"Eine drollige, eine grauenhafte Welt": Die
Tagebücher der Wiener Jüdin Ruth Maier

Literatur. Bericht aus der Hölle: Die Wiener Jüdin Ruth Maier, die 1942 22-jährig in Auschwitz ermordet wurde, führte ab 1933 ein Tagebuch über die NS-Schreckenszeit.

Der Grundton dieser Aufzeichnungen kippt erst allmählich ins Verzweifelte. Die frühesten Tagebucheinträge, die von Ruth Maier erhalten sind, protokollieren den Alltag eines Schulmädchens, die Chronik einer glücklichen, unbeschwerten Zeit. Die Zwölfjährige schreibt 1933: „Heute haben wir die französische Schularbeit zurückgekriegt. Ich hab 2. Ich bin mit Käthe und Fritzi gut. […] Wir schaukelten, spielten Völkerball.“ Gemeinsam mit Freunden unternimmt Ruth Maier Exkursionen in den Wald, sie berichtet von ihren Klavierstunden, sie schildert die Folgen einer Zeugnisverteilung: „Die Mama war sehr zufrieden, außer Betragen 2.“

Schreibenderweise denkt sie, so träumerisch wie illusorisch, über ihre Zukunft nach: „Ich möchte sehr gern Dichterin oder Schauspielerin werden, aber keinen Beruf haben, bei dem man nicht Großes werden kann“, notiert die Elevin im Oktober 1934 in ein Schulheft, das als Diarium dient: „Ich glaub, ich bin größenwahnsinnig. Vor dem Spiegel mach ich immer solche Grimassen. Ich habe mir schon hundertmal vorgenommen: Ich werde etwas schreiben. […] Ich möcht berühmt werden. Ich möcht nicht tot abfallen wie eine Schraube von einer Maschine.“

Die tragische Lebensgeschichte der Tagebuchverfasserin lässt sich mithilfe von Urkunden, Hotelrechnungen, Krankenblättern, Besucherprotokollen von Bibliotheken, Lohnverrechnungszetteln und einem im Nachlass gefundenen Fotoalbum erstaunlich lückenlos rekonstruieren: Geboren wurde Ruth Maier im November 1920 in Wien als erste von zwei Töchtern eines hohen Beamten der österreichischen Postgewerkschaft. Sie wächst auf in einem literarisch und kulturgeschichtlich interessierten Elternhaus, in dem Religion Nebensache ist; ihr Vater spricht neun Sprachen; noch heute kann sich Judith Su­schitzky, Ruth Maiers jüngere Schwester, an eine immense Büchersammlung in der elterlichen Wohnung erinnern.

„Das Leben könnte gut sein.“ Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich wird die Familie gezwungen, aus ihrem modernen Stadtappartement in der Währinger Hockegasse auszuziehen und ein Zimmer in einer Wohnung im zweiten Bezirk zu mieten. Ende Januar 1939 flüchtet die 18-jährige Gymnasiastin aus Wien in die rund 20 Kilometer von Oslo entfernte Kleinstadt Lillestrøm, wo ein Bekannter ihres 1933 verstorbenen Vaters sich bereit erklärt hatte, ihr Bürge zu sein. In Norwegen verdient sie Geld mit dem Dekorieren von Souvenirs, sie nimmt Zeichenunterricht an einer Kunst- und Handwerksschule, und sie verdingt sich als Modell eines Bildhauers und eines Malers. Im April 1940 greift die deutsche Wehrmacht das skandinavische Land an; im Morgengrauen des 26. November 1942 werden 532 Juden mit dem Frachtschiff „Donau“ vom Osloer Hafen aus nach Stettin deportiert und in Güterwaggons weiter nach Auschwitz verschleppt. Ruth Maier wird gleich nach ihrer Ankunft, am 1. Dezember, in einer der Gaskammern des Lagers ermordet, ihre Leiche im Freien verbrannt. Die sechs Geschwister ihres Vaters und deren Familien fallen fast vollzählig dem Holocaust zum Opfer. An Ruth Maier erinnert in ihrer Heimatstadt heute nur noch eine Inschrift auf dem Familiengrab.

