Ein Tagebuch aus Auschwitz: Zu Besuch bei Schriftstellerin Ana Novac in Paris

Als junges Mädchen führte die rumänische Autorin Ana Novac ein Tagebuch über ihr Martyrium in Auschwitz – eines der raren Dokumente aus dem Inneren der Vernichtungsmaschinerie. Ein Besuch bei der Holocaust-Überlebenden, deren Bericht nun auf Deutsch erscheint.

Von Wolfgang Paterno

Die Frau, die einst viele Tode starb, sprüht vor Lebensfreude. Ruckartig erhebt sich Ana Novac von ihrem Platz auf der Polsterbank und durchmisst ihr kleines Pariser Apartment. Auf dem Kaminsims sind Erinnerungsstücke aufgereiht, bemalte Teller, gerahmte Bilder, fleckige Postkarten; ein neunarmiger Chanukka-Leuchter mit Elektrokerzen steht in einer Ecke, das Kabel ein Knäuel. Seit drei Jahrzehnten lebt Novac in der 2-Zimmer-Wohnung unweit der verkehrsumtosten Place de la République. Gedämpft dringt Straßenlärm in den vierten Stock des Pariser Eckhauses; das Getöse von Signalhörnern flutet in Abständen in die mit Büchern vollgestopften Räume und verhallt langsam.

Auf halbem Weg hält die Schriftstellerin inne und kehrt unverrichteter Dinge zu dem Sofa zurück. „Ich bin seit meiner frühesten Jugend heillos zerstreut“, lacht Novac und lässt sich wieder auf der Sitzgelegenheit nieder.
Es ist der Beginn eines ausufernden, sich in zahllose Assoziationen verästelnden Monologs über ihr Leben, in dem sich Gut und Böse, Normalität und Grauen auf eigentümliche Weise vermengen. Mit rauchiger Stimme erzählt sie über ihre Theaterkomödien und Romane, die in den vergangenen Jahrzehnten in Frankreich veröffentlicht wurden. Sie erwähnt ihr Haus in Griechenland, das Schreibdomizil, und erinnert sich an die Begegnungen mit dem Philosophen-Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie dem Bildhauer Alberto Giacometti. Ein schlichter Kunstdruck des Künstlers, der eine sehr dünne Figur mit langen Beinen in Bewegung zeigt, hängt in der schmucklosen Wohnung schief an einer Wand.

In die bisweilen chaotisch vorgetragene Chronik schleichen sich wiederholt, so übergangslos wie überraschend, Sätze ein, die von der Katastrophe ihres Lebens künden. „In meiner Jugend“, sagt Novac dann etwa, „habe ich mehr tote als lebende Menschen gesehen.“

Ana Novacs Geschichte ist auf tragische Weise Weltgeschichte. Mitte 1944 wurde die damals Minderjährige gemeinsam mit ihren Eltern aus der rumänischen Ortschaft Dej nach Auschwitz deportiert, die deutschsprachige Mutter und der ungarische Vater bald darauf ermordet; bis zu ihrer Befreiung am 6. Mai 1945 im Lager Kratzau wurde das Mädchen in sieben weitere Konzentrationslager verschleppt. Zwischen Juli und vermutlich September 1944 schrieb Novac auf, was sie während der Zeit der Internierung erleiden musste – die Notizen sind undatiert, eine genaue Zuordnung schwierig. Fest steht, dass die Gefangene nach wenigen Wochen in Auschwitz ins KZ Plaszow verlegt wurde, wo sie ihren Bericht über das Totenreich der NS-Lager unter Lebensgefahr anzufertigen begann – mit einem Stummel Bleistift, auf Toilettenpapier, Plakatschnipsel und Fetzen der Barackenverdunkelung. Ein Kapo namens Konhauser schenkt ihr später sogar ein Schreibheft. „Ich kam allein zurück“, erinnert sie sich. „Kahl rasiert, 26 Kilogramm schwer, an Schwindsucht erkrankt und vier, fünf weiteren tödlichen Leiden, im Besitz von Teilen meines Tagebuchs, das ich durch unzählige Lager mit mir geschleppt hatte.“ Die Niederschrift versteckte sie in ihren Schuhen, dem einzigen Kleidungsstück, das die Häftlinge nach der Desinfektion wieder ausgehändigt bekamen. Den verschlissenen, mit enger Schrift bekritzelten Packen Papier bewahrt sie bis heute in ihrer Wohnung auf. An den Rändern ist das zerfledderte Heft verkohlt: Die Journal-Schreiberin versteckte die Kladde einst im Kamin ihres Pariser Domizils – eine Freundin machte ahnungslos Feuer, das Dokument wurde in letzter Sekunde gerettet.

