Ein Unbeschädigter

Nichts ärgerte ihn mehr als diese Geschichte mit dem Nadelstreif. Den „Nadelstreif-Kanzler“ nannten ihn manche Zeitungen, ein „Nadelstreif-Sozi“ sei er, spotteten die politischen Gegner. Was so viel bedeuten sollte wie: Der ist ja gar kein richtiger Politiker, sondern ein Bankdirektor, kein echter Sozialist, sondern ein Nullgruppler, ein Kapitalisten-Versteher.

Da mochten noch so viele Porträtisten die Vita des Arbeiterkindes aus der Vorstadt zeichnen, vom Urgroßvater berichten, der – fast kitschig – ein Ziegelböhm am Wienerberg war, von der Mutter, die dem kleinen Franz in Todesverachtung das Hakenkreuz aus der Schulmütze schnitt, vom Vater, der sich nach dem Ende der Nazi-Barbarei sogar kurz den Kommunisten angeschlossen hatte. Da mochte Franz Vranitzky selbst noch so oft erzählen, dass ihn, den Mitarbeiter im Kabinett von Finanzminister Hannes Androsch, ja die SPÖ selbst 1976 in den Vorstand der Creditanstalt und später in jenen der Länderbank entsandt habe.
Den Nadelstreif wurde er nie wirklich los – auch wenn im Vergleich zu ihm selbst der Bürgerssohn Bruno Kreisky biografisch wie ein Quereinsteiger aussieht.

Franz Vranitzkys Ära liegt heute auf einem blinden Fleck: zu vergangen, um als Maßstab für die aktuelle Politik dienen zu können – zu gegenwärtig, um schon das Interesse der Zeitgeschichtsforschung zu wecken. Dabei hat kein österreichischer Bundeskanzler – Kreisky ausgenommen – länger regiert als er. Und kaum einer hatte solche Zeitbrüche zu gewärtigen. Während Franz Vranitzkys fast elfjähriger Regierungszeit wurde Österreich durch den Fall Waldheim erstmals mit seiner Rolle in der NS-Zeit konfrontiert; in seinen Kanzlerjahren kam es zum atemberaubenden Aufstieg des Rechtspopulismus, brach der Ostblock und in der Folge auch so manches Dogma des demokratischen Sozialismus zusammen. Dass er seine zögernde Partei in jenen Umbruchsjahren dazu brachte, sich mit dem Beitritt zur Europäischen Union abzufinden, war vielfach unterschätzte Schwerarbeit.

Trefflich wird diese Wendezeit durch das Verhältnis zwischen dem roten Kanzler und den Gewerkschaften charakterisiert. In seinen 2004 erschienenen Erinnerungen schreibt Vranitzky: „Eine verstaatlichte Firma brauche keinen Gewinn, eine verstaatlichte Bank habe in erster Linie volkswirtschaftliche und nicht betriebswirtschaftliche Ziele zu verfolgen – solche Losungen bekam ich in den Vorsprachen von Gewerkschaftern ständig serviert.“ Zur selben Zeit, als die Basis noch auf diese ehernen Merksätze pochte, schickte sich die Gewerkschaftsbank Bawag bereits an, das gesamte Vermögen des ÖGB, Streikfonds inklusive, in hochspekulativen Briefkastengeschäften zu verjubeln.
Allgegenwärtig wie der Nadelstreif-Vorwurf ist jener, wonach Vranitzky durch seine „Ausgrenzung“ von Jörg Haider diesen erst groß gemacht habe. Dass dieses Argument meist von Haider-Gegnern verwendet wird, steigert seine Widersprüchlichkeit ins Bizarre, weil das Gegenteil von Ausgrenzen schließlich das „Einbinden“ ist – in der Welt der Politik also das Koalieren. Wohin dies führt, konnte man zuletzt sechs Jahre lang in einem Echtzeitversuch beobachten.

Leicht machte es Franz Vranitzky seinen Anhängern nie. Das schnelle Verhabern war nicht seine Sache. Es dauerte geraume Zeit, bis er jemanden an sich heranließ. Seinem eigenen Pressesprecher gewährte er erst nach jahrelanger Zusammenarbeit das Duwort. ÖVP-Obmann Erhard Busek – ein bis zur Selbstaufgabe loyaler Koalitionspartner – beklagte einmal, es sei nicht einmal zu einem privaten Abendessen mit dem Kanzler gekommen.
Einsam traf er im Jänner 1997, noch nicht einmal 60-jährig, auch die Entscheidung, das Kanzleramt zu verlassen, was ihm das Schicksal seiner Vorgänger und Nachfolger ersparte: Er schied nicht nach einer Wahlniederlage oder parteiinternem Zank und ist damit einer der an den Fingern einer Hand zu zählenden Politiker, die im Abgang unbeschädigt blieben.

Am kommenden Donnerstag, den 4. Oktober, feiert Franz Vranitzky seinen 70. Geburtstag.