„Ein blutrünstiger Tod entsprach mir nicht“

Der Schriftsteller Gerhard Roth über die NS-Vergangenheit seiner Eltern, Anthony Perkins’ Frisur und sein neues Buch, den Erinnerungsband „Das Alphabet der Zeit“.

profil: Als Säugling, so formulieren Sie in ihrem jüngsten Buch, dem Memoirenband „Das Alphabet der Zeit“, glichen Sie einer „Stopfgans in Babygestalt“. Haben Sie sich inzwischen mit Ihrem Aussehen angefreundet?

Roth: Wenn ich in den Spiegel sehe, denke ich daran, was andere Menschen an mir kritisiert haben und immer noch kritisieren. Deshalb vermeide ich es, wenn möglich, vor einen Spiegel zu treten. Man hat mitunter Komplexe, ohne genau zu wissen, weshalb. Bei mir ist das so. Deshalb fotografiere ich auch lieber, als fotografiert zu werden. Für meine Umwelt war ich als Kind zudem begriffsstutzig, ich muss einen unintelligenten Eindruck hervorgerufen haben: ein unsicherer, fantasievoller, an den Kriterien der Schulintelligenz gemessen aber dummer, verletzbarer junger Mensch, der zu viel für sein Alter gesehen und erfahren hat. Durch meinen älteren Bruder lernte ich frühzeitig lesen und schreiben, je länger die Schule aber dauerte, desto elender wurde mein Zustand. Daher begann ich in der Mittelschule darüber nachzudenken, ob es an mir oder an den Professoren liegen könnte. Ich akzeptierte schließlich, dass meine mangelnde Intelligenz an der Misere schuld sei.

profil: Die Helden Ihrer Jugend waren die Schauspieler James Dean und Anthony Perkins. Letzterer wurde als Mörder in Hitchcocks „Psycho“ berühmt …

Roth: Damals war ich dazu verdammt, die Steirerhüte und -anzüge meines älteren Bruders nachzutragen. Ich habe diese Trachtengewänder unendlich gehasst. Später habe ich alle Fotografien, die mich so zeigten, zerrissen. Als ich den Film „Jenseits von Eden“ sah, hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, James Dean spiele mich, stelle gleichsam mein Innenleben dar. Durch James Dean konnte ich die Energie, die Entschiedenheit aufbringen, von meinen Eltern neue, andere Kleidung zu verlangen. Zuvor war ich, was man landläufig ein „Waserl“ nennt. Ich habe mir auch eine Anthony-Perkins-Frisur zugelegt, weil er in „Psycho“ eine starke Persönlichkeit verkörperte, die extremen Einflüssen ausgesetzt ist. Bei meinen später erfolgten Begegnungen mit Geisteskranken hat mich deren Eigenwilligkeit, die Normalität zu durchbrechen, beeindruckt. In Perkins erblickte ich einen schönen Irren. Die Frisur war ein Signal, das natürlich nur wenige Erwachsene damals verstanden.

profil: Zu jener Zeit tauchte auch erstmals der Gedanke an Selbstmord auf.

Roth: In meiner Kindheit und Jugend waren diese Gedanken in einem extremen Ausmaß vorhanden. Der Tod war ständig in meinem Kopf. Die Literatur verbietet es aber, dass man 800 Seiten ausschließlich übers Sterben schreibt. Das wäre unglaubwürdig. In meinen späteren Tagebüchern finden sich dagegen seitenweise Selbstmordgedanken. Ich war jedoch zu feige, mich gewaltsam umzubringen, etwa aus dem Fenster zu stürzen. An Medikamente kam ich nicht heran. Ein blutrünstiger Tod entsprach mir nicht. Ein blitzartiger Weggang, wie sich vor ein Auto zu werfen, war mir schon vertrauter. Ab meinem 50. Lebensjahr sind diese Gedanken verblasst, und heute sind sie kaum noch vorhanden.

profil: Nach dem 1991 abgeschlossenen Erzählzyklus „Die Archive des Schweigens“ publizieren Sie seit 1995 das monumentale Romanprojekt „Orkus“. Fünf Bände davon sind bislang erschienen, der nun veröffentlichte sechste Teil hätte, wie bereits vor langer Zeit angekündigt, den Titel „Die Stadt“ tragen und ein Zusammentreffen des gesamten „Orkus“-Personals in Wien beschreiben sollen. Mit „Das Alphabet der Zeit“ veröffentlichen Sie nun ein voluminöses Erinnerungsbuch. Ist Ihr Masterplan gescheitert?

