„Eine einzige Staubsaugerversuchsanstalt“

Der Musical-Star, Autor und Regisseur Alexander Goebel erinnert sich an eine Zeit, in der Kokain zu seinem Alltag gehörte und er irgendwann nicht mehr die Kraft hatte, sich ohne das Zeugs die Zähne zu putzen.

Die Achtziger standen in vollem Saft. Vor dem Schauspielhaus in der Porzellangasse eine nicht enden wollende Menschenschlange. „Rocky Horror Picture Show“, drinnen dampfte es jeden Abend. Alexander Goebel war Riff Raff, mit Haut und ohne Haare. Nach dem Dealer musste man nicht rufen, der war ohnehin da. Und zog nicht enden wollende Linien auf dem Schminktisch. Anfangs gratis. Dann griff das Köderprinzip. „Sing nicht auf Koks“, riet der mit der Materie bestens vertraute Richard O’Brien, „Rocky Horror“-Autor und Komponist, seinem Riff Raff, „du wirfst dir die Höhen zusammen.“ Alexander Goebel hielt sich an den Ratschlag: „Das Spielen war mir heilig, da blieb ich clean.“ Danach ging die Post ab. Jede Nacht. Im Szeneclub U4, im Szenelokal Motto, in der Innenstadt. „Gibt es Vitamine?“ oder auch nur „Frohsinn?“, lauteten die Code-Fragen. Und schon waren alle total froh. Manche Lokale glichen einer einzigen „Staubsaugerversuchsanstalt“, die Leute machten sich nicht einmal mehr die Mühe, aufs Klo zu gehen. Es war einfach zu geil: „Man fühlte sich wie ein voll getankter Ferrari, der endlich mit seinem vollen Potenzial losdonnern konnte.“ Vor allem der Sex war hoch wie nie. Der Champagner, die Models und alles mit voller Beschleunigung. Erste Irritationen traten auf, als sexuell nur mehr die Kurzstrecke zu bewältigen war. Es gab Szenefrauen, die bewegten sich für Kokain in den Gefilden der versteckten Prostitution. „Im Burgtheater wird alles anders werden“, sagte sich Goebel, als er an das ehrwürdige Haus engagiert worden war. Doch die Burg erwies sich als ebenso vitaminträchtig wie der Rest der Stadt. Auch dort wurden vereinzelt die Rituale des Frohsinns exekutiert – mit noch höherem Spaßfaktor, „weil es so herrlich verboten war“.

Obelix-Gefühl. Langsam, aber sicher versickerte die Sicherheit nach dem Koks-Konsum, „jedes Mal wie eine Art Obelix aus dem Selbstwerttopf zu steigen“. Die Songkompositionen, die einem scheinbar nur so aus der Feder rannen, erwiesen sich bei nüchterner Betrachtung als Schrott. „Kokain kreiert nicht, es beschleunigt nur“, sagt Goebel heute. Ein Flash der Beklemmung durchzuckte ihn, als er sich bereits beim Aufziehen einer Line die Frage stellte: „Wo kommt die nächste Straße her und wann?“ Da wusste er, dass er ein kleines Problem hatte. Als er an einem Frühlingsmittag mit trockenem Mund aufwachte und sich sofort über die Reste der Vornacht hermachte, „um überhaupt die Kraft zum Zähneputzen zu kriegen“, wusste er, dass er ein großes Problem hatte. Ende der Achtziger beschloss er, „meine private Soap“ für immer zu beenden. Es ekelte ihn vor dem Zeug und vor allem vor sich selbst: „Das ständige Nasenaufziehen, das nicht enden wollende Plappern, diese emotionale Plumpheit und das alles getränkt in dieser gefakten Selbstherrlichkeit, die alles andere verdrängt – widerwärtig!“ Das Loskommen funktionierte in Eigenregie. Goebel verlegte seinen Tag in das Fitnesscenter („Man muss seine Sucht transponieren“), in der Nacht trat er den Rückzug an: „Ich mied die Leute, die Teil meiner verschworenen Koks-Gemeinschaft waren. Ernüchtert betrachtet waren das zum Großteil sowieso Idioten und Arschlöcher.“ Der Appetit auf die Instant-Erregung blieb sieben Jahre im System, heute kann Goebel nur lächeln, wenn er die fiebrig blickenden Karawanen in Richtung sanitäre Anlagen pilgern sieht. Die „Entmystifizierung“ des Kokains erscheint ihm als einzig wirksame Präventionsstrategie: „Kommunikation ist der beste Schutz. Ich wäre schwer dafür, das Zeug zu legalisieren. Nur so kann man ihm das Geheimnis und den Zauber nehmen. Durch Tabuisieren wird der Einstieg für Kids umso interessanter.“