"Ein Veltliner ist ein Veltliner":
Round Table zum profil Wein-Extra

Weinmarketing-Chef Willi Klinger, Steirereck-Sommelier Adi Schmid und die Winzer Birgit Eichinger und Roland Velich über DAC-Weine aus Österreich, die Tücken der Weinviertler Erfolgsgeschichte und die Paraderebsorten Grüner Veltliner und Blaufränkisch.

Moderation: Klaus Kamolz

profil: Ein Grüner Velt­liner aus dem DAC-­Gebiet Weinviertel kann viel sein: ein Wein mit dem typischen Pfefferl oder einer mit charakteristischem südsteirischem Sauvignon-Ton. Ist das Vielfalt oder Themenverfehlung?
Klinger: Das ist definitiv Themenverfehlung. Wir haben im Salon Österreichischer Wein den Sauvignon-Touch, der übrigens am Markt gar nicht schlecht ankommt, als K.-o.-Kriterium definiert. Weine, die diesen haben, fallen beim Salon durch. Ich empfehle den Weinviertlern dringend, das auch so zu halten und zu kommunizieren. Für mich ist ein Veltliner ein Veltliner und kein Sauvignon blanc.
Schmid: Wir diskutieren über diese Töne beim Veltliner schon seit 30 Jahren. Das ist im Weinviertel nichts Neues. Damals haben wir diese Sauvignon-Veltliner aus dem so genannten Mössmer-Klon großartig bewertet. Heute wird viel mehr auf Sorten­typizität geachtet.
Velich: Das Aromenspektrum, von dem wir reden, hat eine technologische Herkunft. Da entsteht vieles im Keller. Das ist Marktangepasstheit, die oft auch von der Kritik goutiert wird.
Eichinger: In Verkostungen passiert es eben, dass nach einer Reihe von eher neutralen Weinen solche mit besonderer Aromatik, egal welcher, auffallen. Dann gibt’s halt ein Punkterl mehr.
Klinger: Es geht nicht darum, immer den gleichen Wein zu erzeugen. Es soll und wird immer Unterschiede geben. Das Weinviertel ist groß, da gibt es verschiedene Terroirs, und es wäre schade, wenn sich der Jahrgang im Wein überhaupt nicht mehr darstellt. Aber man muss aufpassen, wenn man den pfeffrigen Weintypus in die Auslage stellt. Was tut man dann beispielsweise in einem heißen Jahrgang wie 2006 oder 2003? Die Weinviertler haben für ihren DAC keine Alkoholobergrenze …

profil: … weshalb der Weinviertel-DAC sowohl ein leichter fruchtiger wie auch ein dichter schwerer Wein sein kann. Also auch wieder nicht sehr homogen. Warum gibt es die Reservekategorie nicht?
Klinger: Es herrschte bei der Einführung von DAC die Ansicht, man dürfe die Konsumenten ja nicht verwirren, und dann ist aber genau das passiert: ein Wein mit extrem großer Bandbreite. Ich habe selbst viel lobbyiert, und wir sind auf dem richtigen Weg. Die Reserve-DAC im Weinviertel wird jetzt kommen. Das ist extrem wichtig für den Gedanken. Wenn die großen Weine eines Gebiets nicht bei DAC sind, wird die Appellation ein „Servus“-Schicksal nehmen.
Schmid: Das stimmt, der DAC-Weinviertel ist für viele ein leichter Mittelbauwein. Ein großer Wein ist etwas anderes. Gerade auf den großen Weinen sollte aber auch DAC draufstehen. Da muss das Weinviertel schnell reagieren. Der Hundsleiten von Roman Pfaffl ist ein großer Wein, der Smaragd des Weinviertels, er ist typisch für die Region, er ist typisch für die Sorte. Der muss da rein: als Reserve.
Eichinger: Ich finde auch, dass unsere Weine eine andere Würze haben und etwas mehr Eleganz. Ein Weinviertler Bekannter von mir ist sehr stolz auf seinen DAC, aber ich finde ihn doch etwas rustikal.
Schmid: Vielleicht lassen sie mich jetzt ins Weinviertel nicht mehr hinein, aber ich sage jetzt trotzdem etwas: Das önologische Bewusstsein ist in diesem großen Gebiet noch nicht ganz so ausgeprägt wie im Kamptal oder im Kremstal. Da muss noch gelernt werden, dem Wein ein wenig Schliff zu geben.