Die Tagebücher der Wiener Jüdin galten ebenfalls mehr als fünf Jahrzehnte lang als verschollen. Sechs der insgesamt acht erhaltenen Journale, Notizbücher verschiedenen Formats und Umfangs, wurden 1995 im Nachlass der norwegischen Lyrikerin Gunvor Hofmo (1921–1995) entdeckt, mit der Maier ein inniges, nicht immer einfaches Liebesverhältnis verband. Die beiden anderen Kladden überdauerten in den Unterlagen von Ruth Maiers Schwester, die 16-jährig im Dezember 1938 mit einem Kindertransport nach England entkommen konnte und noch heute dort lebt (siehe Interview). Mittlerweile befindet sich das Konvolut der Tag-für-Tag-Textzeugnisse Maiers, die laut Verlag von wissenschaftlichen Experten mehrfach auf ihre Authentizität geprüft wurden, als Schenkung im Osloer Holocaust-Zentrum. 2007 erschien erstmals ein Großteil der Tagebucheinträge in norwegischer Übersetzung – mit der Publikation von „Das Leben könnte gut sein“ erhalten nun auch deutschsprachige Leser die Möglichkeit, unmittelbare Eindrücke aus jener dunklen Zeit nachzuvollziehen. Das Buch umfasst Ruth Maiers nahezu ungekürzte Niederschriften der Jahre 1933 bis 1942 (sowie 50 Briefe an die Schwester) und ist damit eines der umfangreichsten jüdischen Lebenszeugnisse in Tagebuchform, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich entstanden.

Ein stetes Schwanken zwischen Jubelstimmung und Betrübnis, zwischen Verliebtsein und Trennungsschmerz (12. Februar 1936: „Ich bin sehr in die Lizzy verliebt.“ 22. Februar 1936: „In die Lizzy bin ich nicht mehr so verliebt“), zwischen Privatem („Über die Seele junger Mädchen könnte man Romane schreiben“) und Weltgeschichtlichem prägt diese Erinnerungen. „Als Hitler Österreich im März annektierte, da war von Krieg überhaupt keine Rede“, vermerkt das Tagebuch unter dem Datum 27. September 1938: „Sämtliche Österreicher jubelten und taumelten vor Begeisterung, Fahnen wurden gehisst, man fiel sich gegenseitig vor Freude in die Arme und küsste sich. […] Die Juden wurden von ihrer bis dahin, wenn auch nicht gleichberechtigten, so doch menschenmöglichen Stellung zu Unmenschen, Schweinen etc. degradiert. Bald nach dem Anschluss machten sich ärgerliche Stimmen bemerkbar. Man hätte sich das alles ganz anders vorgestellt. Diese Unzufriedenen wurden aber bald von Judenhetzen und dergleichen abgelenkt. […] Vielleicht bilde ich mir nur ein, dass wir vor einem großen Wendepunkt in der Geschichte stehen. Vor einem blutigen, grausigen Schauspiel, ja, auf jeden Fall. […] Im Radio spielen sie Schlager. Es ist eine drollige, eine grauenhafte Welt.“

Verstreut innerhalb dieser wiedergefundenen Lebensbeschreibung finden sich erste literarische Versuche und Miniaturen, etwa ein dialogischer Text mit dem Titel „Blätter aus dem Tagebuch eines Krüppels“, sowie kleine Skizzen und Zeichnungen. Selbstbefragung („Will ich Alkohol trinken?“) und Selbstbespiegelung wechseln einander ab, der Eintrag von Ende September 1936 lautet: „Ich denke, ich habe gelebt, 16 Jahre und der Erfolg war: einige Spleens, ein mehr oder weniger blödes Geschreibsel. Und getan habe ich gar nichts, so wird mir mies.“

Pogrome. Besonders jene (nicht allzu häufigen) Passagen, in denen Ruth Maier Geschehnisse und Beobachtungen von ihren Streifzügen durch die Straßen und Gassen der Stadt wiedergibt, fallen dramatisch aus. Anfang Oktober 1938 notiert sie in einem ausführlichen Abschnitt: „Es ist früh, kein Mensch auf der Straße. Ein Jude, jung, gut gekleidet, kommt um die Ecke. Zwei SS-Männer tauchen auf. Der eine und auch der andere geben dem Juden eine Ohrfeige, der taumelt … hält sich den Kopf … geht weiter.