Roth: Die „Orkus“-Planung erfolgte vor über zehn Jahren. Im Lauf der Zeit muss sich ein Kunstwerk so weit etablieren, dass es gegen den eigenen Schöpfungsplan verstoßen kann. Wenn ich feststelle, ich enge mich ein, muss ich diese Einschränkung durchbrechen. Das Wien-Buch wird als Abschlussband erscheinen. Darin werde ich als Figur verschwunden sein, und jemand wird über mich berichten. Schon während der Arbeit an den „Archiven“ war klar, dass ich innerhalb des Gesamtzyklus einmal über mich selbst schreiben muss. Ich musste mich so entblößen und hinstellen, wie ich das mit all meinen Figuren gemacht habe. Ich will dem Leser einen Schlüssel in die Hand drücken, damit er über mich ein Urteil fällen kann. Der ursprüngliche Plan war nicht allein dazu da, um erfüllt zu werden, sondern auch um mir Sicherheit zu geben. Durch meinen ursprünglichen Entwurf durfte ich mich aber nicht selbst fesseln.

profil: In Ihrem Erinnerungsbuch schlagen Sie nicht jene scharfen Töne zur NS-Vergangenheit an, die seit Jahren signifikant für Ihre öffentlichen Interventionen sind ...

Roth: Meine Haltung ist im gesamten Buch ständig offen oder latent vorhanden. Überdies kläre ich in der Familiengeschichte jede Einzelheit auf und nehme dazu Stellung. Als ich mich mit dem Buch zu beschäftigen begann, musste ich mich entscheiden, aus welcher Perspektive ich es erzähle. Um nicht mir oder dem Leser von vornherein eine fertige Ideologie aufzudrängen, habe ich mich entschlossen, den jeweiligen Stand des Wissens meinem Alter entsprechend aufzuzeichnen. Als Kind registrierte ich, was mir an Ungereimtheiten aufgefallen ist, als Mittelschüler hatte ich schon eine feste Beziehung und ein Kind, mit 18 bin ich von zu Hause weggegangen. Ich habe damals ein Außenseiterleben geführt. Erst mit 58 wusste ich in vollem Umfang Bescheid, was mit meinen Eltern, die inzwischen verstorben waren, zur Zeit des Nationalsozialismus wirklich war, weil ich in den Archiven nachgeforscht habe. Zu ihren Lebzeiten wäre mir das ohne ihre Einwilligung nicht möglich gewesen. Darüber wollte ich schreiben. Daher habe ich mich auch für eine Erzählstrategie entschieden, in der diese Entwicklung nachvollziehbar ist. Es war wichtig zu berichten, wie naiv ich und die meisten meiner Altersgenossen, die in solchen Elternhäusern aufwuchsen, aus heutiger Sicht waren: Wir haben in der Schule nichts vom Nationalsozialismus gehört, auch die Eltern haben das Gespräch darüber unterbunden und später verweigert, wir wurden groß im Reich des Schweigens.

profil: Ihr Vater vernichtete Ihre ersten Schreibversuche. Haben Sie ihn je damit konfrontiert?

Roth: Er hat zeitlebens abgestritten, die Manuskripte zerstört zu haben. Meine Mutter hat mit 80, als mein Vater, der Arzt war, schon gestorben war, bestätigt, dass er die Blätter verbrannt hatte.

profil: Haben Sie sich mit Ihrem Vater ausgesöhnt?

Roth: Als er im Sterben lag, rief mich meine Mutter zwei-, dreimal in Wien an, ich möge doch nach Graz kommen. Ich wollte ja immer mit ihm über die Vergangenheit reden. Kaum war ich aber an seinem Spitalsbett, weigerte er sich, mit mir darüber zu sprechen. Wir sind in dieser Beziehung unversöhnt auseinandergegangen. Ähnlich verhielt es sich mit meiner Mutter. Ein erlösendes Gespräch zwischen uns hat es nicht gegeben. Auch meine Mutter erklärte von sich aus nie, was zu erklären gewesen wäre …

profil: … wohl auch aufgrund eines unerfreulichen Familiengeheimnisses.

