Eine wird gewinnen

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf kennt viele ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet: Erreicht ein Kandidat spätestens ein Jahr vor dem Wahltag unter den Anhängern seiner Partei die absolute Mehrheit, dann wird er tatsächlich nominiert.

Zum Glück liegt dieser Regel denn doch keine Naturgesetzlichkeit zugrunde, sonst könnten die Demokraten ihren Vorwahlkampf umgehend einstellen. Die New Yorker Senatorin und Ex-First-Lady Hillary Clinton kommt in
einer Umfrage im Auftrag des TV-Senders ABC und der Tageszeitung „The Washington Post“ auf 53 Prozent, Barack Obama, der Senator von Illinois, liegt mit 20 Prozent bereits weit zurück.

Hillary, die Unausweichliche, scheint mittlerweile alle Trümpfe auf ihrer Seite zu haben. Das öffentliche Interesse an ihr lässt alle Gegenkandidaten wie Komparsen dastehen, sogar der amtierende Präsident George W. Bush soll im kleinen Kreis die Gattin seines Vorgängers Bill Clinton als seine beste Nachfolgerin bezeichnet haben, und schließlich überholte die erste Frau, der man ernsthaft zutraut, die US-Präsidentschaft zu erlangen, den Zweitplatzierten Barack Obama zuletzt auch beim Einsammeln von Wahlkampfspenden. Im dritten Quartal erhielt sie umgerechnet mehr als 15 Millionen Euro, Obama nur etwas über 13 Millionen.
Clinton scheint gegen Kritik nahezu immun zu sein. Als sie im Mai ihren neuen Plan für eine allgemeine Krankenversicherung präsentierte – in den USA sind 46 Millionen Bürger nicht versichert –, ätzte John Edwards, der in Umfragen drittplatzierte Demokrat, er fühle sich „geschmeichelt“, dass Clinton seine Vorschläge kopiert habe. Obama wiederum wandte ein, sein eigener Plan gehe viel weiter als der Clintons, und andere Konkurrenten erinnerten daran, wie glanzlos Hillary als First Lady in den Jahren 1993 und 1994 mit ihrem damaligen Reformprogramm für eine allgemeine Krankenversicherung gescheitert war. Aber Kritik hin oder her, Clinton heimst die Zustimmung der demokratischen Parteigänger ein.
Der Wahlkampf hat einen neuen Begriff hervorgebracht: „Hillarizing“. Was Clinton anpackt, „hillarisiert“ sie, und ihre Anhänger verstehen das als Synonym für „verbessern“.
Barack Obama versucht noch tapfer, sich der Hillarisierung zu widersetzen. Vergangenen Dienstag feierte er mit einer Rede den fünften Jahrestag seiner öffentlichen Ablehnung des Irak-Kriegs. Obama wollte darauf hinweisen, dass Clinton als Senatorin brav für den Krieg stimmte, während er schon Monate vor der Invasion die Gefahr dieses Abenteuers erkannt hatte.
Doch die demokratischen Wähler, die den Irak-Krieg heute mehrheitlich für einen Fehler halten, honorieren Obamas Zivilcourage nicht. Warum bloß? Die wahrscheinlichste Erklärung: It’s Hillary, stupid.

Von Robert Treichler