Ich, Ruth Maier, 18 Jahre alt, frage nun als Mensch, als Mensch, frage die Welt, ob dies sein darf … Ich frage, warum dies erlaubt ist, warum ein Germane, ein Deutscher einen Juden ohrfeigen darf, aus dem einfachen Grund, weil der eine Deutscher, der andere Jude ist!

Ich rede nicht von Pogromen , von Ausschreitungen gegen Juden. Vom Fenster-Einhauen, Wohnung-Plündern … Es kommt darin die bodenlose Gemeinheit nicht so zum Ausdruck. Aber hier, in dieser Ohrfeige.
Wenn es einen Gott gibt … ich glaube nicht daran und ich rufe ihn nicht gerne beim Namen … aber jetzt ich muss es sagen dem da oben … wenn es einen Gott gibt: Diese Ohrfeige, die muss mit Blut … mit … womit muss diese Ohrfeige gesühnt werden? Und ich will euch sagen, euch allen, euch Ariern, Engländern, Franzosen, die ihr das duldet: Diese Ohrfeige, die müsst ihr alle verantworten, denn ihr habt sie geschehen lassen. Und dass so viel Leid ist. Immer nur Leid. Was sagt das besser als der Jude, der taumelt und dann … weitergeht.“

Bereits vor der so genannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, der vom NS-Regime organisierten und gelenkten Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der Juden, mehrten sich die Übergriffe. Ruth Maier schildert und reflektiert die Gräuelszenen in ihren Notaten: „Es gab nie ein Ereignis in der Geschichte von solchem Elend und Unglück, solcher Erniedrigung, Scham und Bestialität. Dass wir es ertragen, wundert mich. Dass wir trotz all dem nicht den Gashahn aufdrehen, in die Donau springen. […] Man stelle sich die grauenhaften Szenen vor. […] SA-Männer kommen in die Wohnungen, Bücher requirieren, sagen: ‚Ah, den Heine lesen die Juden.‘ Verbrennen Heine, Zweig, Schnitzler. ‚Das internationale Gesindel!‘ […] Sie prügeln die Juden und wollen sie an Laternen aufhängen. Sie rufen ‚Hepp, hepp‘. […] Sie reißen den alten Juden an den Bärten, sie hauen die Frauen. Sie schlagen die Fenster ein. […] Man presst die Lippen fest zusammen: Mittelalter. Die Träume, meine Kinderträume, meine Liebe zu den Menschen, diesen elenden Bestien … Weil ich Jüdin bin, wollen sie mich morden. Nein, und es ist so, ich muss es sagen: ‚Sind wir Vieh, Tiere? Sind wir Menschen?‘ – ‚Ja‘, sagt Herr Goebbels, ‚wie die Flöhe auch Tiere sind.‘ Im Jahre 1938 war es sehr dunkel auf der Erde.“ (Tagebucheinträge vom 9. und 16. Oktober)

In einem Anfang Februar 1939 verfassten Brief berichtete Ruth Maier, deren Leseliste deutsche und internationale Klassiker wie Goethe, Novalis, Heine, Schiller, Büchner, Schnitzler, Knut Hamsun, John Steinbeck und Tolstoi umfasste, ihrer Schwester in England neue Lektüreeindrücke: „Weißt Du, dann hab ich auch Hitlers ‚Mein Kampf‘ gelesen. Was er alles über die Juden schreibt, ist grandios. Überhaupt ist alles, jedes Wort, jede Zeile eine Beleidigung gegen all das, was Du heilig hältst. Du sollst es lesen.“ Die jüngere der beiden Maier-Schwestern hat das Hitler’sche Machwerk zeitlebens nicht angerührt.

Von Wolfgang Paterno