Das einzigartige authentische Zeugnis aus dem Inneren des Lageralltags wurde erstmals 1966 in Ungarn publiziert, bald darauf erschien die deutsche Übersetzung. Jahrzehntelang waren die Notate vergriffen – nun erscheint der beißend ironisch mit „Die schönen Tage meiner Jugend“ überschriebene Rapport in einer neuen Auflage. Die KZ-Chronistin wider Willen berichtet darin von Aufsehern, die Gefangene brutal misshandelten, unablässig „Saubande!“ brüllend. Sie erzählt von quälendem Hunger. „Ich frage mich, ob ich eine Kartoffel je ohne Emotion, ohne Bewunderung werde betrachten können“, sagt sie im Gespräch mit profil. Sie schreibt vom Wind, „der immer nach Rauch“ riecht, und von einem verurteilten Mörder ­namens Otto, der gemäß der perversen Logik der NS-Unrechtsprechung aufgrund seiner Zugehörigkeit zur „arischen Rasse“ vorzeitig entlassen wurde und bei seiner Enthaftung Teile des Tagebuchs aus dem Lager schmuggelte – wider Erwarten übergab der Gewaltverbrecher später die Notizen der ehemaligen Haushälterin von Novacs Eltern.

„Ich habe damals so geschrieben, wie man spuckt, ohne jede formale Erwägung“, kommentiert die in ihrer Wahlheimat Frankreich anerkannte Literatin die Neuauflage. „Ich musste schreiben, um die Verzweiflung zu bekämpfen.“ In „Die schönen Tage meiner Jugend“ ist an einer Stelle zu lesen: „Dahinvegetieren, war­um nicht. Atmen, noch einen Tag, noch eine Seite!“

Heiterkeit, trotz allem. In einen Panzer schützender Unnahbarkeit hat sich Ana Novac trotz der erfahrenen Grausamkeit nie gehüllt. Ihre Heiterkeit, sagt sie, sei schon fast von „krankhafter Natur“. In ihrem Diarium aus der Strafkolonie schreibt sie: „Ich sehe schon, was für ein Gesicht die Zivilisten machen werden, wenn ich ihnen sage: ‚Noch nie habe ich so viel gelacht wie im Lager.‘“

Die Zeugin des Schreckens berichtet etwa über das Gelächter der bereits länger Inhaftierten beim Anblick von Lager-Neuankömmlingen, die sich angesichts der verlumpten, kahlköpfigen Gefangenen besorgt die Frage stellen: „Sind das Irre?“ Als Novac in Auschwitz, dem größten Friedhof der Menschheitsgeschichte mit weit über einer Million Ermordeten, in einer der Baracken die Schuhe gestohlen werden und die behelfsmäßig organisierten holländischen Holzklötze an ihren Füßen im Morast stecken bleiben, sorgt dies ebenfalls für Momente der Belustigung: „Unnötig zu sagen, dass ich eine Quelle steter Heiterkeit bin, was alles in allem besser ist, als Schnupfen oder Dünnschiss zu haben.“ Anno 1968 gelangte das KZ-Diarium in die Hände zweier französischer Paradeintellektueller. „Ihr Buch ist mir sehr nahegegangen“, formulierte Simone de Beauvoir in einem Brief an Novac. An den Tischen des legendären „Café de Flore“ gestand die Philosophin der Tagebuchschreiberin, dass sie deren Buch unter lautem Losprusten gelesen habe. „Sie und Jean-Paul Sartre haben mir erklärt, das schier Unglaubliche sei, dass das Elend auch eine groteske Seite hat“, erinnert sich Novac. „Und dann hat Beauvoir gesagt: Ana, Sie sind die Fremdeste von allen, die Fremdeste der Fremden.“

„Die schönen Tage meiner Jugend“ sind Leidens-, Lach- und Rachebuch in einem. Über ihre einstigen Peiniger schreibt Novac in einem Epilog: „Wer noch nie einen zermatschten Fritz betrachtet hat, weiß nicht, was ‚erhaben‘ bedeutet! Es waren die bejubeltsten Kadaver, seit die Welt sich dreht. Wo immer sie verfaulen mögen, ihre Überreste entzücken die Erde, und die Zartbesaitetsten schnupperten ihre Ausdünstungen wie ein köstliches Parfum.“

