"Eine Frau nach seinen Vorstellungen"

Die Wiener Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin über den Schrecken eines Mädchens, das mehr als acht Jahre lang in einer Garage in Isolationshaft gehalten wird, und über die möglichen Motive ihres Entführers.

profil: Ein Mann kidnappt eine Zehnjährige und hält sie mehr als acht Jahre gefangen. Welche Beziehung bauen Täter und Opfer zueinander auf?
Brainin: Darüber können wir nur spekulieren. Das Mädchen erlebt zunächst extreme Angst und Hilflosigkeit. Das Einschneidendste ist sicher, dass es – außer zu diesem Mann auch nicht zu den Eltern – keine Beziehungen zu anderen Menschen mehr hatte. Kontakt zur Außenwelt hatte sie nur mehr über Medien, vor allem über das Radio. Hat sie dort gehört, dass sie verschwunden ist?
profil: Falls ja?
Brainin: Generell gilt, dass Erinnerungen an die Kindheit immer durch unsere gegenwärtige gefühlsmäßige Situation gefärbt sind. Doch man muss sich vorstellen, was es für ein Mädchen in ihrem Alter bedeutet haben könnte, im Radio zu hören, dass sie gesucht wird. Die Eltern haben ja nicht aufgegeben und immer wieder Aktionen gestartet. Das Mädchen muss einerseits das Gefühl gekriegt haben, sie steht im Mittelpunkt. Und andererseits merkte sie, dass der Mann, der sie entführt hat, alle an der Nase herumzuführen vermag. Auch das spielte in der Beziehung zwischen dem Mann und dem Mädchen eine Rolle.
profil: Nach ihrer Flucht erzählte Natascha Kampusch, ihr „Gebieter“, wie sie ihn die ersten Jahre nennen musste, habe sie gezielt ausgesucht.
Brainin: Diese Aussage muss eine ungeheure Kraft ausgeübt haben, denn es bedeutete ja: Sie war eine Auserwählte. Unter allen Mädchen, die er hätte wählen können, hat er ausgerechnet sie herausgepickt. Mich erinnert das an extrem patriarchalische Gesellschaften, in denen oft erst zehn, elf Jahre alte Mädchen mit sehr viel älteren Männern verheiratet werden. Diese erziehen sie und machen sie zur Frau. Möglicherweise wollte dieser Mann sich eine Frau nach seinen Vorstellungen formen.
profil: Um zu überleben, musste sich Natascha mit ihrer Lage arrangieren.
Brainin: Ja, wobei das mit dem oft erwähnten Stockholm-Syndrom bei Geiselnahmen nach Banküberfällen völlig unzureichend beschrieben ist. Ursprünglich war damit gemeint, dass Erwachsene, die über einige Stunden oder allenfalls Tage gefangen gehalten wurden, für jede freundliche Geste der Geiselnehmer dankbar waren und schließlich vor der Polizei mehr Angst hatten als vor den Geiselnehmern und diese hinterher sogar im Gefängnis besuchten. Es ist mit Gehirnwäsche vergleichbar, aber es ist keine Gehirnwäsche. Die völlige Isolation, abgeschnitten zu sein von allen Außenkontakten, Ausgeliefertheit und Einengung auf eine Person, die des Entführers, macht die traumatische Situation aus.
profil: Wie schaffte es die Frau, nach all den Jahren wegzulaufen?
Brainin: Man kann annehmen, dass der Mann vor allem am Anfang große Ängste hatte, ob das alles gut geht, sich im Laufe der Zeit aber immer sicherer gefühlt und vielleicht sogar den Eindruck gewonnen hat, dass Natascha ihn wirklich liebt und auch emotional von ihm abhängig ist. Vermutlich hat er deshalb die Kontrollmaßnahmen gelockert.
profil: Warum hat er sich am Ende umgebracht?
Brainin: Ich denke, da spielen mehrere Gründe zusammen. Erstens der Kontrollverlust. Das Objekt, das er sich geschaffen hat, verlässt ihn. Gleichzeitig kriegt er Angst vor der Polizei. Er war verzweifelt, als er erkannte, dass es keinen Ausweg für ihn gibt. Angeblich redete ihm Natascha ja lange Zeit zu, aufzugeben und sie freizulassen.
profil: Ist sein Selbstmord für Natascha eine Befreiung?
Brainin: Ich denke, zunächst ist das schwierig für sie. Er war ja alles für sie, vielleicht sogar Geliebter, sicherlich die einzige Person, zu der sie auch emotional Kontakt hatte. Vermutlich fühlt sie sich auch schuldig an seinem Tod.
profil: Wie sehen Sie Nataschas Zukunftschancen?
Brainin: Wenn jemand zwischen zehn und 18 Jahren dermaßen isoliert wird, ist die Möglichkeit, mit anderen in Beziehung zu treten, später eingeschränkt. Andererseits hatte sie zwischen null und zehn Jahren ja bereits Beziehungen, die sie prägten, die hoffentlich eine gute Basis für ihre Entwicklung sind. Ob man die Entwicklung der Adoleszenz nachholen kann, sei dahingestellt. In Bezug auf ihre Schulbildung ist das Problem wahrscheinlich leichter lösbar als im Bereich der seelischen Entwicklung. Ich halte es für unabdingbar, dass sich die junge Frau einer psychischen Behandlung unterzieht. Alleine die Bewältigung des Alltags in einer Außenwelt, die ihr nur vom Hörensagen bekannt ist, die Wiederaufnahme anderer menschlicher Beziehungen, zu den Eltern und Gleichaltrigen, werden sie vor große Probleme stellen. Aus der Traumaforschung wissen wir, dass seelische Traumen ihre Zeit brauchen, um wenigstens teilweise zu vernarben.

Interview: Edith Meinhart