profil: Frau Eichinger, wie lange, glauben Sie, wird es brauchen, bis sich DAC in Ihrem Gebiet durchgesetzt hat? Was zählt in der Weinwelt für das Kamptal momentan mehr: eine Lage wie Heiligenstein oder Lamm oder das Label DAC?
Eichinger: Sicher momentan die Lage, die kann man bei uns nie weglassen. DAC hätte sich nicht durchgesetzt, wenn keine Lagennennung erlaubt worden wäre. Es ist ja widersinnig, ein Qualitätsmerkmal wie Heiligenstein zu streichen, das die ganze Welt kennt.

profil: Gibt es noch Rebellen in Ihrer Region, die nicht mitmachen?
Eichinger: Rebellen und Querdenker gibt es überall, nicht nur bei uns.
Klinger: Das Tolle an dem System ist ja, dass man nicht mitmachen muss. Man kann den gleichen Wein auch ohne DAC-Klassifizierung machen.

profil: Aber das Weinbaugebiet darf dann nicht mehr genannt werden, sondern nur noch das Bundesland.
Klinger: Ja. Es gibt eben verschiedene Ebenen von Herkunft. Das Kamptal, Langenlois oder Strass und dann noch die Lage. Und nicht zuletzt den Winzer oder die Winzerin.

