"Eine Schlacht Schwarz gegen Rot": Elmar Oberhauser im Interview mit profil

ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser über notwendige Sparmaßnahmen, die Fehler des Rechnungshofs, seinen möglichen Nachfolger und ein Hendlessen in der Steiermark.

Interview: Rosemarie Schwaiger

profil: Am 2. April wird ORF-Generaldirektor Wrabetz dem Stiftungsrat sein Sparpaket präsentieren. Wie groß ist die Chance, dafür eine Mehrheit zu bekommen?
Oberhauser: Das kann ich überhaupt nicht einschätzen. Tatsache ist, dass wir seit Wochen intensiv daran arbeiten, aufzulisten, wo der ORF im Jahr 2015 stehen soll. Ich bin überzeugt, dass ein sehr gutes Papier zustande kommen wird. Was der Stiftungsrat oder die Politik damit tun, steht auf einem ganz anderen Blatt. Derzeit ist ja jede Stiftungsratssitzung eine Schlacht Schwarz gegen Rot oder umgekehrt. Die Schwarzen sind immer noch beleidigt über die Wahl von Wrabetz, und die Roten haben ein Problem mit ihm, weil er aus dem Gusenbauer-Eck kommt. Aber das sind doch alles keine Kriterien.

profil: Wie viel Geld soll eingespart werden?
Oberhauser: Das ist noch nicht definiert. Die Politik hat angekündigt, dass wir von der Gebührenbefreiung ersetzt bekommen, was wir selber einsparen. Die Gebührenbefreiung macht 57 Millionen Euro aus, das nehme ich einmal als Richtgröße.

profil: Zusammengerechnet hätte der ORF dann 114 Millionen Euro mehr. Allein der Verlust 2008 lag bei 100 Millionen. Ein dicker Polster ist das nicht.
Oberhauser: Nein, das Budget des heurigen Jahres ist deshalb auch ein ganz dramatisches Sparbudget. In Wirklichkeit muss man auch einmal die Politik daran erinnern, dass sie eine Eigentümerfunktion hat. Von den Rundfunkgebühren, die wir alle zahlen, gehen 120 Millionen an die Länder und 120 Millionen an den Bund. Wenn wir das Geld hätten, könnten wir jetzt aufhören zu reden. Wir haben den Ernst der Lage erkannt, immerhin hat die Geschäftsführung auf 18 Prozent ihres Gehalts verzichtet. Das ist zumindest ein Symbol. Ich glaube, es ist wirklich Sparpotenzial da. Entweder gelingt es, oder es ist eh wurscht. Dann muss es jemand machen, der es besser kann. Ich rede allerdings leicht, weil ich mittlerweile 62 bin.

profil: Nach den neuen Regeln im ORF müssten Sie jetzt in Pension gehen.
Oberhauser: Ich bin sofort bereit, Ihrem Rat zu folgen. Allerdings habe ich einen Vertrag, der noch drei Jahre läuft. Den würde ich gern erfüllen. Ich halte das, nicht auf mich bezogen, sondern generell, für lächerlich: Wieso soll jemand, der etwas kann und gescheit und gesund ist, nicht länger arbeiten dürfen?

profil: Der ORF führt gerade in großem Stil Zwangspensionierungen durch.
Oberhauser: Ja, und das halte ich für einen Quatsch. Ich glaube, dass man da individuell Lösungen finden müsste.

profil: Die ehemalige ORF-Chefin Monika Lindner hat seinerzeit versucht, ihren Kopf zu retten, indem sie Werner Mück opfern wollte. Kann so etwas wieder passieren?
Oberhauser: Ich seh das alles nicht so martialisch. Was heißt opfern? Ich bin mit Wrabetz angetreten und stehe hundertprozentig hinter ihm. Ich glaube auch, dass er ein guter Generaldirektor ist. Mein Schicksal hängt in Wirklichkeit aber von mir selber ab. Der Informationsbereich hat 2008 das Budget um 1,7 Millionen Euro unterschritten …

profil: Nachdem Sie 2007 um 13,2 Prozent mehr verbraucht haben.
Oberhauser: Da haben wir 13 neue Sendungen gemacht. 2008 hatten wir ein Sparbudget, das wir noch einmal unterschritten haben. Das ist eine einmalige Leistung. Ich bin auch wahnsinnig stolz darauf, dass der ORF jetzt in einer Weise unabhängig ist, wie er das schon seit vielen Jahren nicht mehr war. Die Zuschauer honorieren das auch. Wir haben in der Information Zuschauerzahlen wie lange nicht mehr.

profil: Der Rechnungshof hat den ORF vor Kurzem zerlegt. Offenbar fällt Ihnen das Sparen zu spät ein.
Oberhauser: Ich möchte jetzt gar nicht rotzig klingen, aber eines wünsche ich mir: ein Gespräch unter vier Augen mit dem Rechnungshofpräsidenten. Viele Dinge, die in diesem Bericht stehen, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ein Beispiel: Wir haben stundenlang vergeblich versucht, den Beamten zu erklären, dass die durchgeschaltete „Zeit im Bild“ nicht zwei Sendungen waren und die nicht mehr durchgeschaltete „ZiB“ deshalb nicht mit halb so viel Personal auskommt.