Heute lebt Ana Novac in einer Sphäre nahezu vollkommener Isolation. Seit mehr als zwei Jahren hat die Überlebende der Shoah ihre Wohnung nicht mehr verlassen, Gliederschmerzen, Erschöpfung und Schlaflosigkeit machen es ihr unmöglich, in den engen Lift zu steigen, der zu ihrer Wohnung führt; Freunde helfen, den beschwerlichen Alltag zu meistern. Von der Außenwelt nimmt sie kaum Notiz; Zeitungen und Zeitschriften interessieren sie nicht, die Bildschirme der beiden TV-Geräte im Zimmer sind seit Monaten schwarz. Sie liest lieber Kafka, Shakespeare, Tschechow. „Mir scheint, ich bin unsterblich. Ich bin ein uraltes Wesen. Gott, der Hohe Herr, scheint das Interesse an mir verloren zu haben. Seitdem der Tod nicht aufhört, mich sitzen zu lassen, ist er deutlich in meiner Achtung gesunken. Bin ich 40, 400 oder 4000 Jahre alt?“, fragt sie in den Raum.

Mühen der Muttersprache. Namen, Sprachen und Heimatländer hat Ana Novac oft gewechselt. Im Krieg wurden all jene Dokumente vernichtet, die das genaue Alter der Autorin belegen könnten – es finden sich unterschiedliche Aufzeichnungen, die ihr Geburtsjahr mit 1929, 1925 oder 1924 angeben. (Novacs deutscher Verlag Schöffling legt das Geburtsdatum der Literatin eigenmächtig auf den 21. Juni 1929 fest.) Unter ihrem Taufnamen Zimra Harsanyi wurde Novac ins Konzentrationslager verschleppt, in Auschwitz degradierte man ihre Identität zu einer Nummer: Auf ihrem linken Unterarm ist die Zahl 17587 tätowiert. „Geboren wurde ich in Siebenbürgen, Rumänien. Eines Morgens, ich war elf, erwachte ich als ungarische Staatsbürgerin, ohne dass ich die Straße vor unserem Haus überquert hätte“, erinnert sich Novac an die Zeit vor dem Martyrium. „Mit 14 wurde ich als Jüdin nach Auschwitz deportiert. Nach meiner Befreiung war ich wieder Rumänin. Dies ist wohl einer der Gründe, weshalb ich Schwierigkeiten habe, mich einer Nation zugehörig zu fühlen.“ Deutsch, ihre Muttersprache, macht ihr heute Mühe. Ihr Ungarisch ist schlechter als ihr Deutsch. Die französische Sprache sei heute, so sagt sie, ihre Heimat. Zwischen 1950 und 1963 lebte und arbeitete sie als Dramatikerin in Bukarest, durchaus mit Duldung des kommunistischen Regimes; 1965 erhielt sie nach dem Zerwürfnis mit den roten Machthabern einen Pass für Westeuropa. Seit Beginn der siebziger Jahre lebt sie in Paris, in der Wohnung bei den großen Bahnhöfen.

In einem Epilog zu „Die schönen Tage meiner Jugend“ berichtet Ana Novac, wie ihr geschundenes Ich und ihr von „verschiedenen Infektionen zerfressener Körper“ in den Lagern viele Tode sterben musste: „Jeder Todesfall bedeutete verfügbar gewordene Schätze. Es funktionierte wie der Blitz, ohne Testament und ohne Notar, in jenen historischen Zeiten. Sobald einer pennte, ohne zu schnarchen, lief er Gefahr, für das gehalten zu werden, was er noch nicht war.“ Die Leichenfledderer wurden mit „Verpiss dich!“ und „Weg da, du Aas!“ von den vermeintlichen, jäh wiedererwachten Todesopfern von der Bettstatt vertrieben. „Anders als das Sprichwort sagt, habe ich den Eindruck, dass man nicht nur einmal im Leben stirbt“, notiert die Autorin. „Auch ich bin für eine gute Viertelstunde ‚dafür gehalten‘ worden! Bei meinem Haupt und meinen Läusen: Das war das Komischste, das mir passiert ist!“

Mit der eigenen Vergänglichkeit hat sie sich, so scheint es, auf ihre eigene, gelassene Art arrangiert. „Die Ewigkeit soll ja der langweiligste Ort überhaupt sein“, lacht Ana Novac. Zornig mache sie nur, dass ihre Schuhe sie überleben werden. „Meine Schuhe werden sein, und ich werde nicht mehr sein!“