profil: Herr Velich, es klingt ja recht vernünftig, dass man den typischen Geschmack einer Region in die Flasche bringt. Warum machen Sie keinen DAC-Wein, wo für Sie doch Herkunft so weit führt, dass Sie sagen, zwei benachbarte Weingärten mit derselben Rebsorte ergeben unterschiedliche Mineralität im Wein?
Velich: Weil ich noch nicht sagen kann, das ist jetzt das, was ich mir unter einem mittelburgenländischen Idealtypus vorstelle. Ich frage mich, ob das Bewusstsein in der Region schon klar genug definiert ist. Wir kennen die Probleme, die der österreichische Rotwein auf dem internationalen Markt hat, wenn er stilistisch ein bisschen so angelegt ist wie ein italienischer Super Tuscan. Die Kritik daran nimmt zu. Die Weine müssten dieser Situation gerecht werden, aber es gibt halt noch den
einen oder anderen, der ein globales Idealbild von Rotwein hat, das gar nicht dem entspricht, was ihm als Substanz zur Verfügung steht. Und das ist schade. Das ist mein Kernproblem mit DAC.
Klinger: Wir haben ja erst eine relativ kurze Karriere mit Rotweinen, wohingegen bei Weißweinen tausend Jahre Erfahrung dahinterstehen. Ich bin stolz auf diese Karriere, auch wenn sie nicht immer friktionsfrei gelaufen ist. Bei meinem Eintritt in die Weinwirtschaft 1987 hatten wir 17 Prozent Rotweinanteil, heute haben wir 33 Prozent. Ich erinnere mich noch an die ersten „Falstaff“-Sieger: Das waren Holzbomben, und wir haben sie toll gefunden. Wir haben geglaubt, so schmeckt französischer Wein. Adi Schmid ist mein Zeuge.
Schmid: Wir haben 1986 einen Cabernet Sauvignon zum „Falstaff“-Sieger gekürt. Das war damals ganz toll, aber es war kein Cabernet Sauvignon. Es war einfach Rotwein mit Holz ohne Säureabbau. Er hat zwar jung und interessant geschmeckt, das Problem war nur: Ein paar Monate später ist das Ganze auseinandergefallen. Aber man hat immerhin gesucht, und die Suche geht vor allem beim Rotwein noch weiter. Beim Weißwein sind wir viel schneller gewesen, aber wir sind nun einmal ein Weißweinland.
Klinger: Immerhin arbeiten wir in der ersten Rotwein-DAC Mittelburgenland jetzt an der richtigen Rebsorte. Dass der Blaufränkisch besonders dafür geeignet ist, Herkunft in der Flasche darzustellen, darüber wenigstens sind wir uns doch alle einig.
Schmid: Die Frage ist aber: Beherrscht jeder Blaufränkisch so wie Roland Velich? Oder entstehen oft nur dürre Rotweine, die Blaufränkisch heißen? Sehr herbe mit ein bisschen mehr Säure, weil sie ja auch nicht süß schmecken sollen. Ich denke mir bei einigen Blaufränkisch, ein St. Laurent wäre mir jetzt lieber.
Velich: Spannende Rotweine, ich rede gar nicht von großen, haben immer einen starken Bezug zu ihrer Herkunft. Das wird auch außerhalb von Österreich geschätzt. Wenn man nicht mit niedrigen Erträgen arbeitet und einer ganz starken herkunftsgebundenen Idee im Hinterkopf, dann wird man mit jeder Rebsorte ein Problem haben. Das war lange auch im Burgund so: saure dünne, viel zu teure Weine. Das gab es im Bordeaux und auch in der Toskana. Wir müssen uns in der Stilistik bewusst werden, dass wir ein nördlicheres Klimaumfeld haben, wo die Rebsorten viel mehr gefordert werden. Tatsache ist aber, dass gerade in solchen Gebieten grandiose Ergebnisse möglich sind. Und ich rede nicht nur vom Blaufränkisch. Wenn ich DAC richtig verstanden habe, ist es so, dass gewachsene Strukturen oder Rebsortenmehrheiten bewusst Aufnahme finden sollten ins Reglement. Im Burgenland ist die meistgepflanzte weiße Rebsorte der Grüne Veltliner. Es gibt aber bis jetzt keine Veltliner-Thematik im Burgenland. Warum nicht?
Klinger: Weil der Grüne Veltliner im Burgenland bis jetzt als einfacher Schankwein auf niederem Niveau abgehandelt wurde.
Velich: Genau. Was ist aber, wenn sich in 15 Jahren herausstellt, dass der Grüne Veltliner im Burgenland einen grandiosen Wein abgibt?
Schmid: Aber bitte nur im Nordburgenland.
Velich: Viel Grüner Veltliner steht am Leithaberg auf relativ mineralischen Böden, Kalk und Schiefer, das könnte spannend sein. Es gibt aber auch kleine Inseln im Südburgenland.
Klinger: Im gerade diskutierten Vorschlag einer DAC-Leithaberg ist auch ein reinsortiger Grüner Veltliner von dieser Gegend drin.
Eichinger: Und was ist, wenn man draufkommt, es geht auch mit Riesling am Leithaberg? Ich halte solche Überlegungen, alle Sorten überall mit Herkunftssiegeln zu versehen, für sehr gefährlich. Ich verstehe, dass die burgenländischen Winzer in Versuchung geraten, weil sich der Grüne Veltliner gut exportieren lässt.
Velich: Ich denke, Niederösterreich muss keine Angst haben, dass das Burgenland zur Gefahr für den Veltliner wird. Trotzdem bestehe ich darauf, dass wir im Burgenland sehr wohl große Rieslinge und Grüne Veltliner herstellen können. Diese Aussage ist mir wichtig.
Klinger: Ob es Sinn macht, ist halt die Frage. Unser Weingesetz ist für die Winzer gut, weil es ihnen sogar in der Steiermark ermöglicht, eine Cabernet-Sauvignon-Barrique-Beerenauslese zu machen, sofern sie es zuwege bringen. Bei 35 Rebsorten sind alle Weinstile möglich. Mir ist das ein bisschen zu liberal. Aber ich will es nicht einengen, das wird sich von selbst regeln.

profil: Frau Eichinger, wie sehen Sie eine Veltliner-DAC Burgenland? Die Heimat des Grünen Veltliner war doch immer Niederösterreich.
Eichinger: Ich halte das nicht für gut. Je kleiner das Gebiet ist, in dem es den klassischen Veltliner gibt, umso hochwertiger ist das.
Velich: Was ist der klassische Grüne Veltliner überhaupt?
Eichinger: Unserer zum Beispiel, aus Strass im Kamptal.
Velich: Aber den nimmt euch ja niemand weg. Im Grunde liegt der Ball beim Produzenten, der Wein so zu gestalten hat, dass er für seine Region steht und unverwechselbar ist.
Schmid: Und dann entscheidet der Konsument.
Eichinger: Man sollte das nicht über ganz Österreich verstreuen. In Niederösterreich gibt es auch Flecken, die für den Blaufränkisch geeignet sind. Aber ist es gescheit, deshalb einen Blau­fränkisch-DAC aus Niederösterreich zu machen?
Velich: Warum nicht darüber nachdenken? Aber in Niederösterreich bietet sich ohnehin eher der Zweigelt an.

