Ein Tiroler erhängt sich, nachdem er wegen Wirtschaftsspionage verhaftet worden ist

Der Tiroler Wolfgang U. erhängte sich in einer Schweizer Zelle, nachdem er in der Steuer-CD-Affäre inhaftiert worden war. Er dürfte nur der Geldbote gewesen sein.

Gestohlene Bankdaten lassen die Staatssicherheit der Schweiz erzittern, ein österreichischer "Steuer-Spion" wird in der Zelle in Bern tot aufgefunden, verschwiegene Ermittler der Schweizer Bundesanwaltschaft beantworten keinerlei Fragen. Ein Milieu, in dem Spekulationen treiben wie Pflanzen in einem Treibhaus. Und der Boulevard legt kräftig nach: Wurde der große "Daten-Dealer" ermordet oder in den Selbstmord getrieben? Hat er das Verhör in einem Gefängnis nicht überlebt, das für Folterungen durch Sauerstoffentzug bekannt ist? Haben die Schweizer Behörden sogar ihre österreichischen Kollegen und selbst die Eltern des Toten im Dunkeln tappen lassen, weil sie etwas ganz Großes vertuschen wollen?

Tatsache ist:
Am Morgen des 14. September fuhren Polizeifahrzeuge mit Berner Kennzeichen vor dem Webdesign-Unternehmen Office Max GmbH in der Kleinstadt Wil vor. Vor den Augen verdutzter Kollegen verhafteten die Beamten den Inhaber, den Österreicher Wolfgang U., 42. Es bestehe dringender Verdacht auf "wirtschaftlichen Nachrichtendienst" (Spionage). Dann wurde der Mann in das Regionalgefängnis in Bern überstellt und in Untersuchungshaft genommen. Zwei Wochen später, am 29. September um 6.30 Uhr, fanden Justizwachebeamte U. in seiner Einzelzelle erhängt auf.

Mittwoch vergangener Woche wurde sein Leichnam eingeäschert, der Obduktionsbericht dürfte erst Mitte dieser Woche vorliegen, weil weiterführende labortechnische Untersuchungen noch andauern. Das Ergebnis dürfte Einschätzungen bestätigen, die eindeutig auf Selbstmord hinweisen.

Mehrere Medien berichteten, Wolfgang U. sei in einen "Datenklau" verwickelt gewesen. Dabei handle es sich um eine "Steuer-CD" mit den Daten von 2000 meist deutschen Kunden der Schweizer Geldhäuser UBS und Credit Swiss sowie des Versicherers Generali, die Geld unversteuert in die Schweiz geschleust und daher in Deutschland Abgaben hinterzogen haben. Die CD sei für 185.000 Euro an die Regierung in Niedersachsen verkauft worden, nachdem ein angepeilter Deal mit Baden-Württemberg nicht zustande gekommen war. Andere Medien berichteten hingegen, es handle sich um 20.000 Namen. Wieder andere Zeitungen wussten, dass es sich um zwei CDs handle, die Liechtensteiner und nicht Schweizer Banken gestohlen worden seien.

Laut profil-Recherchen wurde U. lediglich verdächtigt, die Übermittlung des Verkaufspreises vom Käufer an die Datendiebe durchgeführt zu haben. Eine verdächtige Bewegung auf einem Konto von Wolfgang U. bei einer Bank in Feldkirch hatte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Vorarlberg wegen Verdachts auf Geldwäsche ausgelöst, die mit seinem Tod eingestellt wurden.

Wolfgang U. stammte aus Arzl im Tiroler Pitztal und lebte seit Langem als Kleinunternehmer in der Schweiz. Neben verschiedenen Beteiligungen, die er wieder aufgab, betrieb er in Wil ein Unternehmen für Computerdesign, verkaufte aber auch touristische Geschenkartikel. In seiner Freizeit schuf er abstrakte Skulpturen aus Metall und bezeichnete sich selbst als "leidenschaftlichen Gleitschirmflieger". Kollegen beschreiben ihn als "angenehmen, bescheidenen Lebenskünstler, der niemals unangenehm auffiel", "hie und da eine andere Freundin hatte" und offensichtlich finanziell nicht unter Druck stand. Der Vermieter seines Geschäftslokals erzählt, U. habe sich mehrmals für den Kauf des Objekts interessiert. Keiner der Befragten kann sich vorstellen, dass der Mann etwas mit kriminellen Kreisen zu tun gehabt habe.

Geheimniskrämerei?.
Wie profil-Recherchen in diplomatischen Kreisen ergaben, kann von Geheimniskrämerei der Schweizer Behörde keine Rede sein. Nach den Abmachungen der Wiener Konsularkonvention von 1963 bestand für die Schweizer Beamten die Pflicht, den Verhafteten über sein Recht aufzuklären, Kontaktstellen seiner Wahl zu informieren, was auch passiert sei. Doch U. habe keinen Wert darauf gelegt, etwa seine Eltern oder die österreichische Botschaft in Bern über seine Situation in Kenntnis zu setzen. Umgekehrt hätten die Schweizer Ermittlungsbehörden die österreichischen Kollegen sofort informiert. "Zwischen den Schweizern und den Österreichern gibt es eine sehr gut funktionierende Kommunikation", so ein anonym bleibender Diplomat.

Kriminalität ist in der Schweiz weitgehend kantonale Angelegenheit. Doch bei Delikten wie "wirtschaftlichem Nachrichtendienst" schaltet sich die Bundesanwaltschaft ein, das Pendant zum österreichischen Bundeskriminalamt. Das seien "diese Typen mit der schwarzen Brille und dem Pokerface", sagt ein Schweizer Journalist. Dass von denen wenig zu erfahren sei, sei "das übliche mühsame Spiel der Bundesanwaltschaft".