Roth: Meine Mutter ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Jugend durch einen Verlobten ein frühes NSDAP-Mitglied geworden. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob mein Vater von diesem anderen Mann später etwas erfahren hat. Ich habe von der Geschichte durch eine inzwischen 94-jährige Tante Kenntnis erlangt, ungefähr ein halbes Jahr bevor ich das Buch zu schreiben begonnen habe. Das Bild, das sich nach dem Tod der Eltern, deren Leben in einer Gesellschaft des Verdrängens und Verschweigens verankert war, manifestierte, deckt sich nicht mit dem Bild, das ich zu deren Lebzeiten von ihnen hatte. Da sie aus sich selbst Figuren machten und nichts zur Sprache bringen wollten, ist eine Distanz entstanden. Ich habe erst nach dem Tod meiner Eltern erfahren, dass mein Vater einen unehelichen Sohn hatte.

profil: An einer Stelle berichten Sie, dass sich Ihre Eltern über Hitler unterhielten. Die Szene illustrieren Sie mit dem Satz: „Es herrschte Totenstille.“ Lassen Sie Ihre Erinnerungen mitunter nicht zu sehr ins Romanhafte kippen?

Roth: Ich habe diese Erinnerung mehrfach. Wenn über die Nazi-Zeit unerwartet gesprochen wurde, trat zunächst Stille ein. Ob es gerade an dieser Stelle war oder nicht, ist belanglos. Die Passage gibt eine Atmosphäre wieder, etwas Geschichtliches.

profil: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“, stellte einst der Schriftsteller Jean Paul fest. Mit Ihrer Kindheit und Jugend haben Sie sich in Ihrem Werk bislang so gut wie nicht auseinandergesetzt. Verspüren Sie verstärkten Nachholbedarf?

Roth: Das Paradies der Kindheit habe ich nie kennen gelernt. Der Erinnerungsmechanismus begann bei mir erst mit 50 zu arbeiten, als ich meinem Enkel Simon von meiner Kindheit erzählte – und Simon immer mehr darüber wissen wollte. Während des Erzählens tauchten neue Elemente auf: verschüttete Materie. Mit ungefähr 60 hatte ich dann plötzlich einen plastischen Film vor mir, in Fragmentform und einzelnen, ungeordneten Szenen. Ich schrieb zuerst alles in Notizbüchern auf, was mir durch den Kopf ging, also in unchronologischer Weise.

profil: „Das Alphabet der Zeit“ umfasst über 800 Seiten. Es müssen sich enorme Erinnerungsmengen aufgestaut haben.

Roth: Es war, wie gesagt, nicht alles über Nacht wieder da, genauso wenig, wie alles plötzlich verschwunden war. Die Erinnerung ist allmählich gekommen, am Schluss beim Schreiben immer intensiver und stärker. Ich habe mich nicht geschont, sondern attackiert. So habe ich mich in eine Position hineinmanövriert, in der ich mich leichter beschreiben konnte. Auch was an Sexualität da war, habe ich festgehalten.

profil: Sie berichten über Ihr erstes Mal, über erste Masturbationsversuche.

Roth: Hätte ich mich darüber ausgeschwiegen, hätte man es mir bestimmt vorgeworfen oder danach gefragt. Ich halte es übrigens, was meine Generation betrifft, für exemplarisch, wie ich nicht aufgeklärt wurde. Das Thema Sexualität wurde von der Religion verdammt und von den Erwachsenen verschwiegen.

profil: Erzählt „Das Alphabet der Zeit“ nun die abenteuerliche Geschichte Ihres Lebens?

Roth: Bei den ersten Notizen, die ich gemacht habe, habe ich mich bereits selbst gefragt, was daraus entstehen soll. Ich bin jedoch bald zur Einsicht gelangt, dass sich gerade in den belanglosen und alltäglichen Dingen etwas verbergen könnte, das signifikant für mein Leben und die Zeit ist.

profil: Sie erinnern sich an Vorkommnisse, die Jahrzehnte zurückliegen. Sind Ihnen nie Zweifel in Bezug auf die Exaktheit ihrer Gedächtnisarbeit gekommen?