profil: Berthold Salomon, Weinmarketing-Chef zur Zeit der Einführung des DAC-Status im Weinviertel, meint mittlerweile über das Prinzip der Herkunftsweine, dass alles, was im Weinviertel gelungen sei, in anderen Regionen durch komplizierte Regulative ad absurdum geführt wurde. Im Burgenland sei die Verwirrung noch größer, weil es dort drei DAC-Varianten gibt. Ist das alles zu kompliziert geworden?
Klinger: Nein, es wundert mich, dass der, der DAC eingeführt hat, jetzt nicht verstehen will, wie sich sein ­Gedanke entwickelt. Wir müssen in Österreich die Weinstile deutlicher kommunizieren. Kabinett und Spätlese wurden durch den Weinskandal hinweggespült. Die Wachau hat diese Typen durch Federspiel und Smaragd sinnvoll ersetzt, die anderen Gebiete nicht. Das war ein Fehler. Wir haben vor allem zwei trockene Weißweintypen, Spätlese und Kabinett. Der Rest ist nur Zusatz: Süßwein, Leichtwein, alles wunderbar. Aber hauptsächlich geht es um Kabinett- und Spätlesetypen. Die DAC-Systeme mit Klassik und Reserve sind nicht irgendetwas Luftleeres, die gibt es in der ganzen Welt.

profil: Warum gibt es im Traisental zum Beispiel DAC-Riesling? Die Fläche dafür beträgt etwa 70 Hektar. Das ist weniger, als ein größeres Weingut hat. Da kommen für die Vermarktung gar keine ausreichenden Mengen zustande.
Klinger: Ich habe mich das auch gefragt. Aber das war ein basisdemokratischer Prozess. Trotzdem bin ich heute froh, denn langfristig tun die Donaugebiete gut daran, ihre zwei Seelen in einer Brust zu kommunizieren – den Grünen Veltliner und den Riesling. Wir haben auch eine Riesling-Kompetenz in Österreich, da können die Deutschen machen, was sie wollen. Die kann uns niemand absprechen, auch wenn wir nicht viel haben, aber dafür großartige. Die doppelte Identität ist also notwendig.
Eichinger: Aber warum wurden dann im Burgenland drei DAC-Typen geschaffen?
Velich: Das Burgenland darf nicht so gesehen werden wie das Kamptal. Das ist mikroklimatisch viel zergliederter. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Wein vom Eisenberg oder aus Gols kommt. Aber ich hätte die DAC-Klassifizierung auch nicht so gemacht.
Klinger: Dann sage ich, warum es so gemacht wurde. Es geht um ein Element, das wir in der DAC normalerweise nicht gesetzlich regeln. Wir machen keine Lagenklassifizierungen, weil ich nicht der Napoleon bin. Die macht sich der Markt selbst. Es soll Lagenweine mit DAC-Status geben. Die Frage war: Soll der klassische Blaufränkisch schon eine Lage haben dürfen oder nur die Reserve? Ich bin der Meinung, das liegt in der Verantwortung des Winzers. Wenn er sie auf den leichteren Wein mit weniger Alkohol draufschreiben will, warum nicht?

