Einblicke: Von Polo zu Prolo

Dank seines „Seitenblicke“-Lebenswerks von 20 Stunden weiß Dieter Chmelar, wie man vom „Auge des Geschwätzes“ erfasst wird und wie man zum Zwischenschnitt verkommt.

Was darf man einen Promi nie fragen? – Wer sind Sie? – Da hält man sich im Zweifelsfall an den Satiriker Robert Neumann. „Ein schöner Mann“, schrieb dieser schon vor Jahrzehnten, „von küssenswert irrsinniger Eleganz und mit einem Lächeln, dem widerstehen zu können man ein gefestigterer Charakter sein müsste als ich.“

Als der weiß Gott wunderlich gewordene Weltstar i. R. O. W. Fischer anlässlich der Entgegennahme einer Ehren-Romy auf Rainhard Fendrich traf, der wiederum ohne jede Minute Bildschirmpräsenz „beliebtester Showmaster“ geworden war (offenbar schätzen es die Leute, ihn nicht zu sehen), drückte Fischer stracks die seinen auf des Sängers Lippen und gurrte: „Grratulierre! Was sind Sie für ein grroßarrtigerr Berrgdoktorr!“ Der helle Barde widersprach. Da wischte sich O. W. eisig mit dem Handrücken über den Mund und zwickte Fendrich tadelnd in die Wange: „Na, dann nehmen Sie sich ein Beispiel, junger Mann!“ Ein Unglück, dass die „Seitenblicke“ diese Szene von altösterreichischer Wucht knapp verpassten. Die beiden Herren wollten sie auch nicht nachstellen – noch dazu, wo damals Fischers forscher Griff auf Mausi Lugners Knie jegliches weitere Vorkommnis auf anderer Ebene toppte.

Oft und oft halten die „Seitenblicke“ zwar drauf, sehen aber drüber hinweg. Der Ehrenkodex des „Adabei“-Altvaters Roman Schliesser: „Bei mir haben die Leute dreimal geheiratet, ohne dass sie sich scheiden ließen“, durchweht schon eine lange Weile das Format, ohne es freilich quotenmäßig zu beschädigen. Wir fragen nicht wie unsere nördlichen Nachfahren, welche nicht ganz vitaminhältigen Substanzen Prominente ihren Organismen zuführen. Wir fragen nicht: Betrügen Sie Ihre Frau? (Wen sonst eigentlich?) Wir nennen eine schrille Sirene im Namensinsert allenfalls aus Zeitdruck-Dyslexie „Kammersägerin“. Wir beweisen Abgründiges bestenfalls auf Umwegen. Als die Austria eine CD ihrer Spieler präsentierte, heischte ich beim damaligen Klubpräsidenten nach der Übersetzung des Titels „Viola per sempre“. Er verstummte ratlos und veranlasste, dass der Sager zum Streicher würde. Das beredte Schweigen kam nie zur Ausstrahlung. Als ein früherer Airliner während des Spendens gefilmt werden wollte, ließ er sich unterm Tisch von einem Event-Guru tausend Schilling dafür zustecken. Der hat bis heute wenigstens einen Videobeweis für seine Außenstände.

Wie erzieherisch diese beliebte Sendereihe aber auch wirken kann! Ein Baron aus dem Bayrischen, der auf seinem Anwesen ein Ballspiel zu Pferde zuließ, snobbte mich einst zügellos, quasi von Polo zu Prolo. Ich holte ihn klassenkämpferisch vom hohen Ross, als ich mitten im Interview (nach dem Prinzip „Sprechen Sie nicht, wenn ich Sie unterbreche“) auf einen „hässlichen kleinen Speiserest“ verwies, der in seinem Mundwinkel mitwippe. Ab diesem Augenblick war er nicht mehr sattelfest.

Die spontanen Verrenkungen für wenige Momente Primetime sind notorisch. Einzelkämpfer kreisen wie Rundstrecken-Routiniers so oft durchs Bild, dass es wie zufällig wirkt, wenn sie einmal nicht zu sehen sind. Legitim, dass Professor Antal Festetics seit jeher eine allabendliche Winksendung für jedermann einfordert. Dabei liebe ich unter abertausenden Einladungen die Perlen der Peripherie: „Meine Tante wird 60. Sie ist Gemüsehändlerin in Wien 18. Es wäre eine schöne Überraschung, wenn Sie am Samstag mit einem Kamerateam vorbeikommen könnten.“ Warum kommen wir eigentlich an diesen wunderbaren Menschen vorbei, aber nicht an Mörtel, Lippe und Glatze? Eine selten gestellte Frage. Die drei meistgestellten Fragen aber an wohl jeden Reporter der „Seitenblicke“: 1. Wann kommt des? 2. Schneiden S’ mi eh net außi? Und 3. Kann i a Kassettn davon haben? Meine Standardantworten: 1. Ich hoffe bald, weil ich das Geld brauche. 2. Nicht einmal hinein. Und 3. Warum sollte ich es ausgerechnet Ihnen nicht versprechen? Eine überflüssige Gesellschaft, heißt es, braucht einen überflüssigen Gesellschaftsjournalismus.