„Eine Wolke aus Trauer, Schmerz und Verlust“

Michel Friedman, Autor, TV-Moderator und ehemaliger Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, über die übertriebene Sehnsucht nach Normalität und Wolfgang Schüssels Tabubruch.

profil: Am 22. Februar stellen Sie im Literaturhaus Salzburg Ihren Roman „Kaddisch im Morgengrauen“ vor, in dem ein Mann seinem schlafenden Kind die Geschichte seiner Eltern erzählt, welche die Shoah überlebt haben. Was bedeutet es für Sie, eine Lesung in Österreich abzuhalten?
Friedman: Der Dialog mit den Menschen gehört für mich wie der Sauerstoff zum Leben. Auch wenn der Dialog kontrovers ist und schmerzhaft, gibt es doch nichts, was das Gespräch ersetzen kann. Und wie man weiß, fürchte ich mich nicht vor Gesprächen.
profil: Wenn Sie dieses Buch vor zehn Jahren geschrieben hätten, wie hätten diese Gespräche wohl ausgesehen?
Friedman: Ich hätte dieses Buch vor zehn Jahren nicht geschrieben. Das Thema der zweiten Generation, der Kinder der Überlebenden und der Täter, kann erst seit einigen Jahren wirklich in einen Dialog umgesetzt werden.
profil: Wie leben die Kinder der Opfer heute?
Friedman: Man muss sich bewusst machen, dass Kinder von Überlebenden neben dem Sonnenschein, mit dem sie aufwachsen, auch immer eine Wolke am Himmel sehen. Eine Wolke, die sich aus Trauer, Schmerz und Verlust gebildet hat. Es ist schmerzhaft zu merken, dass die eigenen Eltern ihr Leben zutiefst verunsichert und ängstlich bewältigen müssen.
profil: Und die Kinder der Täter?
Friedman: Was mich immer erstaunt hat, war die scheinbare Leichtigkeit, mit der man sich in den Täterfamilien emotional von allem fern gehalten hat. Aber die Schweige- und Verdrängungsspirale der Täter und Mitläufer hat natürlich auch Konsequenzen für ihre Kinder und Enkelkinder. Die Sprachlosigkeit setzt sich in der nächsten Generation fort und führt zu Hilflosigkeit. Geschichte ist ja immer auch Familiengeschichte.
profil: Wie beurteilen Sie den Versuch der Aufarbeitung der österreichischen Geschichte?
Friedman: Ich glaube, dass diese übertriebene Sehnsucht nach „Normalität“, nach dem „Nach-vorne-Schauen“ eher ein Problem als eine Lösung darstellt. Die mangelnde Streitkultur hat auch mit dieser Verdrängungserfahrung zu tun. Wer zu Hause nichts hinterfragen durfte oder konnte, hat nicht gelernt, angstfrei mit Konflikten umzugehen.
profil: Dabei gibt es nicht wenige, die meinen, Österreich und Deutschland hätten ohnehin alles ordentlich aufgearbeitet.
Friedman: Wenn wir so erfolgreich sind, wie kommt es dann, dass bei Umfragen 20 Prozent aller Österreicher und Deutschen antisemitischen Stereotypen anhängen? Dass 25 Prozent der Deutschen sagen, das Schlimmste für sie wäre ein jüdischer Nachbar?
profil: Wie sehen Sie die Situation der Juden in Österreich?
Friedman: Es ist sicher nicht ganz einfach, hier als Jude zu leben. Immer wieder wurde versucht, Geschichte umzuschreiben und sich vom Mitläufer- zum Opfervolk umzustilisieren. Österreich war jenes Land in Europa, das eine Partei, die rassistische und antisemitische Stereotype vertreten hat, in die Regierung genommen und damit einen unerträglichen Tabubruch begangen hat.
profil: Kann sich ein Land von so einem Schritt nicht auch erholen?
Friedman: Man kann sich natürlich davon erholen. Aber solange Bundeskanzler Schüssel im Amt bleibt, wird die Aufarbeitung eher verhindert werden. Letztendlich war ja er dieser Tabubrecher.