profil: Ist Lage nicht eigentlich ein Qualitätssiegel für große Weine?
Velich: Wenn man Lagen­typizität transportieren will, muss man es draufschreiben. Aber der Wein muss qualitativ anspruchsvoll sein, klar.
Eichinger: Ich möchte in meinem kleinen Weingut auch bei meinem Einstiegsveltliner die Lage draufschreiben dürfen. Der kommt ausschließlich aus dem Hasel und ist nicht von sonst wo zugekauft. Das ist doch auch schon eine Auszeichnung für einen Wein.
Velich: Das ist eine Frage der Sinnhaftigkeit. International ist es üblich, dass ein Wein mit einer Herkunfts- und Lagenbezeichnung eine qualitative Unterkante hat. Aber ich bin ja kein Lagenfetischist. Meine Idee ist, den Menschen einen Eindruck zu geben, wie Neckenmarkt schmeckt, weil es eben ganz anders schmeckt als Lutzmannsburg. Ich will keine Einzellagen abfüllen, auch wenn sie es wert wären.
Schmid: Von einer Lage nur 500 Liter zu haben ist sowieso Horror. Aber im Grunde ist Neckenmarkt ja auch so etwas wie Lage. Es erinnert mich ein wenig an französische Appellationen wie Pauillac oder Margaux.
Velich: Wir dürfen uns nicht immer mit Burgund und Bordeaux vergleichen, wir sind weder das eine noch das andere, sondern wir müssen mit gesundem Selbstbewusstsein auf uns schauen. Ich würde gerne Gehör finden als einer, der einen burgenländischen Rotwein macht. Es geht um die Entwicklung burgenländischer Stile, die durch die Erfahrung der Winzer entstehen. Da sehe ich eine gewisse Gefahr, dass DAC zu früh gekommen ist. Es gibt einen nördlichen Blaufränkisch im Burgenland, und da wieder einen Golser Typ, einen Leithabergtyp und auch dort wieder den Leithaberg Ost und West. Ein Joiser Wein hat ganz andere Expositionen als einer aus Großhöflein.

profil: Aber versteht das jemand, der einfach nur gerne guten Wein trinkt?
Klinger: Genau deshalb ist DAC notwendig. DAC ist da, um klare Strukturen in die komplizierte österreichische Weinwelt zu bringen. Wer versteht 35 Sorten, 16 Weinbaugebiete plus Ausbaumethoden plus eine ganze Zuckerpyramide von Weintypen? Tafelwein, Landwein, Qualitätswein, Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese, Ausbruch, Schilfwein, Strohwein, Eiswein. Da soll sich jemand zurechtfinden? Wenn wir vermitteln, dass jeder schon im Voraus weiß, was er kriegt, sind wir besser beraten. Ein schönes geschmortes Kalb? Da wäre doch eine Kamptal Reserve nicht schlecht. Das ist die Vision. Ich habe eine einzige Botschaft, die ich hier anbringen will, sonst könnt ihr machen, was ihr wollt: DAC ist nicht da, um die Menschen zu verwirren. Ich bin sicher, dass DAC draußen in der Welt Einfluss haben wird auf die Gestaltung der Weinkarten. Dann wird Kamptal, Kremstal und Traisental dastehen, so wie heute schon Barolo, Barba­resco und Langhe dasteht. Die endgültige Klarheit wird sich erst herauskristallisieren, wenn der DAC-Baukasten weiterwächst.

profil: Kein Zweifel, die Einführung des DAC-Weinviertel war für die Region ein großer Erfolg. Bloß wird der Begriff DAC mittlerweile sehr mit dem Weinviertel assoziiert: Einen DAC trinken heißt Weinviertler Wein trinken.
Eichinger: Das ist ein Grund, warum ich DAC nicht auf die Vorderetikette schreibe. Das regionale Komitee hat uns das sogar empfohlen. Ich habe Angst, dass die Marke zu stark in den Vordergrund rückt. Die Leute sagen, trinken wir doch einen DAC. Aber wir wollen Wein unter dem Qualitätsmerkmal Kamptal verkaufen.
Klinger: Je mehr DAC-Gebiete kommen, desto mehr werden wir lernen, dass es auf den Begriff DAC gar nicht so sehr ankommt, sondern auf das, was vorher steht.

