismus in Europa. Doch Kerim ist eine schillernde, moralisch uneindeutige Figur: ein dicker Außenseiter, vom Klischee des hass­erfüllten Terroristen weit entfernt – ein Anpassungskünstler, dessen Existenz mehr Fragen aufwirft, als sie klärt. Genau dies aber, das Bekenntnis zur Ambivalenz von Politik, Geschichte und Moral, ist die große Stärke dieses Literaturfrühlings.

Von Karin Cerny