profil: Ein anderes Beispiel: Laut Rechnungshof kostet die Sendung „Im Zentrum“ aus dem Haas-Haus um 570.000 Euro mehr als vom Küniglberg. Würde es eine Fototapete vom Stephansdom nicht auch tun?
Oberhauser: Unsere eigenen Berechnungen ergeben, dass es 180.000 Euro mehr kostet. Aber das ist auch viel Geld, stimmt. Das Problem ist vermutlich, dass die hauseigene Technik so hohe Kosten erzeugt. Wir überprüfen jetzt, was die Sendung kosten würde, wenn sie an eine private Produktion vergeben wird.

profil: Teuer sind auch die ORF-Hierarchien. In der Information zum Beispiel gibt es Sie als Direktor, je einen Chef für den aktuellen Dienst und die Magazine und die Sendungsverantwortlichen.
Oberhauser: Journalistische Vielfalt hat ihren Preis. Die Konstruktion im aktuellen Dienst hat sich Chefredakteur Amon gewünscht, und sie funktioniert hervorragend. Aber wir schauen uns jetzt an, ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

profil: Angeblich ist geplant, die Information von Radio und Fernsehen zusammenzulegen.
Oberhauser: Das ist ein Gedanke in meinem Kopf, der im Rahmen dieses Papiers ohne jede Vorgabe diskutiert werden muss. Im ersten Hinschauen hat es einiges für sich, es spricht auch einiges dagegen.

profil: Es würde vielleicht verhindern, dass man bei Veranstaltungen über mehrere ORF-Teams stolpert.
Oberhauser: Das geht mir auch auf den Wecker. Neulich hat mich ein Politiker angerufen und gesagt: Du, bei meiner Pressekonferenz sitzen vier oder fünf Kamerateams von euch, muss das sein? Dort war der aktuelle Dienst, eh klar. Dann der „Report“, auch klar. Dann waren dort zwei Landesstudios – auf die hab ich keinen Einfluss. Und ich glaube, es waren auch noch die „Seitenblicke“ dort. Wir versuchen, über die Disposition dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Aber du kommst in Bereiche hinein, in denen du nichts mitreden kannst.

profil: Sie haben Karl Amon als Chefredakteur geholt. Jetzt wird er als Wrabetz-Nachfolger gehandelt. Könnte er das?
Oberhauser: Der Karl Amon ist einer meiner ganz engen Freunde. Er ist ein exzellenter Journalist, aber ich weiß nicht, ob er da nicht Gefahr läuft, missbraucht zu werden. Ich glaube, das sieht er mittlerweile selbst auch so.

profil: Und wie geht es Ihnen, wenn der niederösterreichische Chefredakteur Richard Grasl als Ihr Nachfolger genannt wird?
Oberhauser: Man kann sich seinen Nachfolger nicht aussuchen. Ich sage ganz pauschal dazu nur eines: Der ORF und die Politik sind gut beraten, diesen Grad an Unabhängigkeit zu erhalten, den die Information derzeit hat. Das darf man nicht gefährden, indem man dort und da Leute hinsetzt, von denen man annimmt, sie könnten einem nützen. Ich glaube auch, dass sich die Journalisten im Haus gewisse Dinge nicht mehr gefallen ließen.

profil: Die Solidarität der Politiker mit dem ORF ist derzeit nicht groß. Gibt es auf der anderen Seite jetzt wieder mehr Begehrlichkeiten? So unter dem Motto: Mach mir das, dann helf ich dir?
Oberhauser: Die hat es gegeben, aber das hab ich abgestellt. Da sind im ersten halben Jahr unglaubliche Dinge passiert. Ich hab das alles gesammelt und werde es ohnehin mal veröffentlichen. Der Höhepunkt war, dass mich der Chef einer österreichischen Parlamentspartei als menschliche Drecksau bezeichnet hat.

profil: Was war der Anlass?
Oberhauser: Wir hatten eine Fernsehdiskussion, zu der der Betreffende eingeladen war. Er konnte nicht und wollte einen Ersatz seiner Wahl schicken. Das hab ich nicht akzeptiert.

profil: Gegen Sie ermittelt gerade der Korruptionsstaatsanwalt wegen einer anonymen Anzeige. Es geht um das Skispringen am Kulm, wo Sie von ÖVP-Stiftungsrat Franz Marhold eingeladen waren. Sie haben sich damit gerechtfertigt, dass Sie dort nur ein Grillhendl gegessen und für den ORF gearbeitet haben. Was gilt denn jetzt: Waren Sie eingeladen, oder haben Sie gearbeitet?
Oberhauser: Das eine schließt das andere nicht aus. Ich war dort als Vertreter des ORF und bin von Marhold zum Abendessen eingeladen worden. Außer diesem Essen habe ich nichts in Anspruch genommen, alle meine Rechnungen selber bezahlt – und zwar die von meiner Frau mit meiner privaten Kreditkarte und die von mir mit der ORF-Kreditkarte. Sauberer geht es überhaupt nicht.

profil: Sie haben sich insgesamt den Ruf erworben, überall dabei zu sein, wo es lustig ist und etwas Gutes zu essen gibt. Es wird Fälle geben, bei denen Sie im Nachhinein kein so reines Gewissen haben.
Oberhauser: Nein. Heuer beim Hahnenkammrennen hab ich das VIP-Zelt nicht einmal betreten, um solchen Dingen aus dem Weg zu gehen. Ich finde, der ORF braucht sich von niemandem einladen lassen. Aber das Haus zu vertreten, Gespräche zu führen und im Interesse des Unternehmens Netzwerke aufzubauen muss möglich sein.

Foto: Monika Saulich