profil: Ist Ihnen bei der DAC-Vermarktung nach dem Weinviertel-Debüt die PR-Luft ausgegangen?
Klinger: Nein, die hatten halt als Erste das größte Werbebudget und dazu 16.000 Hektar, das ist ein Drittel der österreichischen Rebfläche. Da steht mehr Geld zur Verfügung. Die machen Dinge, die andere nicht machen: Radiowerbung, Plakatwerbung und vieles mehr. Mir wird aber um die anderen Gebiete nicht bang.
Velich: Na ja, die Werbebotschaft war aber schon, dass jetzt DAC kommt. Daneben ging das Weinviertel fast ein wenig unter. Ständig wurde über DAC gesprochen, nicht übers Gebiet.
Eichinger: Das sehe ich auch so. Eigentlich wollte man das Gebiet bekannt machen, in Wahrheit hat man aber das Siegel DAC bekannt gemacht.
Klinger: DAC ist ungefähr so wie das R im Ringerl nach Adidas oder Puma. Die Marke ist das Gebiet, nicht DAC. Aber bitte: Welche Appellationen sind denn die erfolgreichsten: Brunello etwa oder Hermitage. Das sind Generationenwerke. Ich habe einmal eine wissenschaftliche Arbeit gelesen, in der sogar untersucht wurde, warum man nicht Bordelaiser sagt, sondern Bordeaux. Wir haben keinen Weinviertel getrunken, sondern einen Weinviertler, einen Wachauer. Und das „-er“ hatte ein relativ niedriges Image. Wir haben uns dann entschlossen, auch damit die Begriffe im Export nicht noch komplizierter werden, zu sagen: Ich trinke einen Kamptal. Das geht heute schon.

profil: Sie haben sich sprachwissenschaftlich beraten lassen?
Klinger: Kein Bedarf, ich bin Romanist.

profil: Einen Mittelburgenland trinken klingt aber schon komisch.
Schmid: Immer noch nichts dagegen, einen Neusiedlersee-Hügelland zu trinken.
Klinger: Das ist wahr, aber es ist doch verlockend, irgendwann statt Neusiedlersee-Hügelland Leithaberg und statt Südburgenland Eisenberg sagen zu können.
Velich: Ich finde, das ist ein wenig über einen Kamm geschoren. Der Hermitage ist in der Weinwelt nicht deshalb der Hermitage, weil er so wunderbar an diesem Rhone-Knie wächst, sondern weil er sich über die Jahrhunderte geschmacklich und aromatisch unterschieden hat von dem, was ihn umgibt. Er schmeckt anders als benachbarte Gebiete. Wenn wir jetzt aus dem Neusiedlersee-Hügelland die durchaus anspruchsvoll klingende Appellation Leithaberg machen, und die ist im Grunde genommen nichts anderes als das gesamte Weinbaugebiet, dann halte ich das für irrsinnig gefährlich.
Klinger: Wir können aber nicht aus jedem Weingarten eine Appellation machen, so wie es im Burgund der Fall ist. Ich erteile, solange ich Weinmarketing-Chef bin, einer inflationären Entwicklung der DAC-Weine eine klare Absage. Wenn wir all das fraktionieren, was Roland Velich braucht, um einen großen Wein zu machen, haben wir – wie in Italien – 350 DAC-Gebiete. Das wäre der Tod des ganzen Systems.
Velich: Aber sind 70 Hektar Riesling aus dem Traisental eine großzügige Lösung?
Klinger: Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass das Gebiet beim Kremstal bleibt. Jetzt ist es nun einmal da. Ich habe zum Beispiel mit Mitstreitern verhindert, dass sich der Wagram zweigeteilt hat. Die größere Lösung dort sähe anders aus: Klosterneuburg und Perch­toldsdorf müssten Wien angegliedert werden – in einer fernen Zukunft wohlgemerkt, wenn ich maustot bin und keine Verantwortung mehr trage. Dann bliebe ­irgendwann vom Wagram auch nicht mehr viel über. Mit mir gibt es diese Art von Separatismus nicht, und auch keine zehn DAC-Gebiete im Burgenland. Ich rechne im Burgenland noch mit ein bis zwei Süßwein-Appellationen, Seewinkel und Ruster Ausbruch, einer DAC westlich des Sees, einer östlich und einer südlich.

profil: Herr Schmid, wer bestellt im Restaurant Steirer­eck ausdrücklich einen DAC?
Schmid: Ein Weinviertel wird schon geordert, sonst aber nichts. Das liegt wohl an der Unwissenheit. Der Weinviertel-DAC sitzt, da besteht auch Vertrauen. Alle anderen werden nach anderen Kriterien bestellt.

