„Einige Opfer waren gute Freunde von mir“

Der polnische Starregisseur Andrzej Wajda über das von ihm verfilmte nationale Trauma Katyn und unerwartete Folgen des Absturzes der Präsidentenmaschine.

Interview: Otmar Lahodynsky, Warschau

profil: Sie haben 2007 Ihren Film über das Massaker von Katyn fertig gestellt. Was ging in Ihnen vor, als Sie erfuhren, dass vergangenen Samstag, 70 Jahre später, dort ein Flugzeug mit polnischen Spitzenpolitikern, Armeechefs, Diplomaten und Angehörigen von Opfern abgestürzt ist?
Wajda: Es ist eine furchtbare Tragödie für alle Polen. Wir müssen alles über die Ursachen des Absturzes erfahren – ob es ein technisches Gebrechen, ein Pilotenfehler oder etwas anderes war. Da darf es keine Unklarheiten geben.

profil: Es gibt krude Verschwörungstheorien im Internet.
Wajda: Ich möchte keinerlei Verbindung zwischen dem historischen Ereignis und dem Unglück herstellen. Ein Flugzeug kann überall abstürzen. Das Verbrechen von Katyn ist einzigartig und ohne jede Präzedenz begangen worden. Es wurden sonst keine Kriegsgefangenen ermordet, auch nicht in Hitlers Deutschland.

profil: In Mauthausen wurden durchaus russische Soldaten umgebracht.
Wajda: Ich meinte die polnischen Kriegsgefangenen, die 1939 von den Nazis eingesperrt wurden. Von ihnen haben die meisten überlebt. Das Verbrechen von Katyn basiert auf einer einzigen Unterschrift von Stalin. 22.000 polnische Offiziere und Intellektuelle wurden vom sowjetischen Geheimdienst NKWD im Jahr 1940 systematisch ermordet. Stalin wollte sich damit seinen Sieg in Polen ebnen, und er war der Auffassung, dies sei eine richtige Maßnahme. Denn von diesen Leuten erwartete er den stärksten Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft.

profil: Und niemand im Zentralkomitee der sowjetischen KP wagte, Stalin zu widersprechen?
Wajda: Nein, ganz im Gegenteil. Auf dem Dokument, das das Massaker anordnete, stehen alle Unterschriften. Es wurde vom Geheimdienstchef Lawrenti Beria verfasst, der mit diesem Vorschlag zu Stalin gekommen war.

profil: Bis heute wurde kein einziger der sowjetischen Befehlshaber oder Teilnehmer der Erschießungskommandos vor Gericht gestellt.
Wajda: Ja, das stimmt, aber heute lebt ja von den damaligen Machthabern niemand mehr.

profil: Und die Todesschützen?
Wajda: Sie wurden kurze Zeit später alle umgebracht, um Spuren zu verwischen. Stalin wollte dieses Verbrechen den Deutschen zuschieben. Aber im Frühjahr 1940 war nur der sowjetische Geheimdienst NKWD dort. Erst ab 1941 kam die Wehrmacht nach Russland. Die Massengräber wurden 1943 entdeckt.

profil: Wie Sie in Ihrem Film „Katyn“ am Ende bei den fast unerträglichen Erschießungsszenen zeigen, wurden dabei deutsche Pistolen mit deutscher Munition verwendet.
Wajda: Ja, das sollte den Beweis für die deutsche Täterschaft liefern. Aber die NKWD-Leute verwendeten auch deshalb deutsche Walther-Pistolen, weil diese technisch bei solchen Massenerschießungen am wenigsten Ausfälle hatten. Die Sowjets haben sogar versucht, das Verbrechen bei den Nürnberger Prozessen behandeln zu lassen, das ging aber schief. Denn es gab deutsche Offiziere und auch amerikanische Fachleute, die sehr deutlich auf die Spuren verwiesen, die zu sowjetischen Tätern führten. Stalin musste einen Rückzieher machen.

