Einstürzende Blechbauten: Das Gastspiel der polioversehrten Musiker von Staff Benda Bilili

Staff Benda Bilili, eine Gruppe polioversehrter Musiker aus Kinshasa, sind mit ihren fabulösen Tanzklängen zum ersten Mal in Österreich zu erleben.

Von Thomas Mießgang

Die Truppe erinnert an eine Motorradgang. Ein pittoresker Haufen, der so aussieht, als sei er direkt aus dem apokalyptischen Kinostück „Mad Max“ auf die Bühne gerollt: Mopeds, mit Schrottteilen von der Müllkippe zu extravaganten Dreirädern umgerüstet, dunkelhäutige Männer mit tief ins Gesicht gezogenen Hüten und Baseballmützen, die statt Schusswaffen allerdings Gitarren schwenken. Die Musik der achtköpfigen Band Staff Benda Bilili aus Kinshasa, einer Gruppe polioversehrter Musiker, entspricht der Optik: Sie klingt wie die Klangkulisse eines metallverarbeitenden Betriebs, bei dem im Hintergrund ein Transistorradio läuft. Fetzen von kongolesischer Rumba, Blues, Reggae und Funk im klassischen James-Brown-Stil werden vom Klink-Klonk selbst gebastelter Perkussionsinstrumente interpunktiert, bittersüße Melodien nach dem Vorbild des Rumba-Königs Franco mäandern über kargen, rudimentären Bass- und Gitarrenfiguren: einstürzende Wellblechbauten, gewissermaßen. Davor produziert sich der 19-jährige Roger Landu, ein ehemaliges Straßenkind, mit schimmernden, oszillierenden Zittertönen auf seinem Instrument Satongé, einer Eigenkonstruktion aus einer blechernen Milchkanne, einem Stück Holz, einer darübergespannten Saite.
Staff Benda Bilili – in deutscher Übersetzung etwa: Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen – sind die jüngste Sensation auf dem Weltmusikmarkt. Ihre Geschichte enthält genügend soziokulturelle Dramatik, um über die engere Szene der Wellness-Hörer bei Freiluftfestivals hinaus Interesse zu wecken. Es ist die Selbstermächtigungsstory einer Gruppe Verdammter dieser Erde, die eigentlich keine Chance hatten und diese trotzdem nutzten: Coco Ngambali und Ricky Likabu, zwei an Kinderlähmung erkrankte Männer, die sich seit den Siebzigern kennen, versammelten im Lauf der Jahre eine Gruppe ähnlich Gehandicapter – und formten daraus ein Musikeinsatzkommando, das verwegen durch Kinshasa rollte, um vor Restaurants und Kulturzentren für eine Hand voll Münzen zum Tanz aufzuspielen.

Folkklänge. Eine Mischung aus Sozialhilfeprojekt, musikalischer Animation und politischer Kritik, die sich in scharfen Texten gegen korrupte Machthaber und soziale Missstände manifestiert.
Für die Transformation der regionalen Initiative von der Straßenecke in ein globales Phänomen sorgten jüngst die französischen Regisseure Renaud Barret und Florent de la Tullaye, die die Band jahrelang begleiteten und ihre Geschichte, nüchtern und ohne falsche Sozialromantik, dokumentierten. Ihr Film „Benda Bilili!“ wurde beim diesjährigen Filmfestival in Cannes in Anwesenheit der Musiker präsentiert und löste enthusiastische Resonanzen aus. Davor schon war die CD „Très très fort“ erschienen, aufgenommen vom Produzenten Vincent Kenis mit mobilem Equipment im Zoo von Kinshasa, dem Basislager der Musiker. Der Belgier Kenis hat sich in den vergangenen Jahren zum einflussreichsten Talent-Scout auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt. Seine Mission: Musik im Rohzustand zu dokumentieren, ohne Synthesizerglasur und Autotune, die gern verwendet werden, um die omnipräsenten monotonen Soukous-Klänge aus dem Kongo in Pariser Studios für europäische Ohren zu glätten. Kenis hat der Welt mit seinem Label „Crammed Discs“ bereits „Konono No.1“ und die „Kasai Allstars“ beschert, zwei Ensembles, die Folkklänge aus dem kongolesischen Hinterland mit der Ästhetik defekter Lautsprecher und des Instrumenten-Recyclings aus Zivilisationsmüll ebenso vermählen wie Staff Benda Bilili. Mit seinen rollenden Derwischen peilt er nun die nächste Stufe des Projekts an, rauer Straßenmusik aus Kinshasa zu Weltgeltung zu verhelfen. „Die Hauptstadt ist das Tor zum riesigen Talentreservoir des Kongobeckens“, sagt Kenis. „Jeder, der im Pop was zu sagen hat, zuletzt Blur-Chef Damon Albarn und The Roots, reist irgendwann einmal hierher."