profil: Ordnen Sie die Begriffe Winzer, Herkunft, Rebsorte in der richtigen Reihenfolge.
Schmid: Der Grüne Veltliner steht wie eine Eins. Dann kann man im Gespräch differenzieren: leicht, kräftig, Lössboden, Winzer, Region und so weiter.

profil: Wie lange wird es die klassischen 16 Weinbaugebiete noch geben?
Klinger: Die bleiben noch lang. Dazu braucht es eine Gesetzesänderung, die wiederum nur im Abtausch anderer Dinge zwischen SPÖ und ÖVP möglich wäre. Und ich glaube, das Land hat, bei aller Liebe zum Wein, derzeit andere Sorgen.

profil: Die DAC-Leithaberg ist aber schon so etwas Ähnliches wie die Umbennung eines der gesetzlichen Weinbaugebiete, auch wenn die Grenzen verändert werden sollen. Und es soll auch das erste DAC-Gebiet werden, in dem auch eine Cuvée möglich ist.
Klinger: Wenn sie denn kommt, wird das eine sehr spezielle Lösung sein: zum Beispiel auch mit vier nicht aromatischen Weißweinsorten, bei denen es nicht um die Sorte geht, sondern eher der mineralische Typ herausgearbeitet werden soll.
Schmid: Aber es gibt doch solche Weine im Mittelburgenland auch schon, im Reserve-Bereich dürfen andere Sorten dabei sein. Das ist dann doch auch eine Cuvée.
Klinger: Nicht wirklich. Wir sollten nicht päpstlicher sein als der Papst. Ich erinnere an die Reinsortigkeitsdebatten etwa in Italien. Unser Weingesetz schreibt eben vor, dass, wenn ich eine Sorte auf das Etikett schreibe, der Wein zu 85 Prozent daraus bestehen muss. Das ist gut so.
Velich: Das finde ich nicht, da muss ich erstmals vehement widersprechen. Ich glaube, die Beigabe von zehn Prozent Cabernet tut dem Blaufränkisch nichts Gutes. Der Blaufränkisch kann im Burgenland eine ganz andere Struktur und Finesse bringen als der Cabernet. Das verändert den Wein massiv. Der Blaufränkisch im Burgenland ist um Lichtjahre besser, als es der Cabernet in diesem Klima je sein kann.

profil: Werden DAC-Weine, wenn sich alle Gebiete einmal geschmacklich profiliert haben, überhaupt noch möglich sein? Wissenschafter und renommierte Winzer wie etwa Willi Bründlmayer diskutieren heftig die Bedeutung des Klimawandels für den Weinbau. Bründlmayer meint sogar, das Kamptal könnte einmal zum Rotweingebiet werden. Dann wären alle DAC-Anstrengungen umsonst gewesen.
Klinger: Also bitte, der liebe Willi Bründlmayer geht zu einer Verkostung, bei der international renommierte Kritiker sitzen, die nur selten in dieser Dichte zusammenkommen, und bringt als Beweis für seine Klimawandel-Thesen einen Ried Lamm aus dem extrem heißen Jahrgang 2003 mit. Hätte er den 2004er mitgebracht, wäre vom Klimawandel nicht viel übrig geblieben. Es gab immer schon Hitzejahrgänge. Ein deutscher Winzer hat einmal gesagt: Nachdem die kurze Eiszeit zwischen dem 15. und dem 20. Jahrhundert zu Ende gegangen ist, machen wir endlich wieder großartige Weine an der Mosel. Ich nehme die Problematik ernst, aber wir werden ganz andere Probleme haben. Selbst wenn die Polkappen abgeschmolzen sind, wird es in Österreich noch frischen Wein geben.
Eichinger: Das Kamptal ein Rotweingebiet? Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.
Schmid: Bründlmayer hat schon grundsätzlich Recht. Aber ich erinnere daran, wie der Zöbinger Heiligenstein vor Jahrhunderten geheißen hat: Höllenstein. Da war es immer schon heiß oben.
Velich: Wärmeres Klima schließt mineralische Komponenten im Wein nicht aus – im Gegenteil. Es macht ihn sogar noch eleganter. Ganz Österreich ist, was den Weinbau betrifft, in einer großartigen Situation. Und wenn es uns trifft, trifft es ohnehin alle. Die Tradition des schwedischen Weinbaus muss aber erst noch aufgebaut werden.