„Eine tödliche Spirale“

Peter Assmann, Direktor der Oberösterreichischen Landesmuseen und Präsident des Österreichischen Museumsbunds, über die Verabschiedung der Bundespolitik aus der Zuständigkeit für die Museen und über die Frage, wie viel Kunst eine Stadt verträgt.

profil: In Wien wird Ende März, nur ein Jahr nach der Neugestaltung der Albertina, wieder ein großes Museum eröffnet, das Liechtenstein-Museum. Kann eine Stadt auch zu viele Museen haben?
Assmann: Man muss hier differenzieren. Wenn sich alle in einem thematischen Feld drängen, dann ist klar, dass ein Ungleichgewicht gegeben ist. Dieses zeigt sich in Wien in letzter Zeit eher auf dem Gebiet der klassischen Moderne. Im Bereich der klassischen Kunstgeschichte – also Renaissance, Manierismus, Barock – hat es ja nur einen Großanbieter gegeben, das Kunsthistorische Museum. Jetzt kommt ein zweiter dazu, und das ist a priori interessant. Der neue Anbieter ist mit großen finanziellen Ressourcen ausgestattet, das stellt Fragen an das Selbstverständnis unserer Kulturpolitik. Was wollen wir mit unseren neuerdings privatisierten Bundesmuseen? Wie sollen sich diese in ihrer finanziellen Ausstattung, ihrer Sammlungspolitik, aber auch in ihrer Ausstellungspolitik gegenüber neuen, wirklich privaten Anbietern präsentieren, aber auch positionieren?
profil: Damit sprechen Sie ganz direkt die Kulturpolitik an.
Assmann: Was uns alle, die wir im Museumsbereich tätig sind, wirklich sehr erstaunt, ist die jüngste Entwicklung im Bereich des Bundes, die immer mehr darauf hinzielt, sich definitiv zu verabschieden aus der Zuständigkeit für die Museen. Wenn ich heute ein Gemeinwesen repräsentiere und auch Steuern dafür kassiere, muss es auch eine Zuständigkeit geben. Ich kann mich nicht darauf zurückziehen, die wirtschaftliche Bilanz zu kontrollieren und das Inhaltliche, das Kulturpolitische jedem Museum selbst überlassen. Dazu ist die Institution Museum zu wertvoll. Ich halte sie für eine für den Fortschritt der Kulturgeschichte immens wichtige Institution. Sie ist der soziale Zugang zu den Schätzen der Vergangenheit, zu den wesentlichen Identifikationsobjekten unserer Kultur, und
der darf nicht infrage gestellt werden. Derzeit wird vom Museumsdirektor
lediglich gefordert, er möge sich primär als der bessere Wirtschafter positionieren, in einem Bereich, der einfach nicht rein betriebswirtschaftlich definiert werden kann.
profil: Die gegenwärtige Museumspolitik argumentiert vor allem mit Besucherzahlen.
Assmann: Es geht alles in Richtung Kurzfristigkeit, kurzfristige Aufmerksamkeit. Dabei dreht sich eine tödliche Spirale
immer weiter nach oben, und auf der Strecke bleibt letztlich der regelmäßige Besucher, der im Museum eine kontinuierliche Arbeit mehr honoriert als ein punktuelles Ereignis. Die Institution Museum ist auf dem besten Weg, ins kurzfristige Unterhaltungsfeld abzugleiten.
profil: Von Kunsthistorikerseite ist in letzter Zeit Sorge geäußert worden, dass die Privatisierung der Museen auf Kosten der Forschung gehe.
Assmann: Gott sei Dank wird das thematisiert. Wir hören immer wieder, Forschung sei Sache der Universitäten, aber das kann sie nur zum Teil sein. Bisher gab es ja eine recht gute Mischung zwischen eher theorie- und ausbildungsbezogener Forschung an den Universitäten und eher am Objekt orientierter Umsetzungsforschung an den Museen. Aber wenn ich als Leiter einer Institution den Auftrag habe, die Einnahmen zu maximieren, dann werde ich mir so etwas wie Forschung nicht leisten, sondern darauf achten, möglichst billig einzukaufen. Und das hat Folgen für die Zukunft. Ein Beispiel: Die erfolgreiche Dürer-Ausstellung in der Albertina ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung in diesem Haus. Wenn diese Forschung wegfällt, was zeigen wir dann in zehn Jahren? Müssen wir dann, allerdings um teures Geld, geistige Inhalte einkaufen?
profil: Haben Sie so twas wie eine Vision für die österreichischen Museen?
Assmann: Eine Vision wäre die, dass nicht nur Einzelaufgaben wie professionelle Ausstellungsvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit oder Professionalität im Sponsorenumfeld im Vordergrund stehen, sondern das Museum als Ganzes. Die große Vision kann nur Kooperation statt Verdrängungswettbewerb lauten. Die Museen gehören uns allen als demokratieorientierten Staatsbürgern. Sie sind unser aller Schätze, auf die wir aufpassen müssen, sie sind aber auch unser aller Identität. Das ist nicht nur die Albertina oder das MuMoK, sondern die ganze Museumslandschaft, und da braucht es klar definierte Partner, die im Großen kooperieren. Es braucht ein koordiniertes Miteinander und dafür eine koordinierende Hand, und die kann nur vom Geldgeber kommen. Dafür gibt es ja Kulturpolitiker: um klare Entscheidungsprozesse zu forcieren. Die sehe ich derzeit leider kaum. Derzeit gibt es vor allem Wildwuchs.