profil: Obwohl im kommunistisch regierten Polen von 1945 bis 1989 offiziell nie über die sowjetische Schuld am Massaker von Katyn gesprochen werden durfte, hat jeder Pole Bescheid gewusst?
Wajda: Ja, die Polen wussten, wer das Verbrechen begangen hat – trotz aller KP-Propaganda. Das lag auch an den Briefen der gefangenen polnischen Offiziere an die Angehörigen. Nach dem März 1940 wurden mit einem Schlag keine mehr versendet. Als die deutsche Wehrmacht 1943 die Massengräber von Katyn fand, wusste man lange nichts vom Schicksal der Gefangenen der anderen Lager. Mein Vater wurde in einem NKWD-Keller in Charkow ermordet und wurde dort auch begraben.

profil: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Russen und Polen heute? Ihr Film „Katyn“ lief vergangene Woche im Hauptabendprogramm eines staatlichen russischen TV-­Senders.
Wajda: Mein Film konnte den russischen Zuschauern zeigen, was sie nie zuvor gesehen hatten, nämlich wie Stalins Verbrechen wirklich ausgesehen haben, wie präzise und vorsätzlich und mitleidslos sie ausgeführt wurden. Ich hätte vor der Flugzeugkatas­trophe in Smolensk nie damit gerechnet, dass dieser Film jemals im staatlichen russischen Fernsehen gezeigt werden würde. Mein Film lief zuvor in keinem einzigen Kino in Russland. Dass er nun ins russische Fernsehen kam, muss ganz klar politisch angeordnet worden sein.

profil: Vermutlich von Premier Wladimir Putin persönlich.
Wajda: Das nehme ich an. Anders wäre es wohl nicht möglich gewesen.

profil: An der russischen Botschaft in Warschau hat ein Pole ein Plakat am Zaun angebracht mit der Aufschrift: „Danke, Premierminister Putin“.
Wajda: Ich sehe das als ganz bewussten Plan Moskaus. Die russische Führung versucht jetzt, endgültig mit Stalin abzurechnen. Und dazu bietet mein Film einen guten Start. Am 9. Mai sollen ja wieder Siegesfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Russland stattfinden. Und Putin möchte nicht, dass bei den Aufmärschen irgendwelche Banner oder Bilder Stalins auftauchen. Er hat dem Moskauer Bürgermeister Luschkow ein umfassendes Verbot jeglicher Stalin-Bilder angeordnet. Das heißt, er ist entschlossen, eine umfassende Kritik des sowjetischen Systems zuzulassen.

profil: Sollte es noch eine Geste der Entschuldigung seitens Russlands geben?
Wajda: Nein, da geht es nicht mehr um Entschuldigung. Im Jahr 2004 ­haben die Russen uns informiert, dass die Ermordung von über 20.000 Polen als einfaches Verbrechen verjährt sei. Aber für uns ist es ein Kriegsverbrechen, das nicht verjähren kann. Wir müssen durchsetzen, dass uns alle noch geheimen Unterlagen zu ­Katyn, die in russischen Archiven liegen, zur Verfügung gestellt werden. Ich hoffe sehr, dass sich dieser Weg jetzt öffnet.

profil: Und wie bewerten Sie die Situation in Polen nach dem Flugzeugunglück? Es ist erstaunlich ruhig.
Wajda: Polen ist eine Demokratie. Nur Länder mit einem totalitären System wären nach so einem Unglück in Gefahr. Bei uns regeln Verfassungsbestimmungen genau, wer bei einem solchen Unglück den Präsidenten oder die Oberbefehlshaber der Armee vertreten wird. Wir trauern um die Opfer des schrecklichen Unglücks. Einige von ihnen waren sogar gute Freunde von mir.

profil: Aber Sie haben gerade in einem gemeinsam mit Ihrer Gattin verfassten Brief vor einer Spaltung Polens gewarnt, weil Staatspräsident Lech Kaczynski in der Königsgruft auf dem Wawel in Krakau beigesetzt werden soll.
Wajda: Wir sind der Meinung, dass diese Beisetzung in einer Zeit, in der wir gemeinsam trauern, einen Vorwand für Konflikte liefert. Viele Polen sind der Auffassung, dass diese Gruft eigentlich nicht mehr für neue Präsidenten zur Verfügung stehen sollte. Marschall Pilsudski, unter dessen Führung Polen nach 1918 wieder unabhängig wurde, sollte der letzte Präsident bleiben, der dort beigesetzt wurde.