Roth: Die Erinnerung ist bekanntlich eine Konstruktion. Es hängt davon ab, wie oft man etwas erzählte, was einem andere erzählten, was man vergessen, verdrängt oder durch Fantasie ergänzt hat. Auch spielt die falsche Erinnerung eine Rolle. Es wird Menschen geben, die nach der Lektüre des Buchs sagen werden: Das stimmt nicht, ich habe das anders erlebt. Man gewichtet Dinge bekanntlich unterschiedlich, jeder merkt sich Sachen anders. Was man sich merkt, das ist Erinnerung. Die Erinnerung schreibt Romane, keine dokumentarischen Wahrheiten.

profil: Der Autor Vladimir Nabokov pflegte ein unverkrampftes Verhältnis zur Vergangenheit: „Erinnerung, sprich!“ betitelte er seine Memoiren. Ist es heute noch möglich, ein Leben geradlinig nachzuerzählen?

Roth: Nabokov ließ sich mit diesem Buch lange Zeit und unternahm mehrere Versuche. Das Problem lautet, damals wie heute: Wie literarisiert man Erinnerung? Das bloße Erzählen des Erinnerten ist noch lange keine Literatur. In der Literatur muss man erfinden, vergrößern, verkleinern, der Sprache folgen. Im „Alphabet der Zeit“ war es vor allem notwendig, Zufälligkeiten, wie sie im Leben eine Rolle spielen, arbeiten zu lassen. Luis Buñuels Erinnerungsband „Mein letzter Seufzer“, in dem auch mit austauschbaren Elementen gearbeitet wird, hat mich dabei inspiriert. Das biografische Erzählen an sich ist inzwischen kaum noch möglich, weil man weiß, dass niemand eine fest umrissene Biografie besitzt. Jeder von uns hat, wie bei Fernando Pessoa nachzulesen ist, mehrere Menschen in sich. Ich habe keine klassische, psychologisch-chronologische Lebensbeschreibung verfasst, mit Handlungssträngen und geschürzten Erzählknoten. Aus einer Summe von Fragmenten habe ich eher ein Mosaik zusammengesetzt, dessen Teilchen austauschbar sind und in dem Splitter auch weggelassen werden könnten.

profil: Sie gelten als Schriftsteller, der einen genauen Umgang mit der Vergangenheit einmahnt. Der absoluten „Wahrheit“ entsprechen Ihre Betrachtungen aber nicht.

Roth: Eine Erinnerung ist bereits eine Verfälschung. Ich darf sie zunächst nicht noch mehr verfälschen, ich muss sie, wie sie zu mir dringt, annehmen. Diese Erinnerung leitet dann assoziativ zu anderen über. Hinter diesem Vorgang steckt weder eine ideologische Absicht noch die Überlegung, dass ich jemandem irgendetwas schulde. Ich habe in der Regel alles für mich selbst gemacht und mich nicht als Instanz von irgendetwas gesehen.

profil: Sie wählen im Buch eine kindlich-jugendliche Erzählperspektive und reichern das Erinnerungsmaterial bisweilen mit nachträglich besserem Wissen an. Betreiben Sie dadurch nicht zweifache Lesertäuschung?

Roth: Der Leser muss immer getäuscht werden, sonst folgt er einem nicht. Man kann dem Leser nicht simpel erzählen, was man im Kopf hat, man muss den Leser irritieren, auf sich selbst zurückwerfen. Die Erinnerung zu strukturieren ist bereits ein Eingriff, also eine weitere Verfälschung der ohnedies schon verfälschten Erinnerung. Die Rückschau kann man nur, geradezu architektonisch, als Grundriss aufzeichnen, sprich: gestaltend beschreiben. Beim Schreiben selbst kommen weitere Erinnerungen, Einbildungen, vielleicht Ausschmückungen hinzu, weil man jene andere Form von Wahrheit herstellen muss, wie sie durch logisches, chronologisches Erzählen entsteht. Ich muss meine Erinnerung, meine Wahrheit neu erfinden. Und die Wahrheit, die ich erfunden habe, muss dem Leben standhalten. Das war der Seiltanz beim Schreiben dieses Buchs.

profil: Von Ihrem Vater stammt das Sinnbild, dass unser Gehirn wie der Sternenhimmel funktioniere. Welche Erinnerung leuchtet, um im Bild zu bleiben, bei Ihnen besonders hell am Firmament?

Roth: Die Begegnungen mit meiner Großmutter. Früher habe ich ironisch an jene Zeit gedacht: Sie war für mich lange eine alte Frau, die mich zur Volksschule begleitet, die aufgrund ihrer Tourette-Erkrankung Grimassen geschnitten und Schnalzgeräusche ausgestoßen hat. Meine Großmutter erfüllte für mich aber im Grunde eine Schutzfunktion: Sie war gefürchtet! Wenn sie mich von der Schule abholte, wagte es keiner der Mitschüler, sich mit ihr anzulegen. Sie hat mich von meinem sechsten Lebensjahr an bis zu ihrem Tod darin bestätigt, dass ich, wie sie mir immer wieder sagte, ein Künstler sei – und das, obwohl ich noch nichts geschrieben hatte. Ich dachte alleine wegen ihr und meinem Onkel viel über den Wahnsinn nach. Der Wahnsinn war für mich damals ein Rätsel, das ich erschreckenderweise auch in mir zu entdecken glaubte. Meine Großmutter war insofern meine Rettung, als ihr Nervenleiden deutlich sichtbar und hörbar war. Dadurch wurde mir langsam klar, dass ich selbst nicht geisteskrank war.

profil: „Das Alphabet der Zeit“ ist ein Entwicklungsroman. Auf die Zeichen der Zeit gehen Sie dagegen nur am Rande ein.

Roth: Das stimmt nicht. Ich beschreibe die „Mode“, das Mobiliar der Nachkriegszeit, das Auftauchen des Rock ’n’ Roll und das Kino der frühen 1960er-Jahre. Die Kapillaren der Zeit sind vorhanden, nur sind sie nicht Selbstzweck, sie sind auch nicht mit der mir sonst nachgesagten Beschreibungsbesessenheit verfasst. Im Mittelpunkt steht meine eigene Entwicklungsgeschichte: Wie bin ich, Sohn zweier Nationalsozialisten, nach der NS-Zeit, als mein Vater eine Zeit lang nicht arbeiten durfte, meinen Weg gegangen?

profil: Haben Sie Klarheit über gewisse Lebenszusammenhänge erlangt?

Roth: In einigen Punkten ja. In anderen überhaupt nicht. Prägend waren vor allem der Schmerz, meine Krankheiten, meine zahlreichen Unfälle. Das Kapitel Nationalsozialismus wurde erst später wirklich wichtig: um die Zeit, als der Dokumentarfilm über den Nürnberger Prozess im Kino zu sehen war. Ich war verstört, als ich den Film gesehen hatte. Ich löste mich von meinen Eltern – mit 21 war ich verheiratet und zweifacher Vater, mit 25 hatte ich eine fünfköpfige Familie zu ernähren. Für mich schien die NS-Thematik damals insofern abgehakt, als ich meinen Eltern klar auseinandergesetzt hatte, was ich darüber dachte. Dann herrschte Stillschweigen. In der Provinz war es nicht so wie in Wien mit seinen intellektuellen Zirkeln. Im Grazer Hinterland ein Streitgespräch über die NS-Zeit zu führen war ein noch größeres Tabu, als über Sexualität zu sprechen. Später, durch die Beschäftigung mit der Politik und vor allem durch die Recherche für die „Archive des Schweigens“, wurde das Thema für mich lebensbestimmend. Im Buch musste ich diese Entwicklung daher so beschreiben, wie ich sie erlebt habe. Es wäre eine Fälschung, spielte ich mich gegenüber meinen Eltern nachträglich zum Kindheitshelden auf.

profil: Ihr Buch berichtet von Ihrem Dasein bis zum 21. Lebensjahr. Werden Sie auch die Zeit danach thematisieren?

Roth: Je mehr man in seine Erwachsenenzeit eintritt, desto mehr Menschen verletzt man, wenn man aufrichtig ist. Was die sexuellen Erfahrungen, die Lügen, die Täuschungen betrifft – darüber zu schreiben wäre natürlich verführerisch. Ich würde diese Aufzeichnungen aber derzeit nicht veröffentlichen, weil sie Beziehungen zerstörten, Freundschaften beendeten. Ich kann andere nicht vor die Tatsachen stellen: Das ist meine Kunst, und du musst jetzt mit deinem Intimleben als Stoff herhalten. In derselben radikalen Aufrichtigkeit wie im „Alphabet der Zeit“ – vom Kind, das den Urin seines Großvaters verkostet, bis zu den ersten sexuellen Erfahrungen – würde ich so ein Buch jetzt nicht schreiben können.

Interview: Wolfgang Paterno