profil: Nach all diesen nationalen Tragödien und der tiefen Spaltung unter der Herrschaft der Kaczynski-Zwillinge ist Polen heute in der EU geradezu ein Hort der Stabilität geworden. Es gibt ein hohes Wirtschaftswachstum, und die Blockadepolitik gegenüber der EU ist auch vorbei.
Wajda: Ja, das stimmt. Da habe ich keine Sorgen. Aber Sorge macht mir, dass schon in zwei Monaten die Präsidentenwahlen stattfinden werden. Und da könnten wir so manche Überraschung erleben.

profil: In welcher Richtung?
Wajda: In völlig unerwarteter Richtung. Wir waren vor dem Unglück der Auffassung, dass die politische Situation so weit klar ist, dass der Kandidat des Bürgerforums, der amtierende Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski, der nun die Amtsgeschäfte des Staatsoberhaupts führt, auch sicher zum nächsten Präsidenten gewählt wird. Wir kennen ihn und wissen, dass er der richtige Mann ist. Aber plötzlich kommen leidenschaftliche Emotionen und Aufgeregtheit in der Bevölkerung ins Spiel. Das könnte jemand ausnützen und damit die Leute manipulieren.

profil: Spielen Sie damit auf Jaroslaw Kaczynski, den Bruder des umgekommenen Präsidenten und Ex-Premier, an? Hat er Chancen, ins höchste Amt zu gelangen?
Wajda: Darauf kann und will ich nicht antworten. Aber ich bin mir sicher, dass er nicht am Rande stehen wird. Er wird versuchen, seinen alten Einfluss wiederzuerlangen.

profil: Ihr nächster Film soll das Leben des Solidarnosc-Gründers Lech Walesa schildern.
Wajda: Es soll aber keine Biografie werden. Ich möchte vielmehr aufzeigen, was die Einmaligkeit dieser Person ausmacht. Da gibt es einen einfachen Werftarbeiter, der plötzlich zum Anführer wird. Das ist keine gängige Karriere. Es begann mit einem normalen Streik um höhere Löhne. Die damaligen kommunistischen Machthaber stellten sich auf Verhandlungen mit einem einfachen Arbeiter ein, nicht mit Beratern wie Professor Bronislaw Geremek oder Tadeusz Mazowiecki. Das ist ein interessantes Thema. Und was wurde daraus? Die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. Das hat sich alles so harmonisch entwickelt, als ob dies nicht bei uns in Polen stattgefunden hätte.

profil: Letztlich wurde damals von Lech Walesa und seinen Beratern der Fall des kommunistischen Systems eingeleitet.
Wajda: Ja, daran gibt es heute gar keinen Zweifel mehr.

profil: Sie haben sich ja schon 1977 in Ihrem Film „Der Mann aus Marmor“ mit dem Stalinismus auseinandergesetzt. Erkennen Sie im Stalinismus noch immer eine Gefahr?
Wajda: Wir wissen noch immer zu wenig dar­über, etwa über den ungeheuren Druck auf Kulturschaffende. Darüber habe ich auch mit russischen Filmregisseuren wie Andrzej Tarkowski ausführlich gesprochen. Dagegen konnten wir Filmschaffende aus Polen ja fast schon frei arbeiten. Wir konnten sogar im Westen Filme drehen. In Frankreich zeigte man für die polnische Geschichte ja schon fast mehr Interesse als in meinem Land.

profil: Noch einmal zu Katyn. Mein Vater hat 1943 als Wehrmachtssoldat die Exhumierung der Leichen in Katyn inspiziert. Die Eindrücke wurde er sein Leben lang nicht los.
Wajda: Da erzähle ich Ihnen jetzt eine wahre Begebenheit, die mir bei Recherchen zu meinem Film berichtet wurde. Damals, also 1943, arbeitete ein polnischer Hauptmann als Forensiker in Katyn. Da fragt ihn der deutsche Oberstarzt, wie lange die Leiche schon in der Erde gelegen habe. Seit ziemlich genau drei Jahren, antwortet der Hauptmann. „Woher wissen Sie das so genau?“, fragt der Deutsche. Darauf der Hauptmann: „Ich weiß dies deshalb so genau, weil ich an der Universität Berlin bei Ihnen Gerichtsmedizin studieren durfte.“